Strümpfe zum Abnehmen

13. Jänner 2011, 17:30
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Erotisierende Bettwäsche ist der neueste Schrei aus der Kosmetotextilbranche - Diese überschlägt sich mit ausgefallenen Produkten

Verdutzte Blicke sind dieser Bettwäsche gewiss. Seit diesem Herbst hat die französische Einzelhandelskette Carrefour einen erotisierenden Bezug aus Biobaumwolle im Sortiment. Ein textiles Viagra gewissermaßen. Ätherische Öle von Ylang-Ylang und anregende Gewürzdüfte, die in Mikrokapseln auf dem Stoff haften, sorgen für intensiveren Sex, behauptet Technologiemanager Raymond Mathis vom Chemieunternehmen Cognis in Monheim. Aus seinem Betrieb stammt nicht nur die aphrodisierende Duftmischung, sondern auch die Technik, die Bettwäsche in ein Duftkissen zu verwandeln. Die Hälfte der Paare, die sich für das französische Prüfinstitut SpinControl in die Duftlaken wickelten und Sex hatten, habe ein intensiveres Erlebnis als im heimischen Bett empfunden, schildert Mathis.

Die Bettwäsche ist der neueste Schrei aus der Kosmetotextilindustrie. Sie kombiniert Kleidung und Kosmetik, mal Creme, mal Parfum, und überschlägt sich geradezu mit ausgefallenen Produkten. Viele ihrer Erfindungen kommen und gehen. Vanilleduftende Unterhosen, eine Anti-Cellulite-Jeans von Miss Sixty, kühlende Sportshirts von Adidas. "Unsere Kunden machen zwei Kollektionen, vielleicht ein paar 100.000 Klamotten. Dann kommt das Nächste", beschreibt Mathis. Die Wechselhaftigkeit der Abnehmer bedingt ein launisches Geschäft - und für die Verbraucher einen undurchsichtigen Markt. Über diesen lässt sich nur eines mit Gewissheit sagen: dass er langsam, aber sicher wächst.

Aloe Vera und Jojoba in Strümpfen

Es ist allerdings nicht Erotikbettwäsche, die in Massen gekauft wird. Vielmehr: "Kosmetik ist bei unseren Socken und Strumpfhosen inzwischen Standard", berichtet Pressesprecherin Cornelia Krichhelle von der Immenstädter Firma Kunert. "Nahezu alle Produkte tragen das." Vor allem Aloe vera und Jojoba stecken in Feinstrumpfhosen, Kniestrümpfen und Söckchen. Stewardessen bekommen Gingkoextrakte auf die Beine aus einer speziellen "Fly and Care"-Strumpfhose. Geforscht wird in Immenstadt am Anti-Cellulite-Beinkleid und an der textilen Fußpflege für den Mann. Die Creme im Strumpf wird nicht einmal mehr besonders beworben.

Meeresalgen, Vitamin E, Aprikosenöl und Sheabutter streicht die Strumpfhose "Straff & Schön" des Konkurrenten Nur Die den Damen auf die Beine. Marketingleiterin Sandra Riße führt elf weitere Kategorien von Kosmetotextilien auf. Grapefruitduft im Nylon soll im Sommer erfrischen, Minze die Füße kühlen. Seidenproteine und Aloe Vera pflegen angeblich die Haut. Silberionen und andere antibakterielle Zutaten sollen den Schweißgeruch unterdrücken.

"Mit der Ausrüstung folgen wir Konsumentenwünschen", behauptet Riße. Doch die Kennzeichnung auf den Produkten von Nur Die ist ebenso zurückhaltend wie bei Kunert. Es liegt nahe, dass zumindest einige Kunden eher unbewusst zur textilen Beinkosmetik greifen. Wohin die Branche strebt, demonstriert unterdessen der französische Hersteller Lytess, der seit 2003 sein Geld nur mit Kosmetotextilien verdient. 2007 meldete der Neuling einen Umsatz von knapp fünf Millionen Euro. Leggins, Korsagen und Pantys in allen erdenklichen Schnitten und in vier Varianten sollen jeweils unterschiedliche Effekte erfüllen: Die einen cremen, die anderen liften, wieder andere machen schlank, und weitere bringen die Figur in Form, erfährt man auf der Webseite. Firmengründer Philippe Andrieu verbreitet frohe Kunde: 2013 werde der weltweite Markt für Kleiderkosmetik auf 500 Millionen Euro wachsen.

"Am gefragtesten sind zurzeit Produkte gegen Orangenhaut", berichtet Mathis und sieht darin ein Paradebeispiel für sinnvolle Kosmetotextilien. "Wenn man sich den Po und den Oberschenkel jeden Morgen eincremt, ist man eine Weile beschäftigt. Kosmetotextilien machen nicht so viel Arbeit. Einfach anziehen, fertig." Die Wirkstoffe sind im Stoff üblicherweise dieselben wie in der Tube: Coffein, Retinol und Algenextrakte sollen die unansehnlichen Hautdellen glätten. Das einmalige Eincremen der Problemzonen wird durch permanentes Reiben und Komprimieren des Textils ersetzt. Mikrokapseln auf dem Stoff platzen auf und geben die Wirkstoffe frei, erklärt Textilchemiker Jan Beringer von den Hohenstein Instituten in Bönnigheim.

Keine unabhängigen Studien

Nach sechs Woche in einer Anti-Cellulite-Strumpfhose hätten die Frauen durchschnittlich acht Millimeter Oberschenkelumfang verloren, beteuert Mathis und verweist auf Untersuchungen von Prüfinstituten. Solche Studien werden durchweg von den Herstellern in Auftrag gegeben. Rein akademische und unabhängige Analysen von Universitäten oder Hochschulen gibt es nicht.

"Ich glaub eher nicht an eine Wirkung", sagt Chemiker Detlef Kusche von der Umweltanalytik- und Forschungs GmbH in Lichtenstein, der immer wieder Muster der Branche auf Inhaltsstoffe untersucht. Genauso wie gewöhnliche Kosmetik Orangenhaut nicht in jugendliche Form bringt, wird auch die Creme aus der Kleidung keine Wunder vollbringen. Das darf man getrost unterstellen.

Die erfinderische Branche will der angestammten Kosmetikindustrie keine Konkurrenz machen, sondern ihre eigene Nische aufbauen. Die perfekte Konsumentin ist die, die morgens dutzende Lotionen aufträgt und dann noch das liftende Höschen und die kremende Strumpfhose überstreift.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Kosmetika gelten für die Wirkstoffe in Bekleidung keine speziellen Verbote oder Vermarktungsauflagen. Lediglich die Verbrauchernachfrage entscheidet binnen einer Saison über Flop oder Top. Wenn man von Socken und Strumpfhosen absieht, kann sich duftende oder feuchtigkeitsspendende Kleidung oft nicht lange am Markt halten.

So brüten kreative Köpfe ständig neue Ideen aus, wie man den Käufer ködern könnte. Einen Sonnenschutz zum Anziehen haben Forscher an den Hohenstein Instituten entwickelt. Für eine andere Produktidee hat das Institut dagegen noch keinen Partner gefunden: Ein spezieller Pyjama soll die Haut auf das Sonnenbad am nächsten Tag vorbereiten und sie in der Nacht danach wieder beruhigen. Wenn dieser Schlafanzug nur ja nicht die Wirkung der Erotikbettwäsche zunichtemacht! (Susanne Donner/Der Standard/rondo/14/01/2011)

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    Geforscht wird in Immenstadt am Anti-Cellulite-Beinkleid und an der textilen Fußpflege für den Mann. Die Creme im Strumpf wird nicht einmal mehr besonders beworben.

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