Der Baum darf leben

  • Die Silbertanne haut nichts so schnell um - außer die Weihnachtszeit.
    foto: apa/alois litzlbauer

    Die Silbertanne haut nichts so schnell um - außer die Weihnachtszeit.

Über die Unsitte der Silbertanne im Vorgarten und ihre Vorteile in der Weihnachtszeit sinniert Gregor Fauma

Irgendwann, vor einigen Jahrzehnten etwa, müssen die Vorläufer von Dehner, Bakker und Lederleitner ein bisserl einen Poscher gehabt haben - und die Kunden sind ihnen gefolgt wie Lumpi seinem Herrl. Wie sonst ist es zu erklären, dass nahezu alle Vorgärten im Niederösterreichischen mit Silbertannen verdunkelt sind? Was vielleicht einmal als Miniaturgarten lieb ausgesehen hat, wuchs sich über die Jahre zu prächtigen Erscheinungen aus, die raumgreifend Schatten werfen und in ihrer näheren Umgebung wenig dulden.

Zwischen Himberg und Herzogenburg ist die Silbertanne an der Hausmauer Pflicht, meist im kleinen Rudel mit Kiefer und Wacholder auftretend. Im Unterschied zur Thuje dürfen die Silbertannen hingegen wachsen, wie Gott oder Evolution es so geplant beziehungsweise nichts Gravierendes dagegen hatten. Schön stehen sie da, silbergrau, frei von Schädlingen und kerngesund. Die Silbertanne haut nichts um, so kalt kann es gar nicht werden. Es ist eher die trockene Luft, die ihr im Sommer zusetzen kann. 

Das Problem ist die Bindung

Wirklich wohl fühlt sie sich im Gebirge, am besten an der Küste Nordwestkaliforniens, wo es ausreichend regnet, die Sommer nicht wirklich heiß sind und man sie sonst in Ruhe lässt. Darf sie wachsen, erreicht sie eine Höhe von 80 Metern und lässt die allwetterbeschindelten Einfamilienhäuser an den Ortsrändern ziemlich klein aussehen. Das Problem ist die Bindung an diese meist schön gerade gewachsene Pflanze - man kann sie nicht einfach umhacken, kleinschneiden, häckseln und drechseln, das lassen die Emotionen nicht zu. Was man aber schon machen kann, ist, das untere Drittel der Äste zu entfernen. Dann kann man sich ein Bankerl darunterstellen und den kühlen Schatten eines heißen Sommers genießen.

Aber auch die Freuden eines winterlichen Maronigrills im vor dichtem Schneefall geschützten Tannenraum sind nicht zu verachten. Ran an die Sägen! Die dustere Weihnachtszeit bietet eine weitere Gelegenheit, die Tanne zu nutzen. Dicht mit Leuchtketten behängt stehen sie im Dunkel der Nacht, Plastikrehlein, Gartenzwerge und andere Wunderlichkeiten begleiten sie bodennahe und sollen heimelige Weihnachtszeit vermitteln. Soll sein. Wie leicht schreibt es sich doch recht überheblich über diese kitschige winterliche Vorgartenidylle. Doch mit welchem Recht? Mit keinem. Gehört man doch selbst zu den zahlreichen Hinschlachtern, die zur Weihnachtszeit Gans, Karpfen, Mistel und Tannenbaum ein Ende setzen. Das große Sterben hat begonnen.

Die Tannen-Passion

Geht es bei Fisch und Vogel noch relativ schnell, so zieht es sich beim Weihnachtsbaum, sei es Tanne oder Fichte, doch über Tage und Wochen hin. Zuerst werden die später Bestaunten von ihrem Versorgungssystem, den Wurzeln, getrennt, dann dürfen sie von einem Moment auf den nächsten einen Temperatursprung von ca. 30 Grad mitmachen, bevor sie, halb verdurstet und im Staub erstickt, ihre Nadeln abwerfen, bald als Ganzes in den magistratischen Bio-Mulden landen bzw. kleingeschnitten im Kachelofen knisternd in Ruß und CO2 aufgehen. Dessen eingedenk rückt die Silbertanne der Vorgärten in ein ganz anderes Licht. Sie darf leben, Freude und Sauerstoff spenden, und wenn sich der Halter im Advent ein paar Zweigerln abzwickt, so sieht sie ihm das milde nach. Es hat doch alles zwei Seiten, wenn man nur will. Frohes Fest und viele Gartenbücher! (Gregor Fauma/der Standard/rondo/24/12/2010)

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