Wenn Väterchen Frost so richtig zuschlägt, ist es höchste Zeit, die tropischen Gewächse in Sicherheit zu bringen -
Als grundfauler Mensch hatte ich dieses Jahr keinen Stress mit dem jährlichen Umstecken auf Winterreifen. Die waren nämlich schon drauf - als Ergebnis meiner Frühjahrsmüdigkeit und der daraus resultierenden, richtig, Faulheit. Die Sommerreifen blieben 2010 unberührt. Mein Stress ist anderer Natur.
Ab Mitte November verfolge ich akribisch die Wettervorhersagen und unterziehe die prognostizierten Celsiusgrade einem Algorithmus, der auf Ungläubigkeit und Trägheit basiert. Werden also Minusgrade prognostiziert, sagt mir mein Algorithmus, dass es schon nicht so schlimm sein werde, dass es im geschützten Innenhof eh nie so kalt werde wie draußen auf der Straße, dass ein paar Stunden unter null noch niemanden geschadet hätten und dass sich die Wetterdolme doch eh wieder irren würden.
In Wahrheit machen diese modernen Vogelflugleser doch gemeinsame Sachen mit den adventmärktlichen Socken- und Pulloververkäufern, auf dass diese früher ein besseres Geschäft mit ihren dicken, selbstgestrickten Wollschläuchen machen. Mir könnt ihr nichts erzählen! Doch dann kommt der Moment. Der Moment, an dem ich nach einem langen Arbeitstag komplett geschlaucht nach Hause komme, es nur noch zwei Grad Celsius hat und für die Nacht minus fünf Grad angesagt sind. Ja! Panik. Jetzt muss selbst ich handeln, und zwar rasch.
60-Liter-Töpfe schleppen
Da die Mehrzahl meiner eingetopften Schönheiten tropischer Natur ist, darf ich nicht mehr zögern und muss Baum für Baum in Sicherheit bringen. Fein, dass ich am Vortag die 60-Liter-Töpfe noch reichlich gegossen habe, jetzt sind sie richtig schwer und lassen sich nur widerwillig in Sicherheit bringen. Schwitzend, fluchend und keuchend wuchte ich im Dunkel der Winterzeit Tonne um Tonne, gegen alle Regeln für einen gesunden Rücken, Richtung Stiegenhaus - der sichere Hafen für diese Breiten ungeeignete Pflanzen. Dass die Engelstrompeten auch dieses Jahr wieder gewaltig gewachsen sind, bemerke ich bei dieser Gelegenheit recht deutlich, ist doch das Stiegenhaus erstmals zu niedrig, und meine Lieblinge schleifen an der Decke. Der Oleander bekommt wieder seinen Platz am Tor, und die Pflanze mit den bestduftenden Blättern überhaupt, das Wandelröschen Lantana, verströmt ihren würzigen Duft unterhalb der Briefkästen. Aber where the fuck soll ich den Solanum rantonnetti, auch Enzianstrauch gerufen, hintun? Und steht es überhaupt dafür, die allürenhaften Kapkörbchen über den Winter zu bringen? Herrjeh! Es steht immer dafür.
Selbst die als einjährig gedealten Leucanthemum-Büsche danken das Fullservice im Folgesommer mit wohlwollendem Flor, und die zickigen Kapkörbchen werden zwar wie immer nicht blühen, aber ich rede mir halt ein, dass mir auch ihr Laub gefällt. Die größte Freude bereiten mir aber jene vermeintlichen Leichen, für die im Winter im Stiegenhaus kein Platz mehr ist, die im zeitigen Frühjahr mehr als tot und teilvermodert wirken, um dann doch noch aus dem einen oder anderen Auge heraus neu auszuwachsen und meine Geduld mit extra vielen Blüten zu danken. Geduld? In Wahrheit stecken wieder Faulheit und ein "Nixweghauenkönnen" dahinter, dass die Halbtoten nicht auf dem Kompost landen, sondern wieder zu Lebenden erwachen. Aber über diese kleinen Erfolge können die Damen und Herren aus dem tropisch anmutenden Stiegenhaus in der Wiener Vorstadt nur milde schmunzeln. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/10/12/2010)