Mehr Licht, bitte

16. Jänner 2011, 18:54
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    foto: apa/patrick pleul

    Morgendämmerung. Die Tage werden wieder länger!

Warum sich die schlauen Pflanzen nicht von der längeren Tageslichtdauer täuschen lassen, erklärt Gregor Fauma

Mir ist so fröhlich zumute! Seit 22. Dezember 00:38 Uhr ist es so weit - die Tage werden wieder länger. Jeden Morgen geht die Sonne um erfreuliche vier Minuten früher auf und abends ein wenig später unter. Ich weiß das, denn ich schaue jeden Morgen im Wetterpanorama des staatlichen Fernsehens die Sonnenaufgänge über den Alpen an. Schön, wenn es in Wien bereits hell ist und die Leut' in Bludenz noch im Dunkeln tappen und bei den folgenden Kameraeinstellungen diverse Gletscher im Morgenrot dahinschmelzen.

Mit jedem Photon mehr, das meine Retina erreicht, steigt meine Lebenslust - und mit dieser auch die gärtnerische Ungeduld; eine Eigenschaft, mit der ich in der schneebedeckten Frost-, Gatsch- und Nässezeit leider gesegnet bin. Dass mit Beginn des Winters die Tage wieder länger werden, ist aber nicht nur uns Menschen ein schwacher Trost, auch vielen Pflanzen geht es so. Sie spüren zwar, dass es lichtmäßig wieder aufwärts geht, registrieren aber ebenso, dass die graue Zeit erst so richtig begonnen hat. Die Temperaturen schaukeln sich im Minusbereich ein, und zwischen Himmel und Erde schiebt sich eine amorphe Schicht sonnenundurchlässiger Wolken. Die Vogerln schweigen für Wochen, die Weinbergschnecken kleben irgendwo an der Wand, und die Grillen haben hoffentlich rechtzeitig ein schützendes Erdloch gefunden. Stille Nacht, im wahrsten Sinn.

Temperaturdifferenzen zwischen Tag und Nacht

Aber wie schaffen es die Pflanzen, nicht auf die verlängerten Lichtperioden hereinzufallen und aufzublühen? Sollte mehr Licht nicht auch höhere Temperaturen bedeuten, worauf die in Kälte ruhenden Augen vulgo Triebspitzen ihren Namen gerecht werden und so richtig lostreiben? Nicht ganz. Die klugen Pflanzen lassen sich von der Tageslichtdauer nicht hereinlegen und rechnen dazu die Temperaturen gegen. Aber auch in diesem Fall reicht nicht bloß das Erreichen einer gewissen Temperaturhöhe. Dann würde ja ein warmer Tag mitten im Februar die Rosen zum Austreiben bringen - so einfach geht das nicht.

Als doppelte Rücksicherung messen die Sensibelchen die Temperaturdifferenzen zwischen Tag und Nacht, berücksichtigen dabei natürlich auch Absolutwerte und tauschen sich zusätzlich über die Dauer des Tageslichts aus. Das klingt dann ungefähr so - Gänseblümchen: "He, Lilie, zum Austreiben ist es eigentlich ausreichend warm, oder?" Lilie: "Ja, eh, aber die Nacht ist definitiv noch zu kalt - ich warte lieber noch." Gänseblümchen: "Na geh, sei nicht so feig, und ausreichend Licht haben wir auch schon ..." Lilie: "Mach was du willst, ich warte noch."

Sie sehen, es mag Uneinigkeit unter den Pflanzen herrschen, und es preschen mitunter einige vor. Das ist dann bei Alleebäumen spannend zu beobachten, wer aus der Reihe tanzt und sein frisches Grün als Erster zeigt. Da gibt es zögerlicher Zauderer und tolldreiste Draufgänger - und jede Strategie kann erfolgreich sein. Wer viel riskiert, früh austreibt und auf ein laues Frühjahr setzt, kann erfolgreich sein, so Spätfröste ausbleiben. Diesen Vorsprung nimmt ihm keiner. Wer jedoch zuwartet, kann mitunter in Ruhe zusehen, wie die Voreiligen noch Anfang Mai derfrieren, und braucht dann seine Bestäuber nicht mit diesen, durch pubertär überhöhte Risikobereitschaft zu früh Gestorbenen, zu teilen. Also, sowohl die graue Gatschzeit als auch die Pflanzenphysiologie erfordern Geduld. Bitter genug.

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Kommentar posten
21 Postings
mbli
00
18.1.2011, 14:42
jedenfalls ist es spürbar länger tag!

Hyla Arborea
03
17.1.2011, 21:27
Bitte es ist folgendes:

Leider läuft es "in echt" nicht ganz so mit der beschriebenen Zunahme der Tageslänge um täglich 4 Minuten in der Früh....Sonnenaufgang in Wien am 22.12.2010 war 07:43, heute am 17.01.2011 war er um 07:39....am Abend läuft es zur Zeit flotter....einfach nachschauen unter http://www.zamg.ac.at/klima/sonne_mond/ oder aus dem Fenster schauen statt ins Fernsehkastel...bei den beschriebenen täglichen 4 Minuten mehr, wären wir schon bei einem Sonnenaufgang um ca. 06:00.....

Gregor Fauma1
 
01
18.1.2011, 15:43
Lieber Laubfrosch

auch das stimmt nicht ganz. Wegen der Zeitgleichung (der Differenz zwischen wahrer und mittlerer Sonnenzeit), die erklärt, warum schon 10 Tage vor der Wintersonnenwende der früheste Sonnenuntergang zu messen ist - und ca.10 Tage nach der Wintersonnenwende der späteste Sonnenaufgang zu beobachten ist. Diese Unschärfe wollte ich den LeserInnen ersparen. Sie ändert auch nichts an der Geschichte zur Lichtmessung zwecks Austreibtermin.

Hyla Arborea
01
18.1.2011, 17:27

Lieber Fauma, alles kein Thema; mir wären die 4 Minuten pro Tag ohnehin auch mehr als recht gewesen; wahrscheinlich ist mein Frust darüber, dass es eben nur ca. 4 Minuten seit dem Solstitium an morgendlichem Tagesgewinn sind, mit mir durchgegangen....mangelnder Lichtgenuss erfordert eben den Ausgleich mit vergorenen Säften der Sangiovese-Traube, unter anderen...sehr zum Wohle!

Gregor Fauma1
 
01
18.1.2011, 19:24
stimmt genau

speziell die Sangiovese von den Colli d´Imola sind ein Hit: weniger stoffig, trinkfreudiger und von wunderbarer Wärme. Lesens einmal hier: http://www.speising.net/reisen/to... im_herbst/

Hyla Arborea
01
18.1.2011, 20:33

Mille grazie, auch! Ihre Zeilen von dieser Herbstreise haben mir schon allein vom lesen einige Kilos zusätzlich gebracht, es sitzt jetzt etwas olfaktorisch, gustatorisch und quasi nasal-trigeminal fest...

Gregor Fauma1
 
01
18.1.2011, 20:36
Hui

... nasal-trigeminal ... sehr fein!

mbli
00
18.1.2011, 14:45
danke für den link!

lesen büldet
00
18.1.2011, 09:20

bravo, genau das wollt' ich ihm auch grad schreiben.
scheint sich um eine faumafama zu handeln...

Lilith Boessse
 
00
17.1.2011, 18:39
wobei die gänseblümchen die

ärgesten draufgänger_innen sind.

die blühen ja mitunter sogar unter der schneedecke!

coole kleine blume.

Preger
00
17.1.2011, 18:48
...der ganz normale Alltag...

...jeder Schneerose...

Lilith Boessse
 
00
17.1.2011, 21:08
ja, aber ist die schneerose nicht eine

frühlingsblume?

das gänseblümchen blümt ja tatsächlich 24/7/12/365

Preger
00
17.1.2011, 23:15
Ja!

Da haben S' auch wieder recht. Hoch lebe Ihr schnatterndes Bluemchen.

Preger, Teilzeitkuenstler/In

Kra Wuzikabuzi
00
17.1.2011, 15:06
Lux fiat

Da braucht wer eine Lichttherapie....

Aber zugegeben, mir gehts genauso.

Preger
10
17.1.2011, 11:24
Sehr gut!

Ein "Sehr gut" haette der liebe Herr Fauma fuer diesen Schoenen Aufsatz bei mir in der Unterstufe bekommen.

Gregor Fauma1
 
00
17.1.2011, 12:46
Na fein!

Das wäre dann mein erstes "Sehr gut" gewesen. Danke trotzdem.

Preger
00
17.1.2011, 21:22
Hm...

...das spricht aber nicht gerade fuer den Standard...

Gregor Fauma1
 
00
18.1.2011, 15:28

... oder spricht nicht gerade für dessen Leser, die der Standard in deren Bedürfnissen ja nur spiegelt, Herr Preger, hm?

Preger
00
18.1.2011, 16:02

Der Standard soll ueberhaupt nix spiegeln. Er ist ja nicht die Krone, oder taeusche ich mich, Herr Fama, hm?!

Gregor Fauma1
 
00
18.1.2011, 16:07

Nein, natürlich nicht. Der Standard ist kein Unternehmen, er verfolgt ausschließlich hehre Ziele und die Bedürfnisse seiner Kunden, pardon, Leser, sind im Jacke wie Hose. Preger, Sie waren sicher Musterschüler, oder? Zumindest so sympatisch ...

Preger
00
18.1.2011, 16:19
Obacht!

Nicht alle Musterschueler muessen automatisch sympathisch sein!

@ Der Standard: Naja, Der Standard preist sich halt eine "Qualitaetszeitung" zu sein. Und als solche kann er per se sein Faehnchen nicht immer in den Wind irgendwelcher "Kundenbeduerfnisse" haengen. Oder?

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