Wie riechen Rosen gleich noch einmal?

12. Dezember 2010, 17:17
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Geschulte Nasen im Parfum-Blindtest: Winzer Willi Bründlmayer, Kaffeeröster Christian Schrödl und Parfümeur Yogesh Kumar

Yves Saint Laurent – Opium


foto: hersteller

"Puh", entfleucht es Winzer Bründlmayer als Erstem. Nach kurzem Gelächter fährt er fort, "beim Wein beginnen wir normalerweise mit den Leichten und Trockenen". Heute ist es andersrum. Kaffeeröster Christian Schrödl lässt sich davon nicht lange beirren. Ganz im Gegenteil, er meine gar, den "süßlichen Kräuterton" schon einmal irgendwo gerochen zu haben. Für einen Moment ist die Stimmung wie bei der alten TV-Sendung Glücksrad, wenn auch ohne Buchstaben an der Wand und ohne die typische Catchphrase "Ich möchte bitte lösen". Der erste und gleichzeitig letzte Lösungsversuch jedenfalls fällt sogleich: "Darf ich sagen, was das ist? Ich glaube Irish Moos."

Was sind schon Namen? Für Maßparfümeur Yogesh Kumar jedenfalls: reine Nebensache. Viel interessanter wäre es doch, zu beobachten, was dieser "stark synthetische Duft" mit dem eigenen Körper bewirke. "Das limbische System wird hiervon vollkommen zugesprüht", erklärt Kumar. Kaffeeexperte Schrödl sieht sich gleich veranlasst, einen draufzusetzen, er würde den Duft deswegen "im unteren Preissegment ansiedeln". Winzer Bründlmayer, in seinem Urteil nicht weniger zaghaft, versucht sich in einer Visualisierung von potenziellen Trägern des gesuchten Parfums. Man kenne ja diese Menschen, die erstmals beim Betreten eines Raumes eine regelrechte Wolke versprühen. Lieber nachfragen, heißt das jetzt: tragen oder nicht tragen? "Vor 25 Jahren vielleicht, lacht Christian Schrödl in ansteckender Manier auf, "heute bestimmt nicht mehr". Das läge aber auch daran, dass prinzipiell nicht jeder jeden Duft tragen könne, spricht Yogesh Kumar dazu ein Fachwort, genauso wenig, wie jeder "ein opulentes, prächtiges Kleidungsstück" (wie er es mit dem Duft assoziiert) anziehen sollte.

Nach dieser unerwarteten Auflösung, einen regelrechten Parfumklassiker wortwörtlich vor der Nase gehabt zu haben, finden wir drei sichtlich überraschte Experten vor. "Opium von Yves Saint Laurent bin ich auf jeden Fall anders gewöhnt. Diese Süße, die ich beim Gedanken daran in der Nase habe, finde ich hier nicht", erklärt Kumar.


Nina Ricci – L'Air du Temps

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"Üppig" und "fruchtig" fallen die Zuschreibungen zu Duft Nummer zwei aus. Schwere Kost? Yogesh Kumar beschreibt erste innere Widerstände: "Merken Sie, wir atmen sofort hinunter. Der automatische Widerstand des Körpers meldet sich, was auch der Grund ist, warum viele Leute einen Duft nicht aushalten." Nicht weniger schmeichelhaft assoziiert Willi Bründlmayer damit "Großmütter" und "altmodische Vorhänge mit Rüscherln". Nur Kaffeeröster Schrödl will Rosentöne bemerken. Was prompt eine kleine Debatte darüber zur Folge hat, wie denn nochmal Rosen überhaupt riechen. Nein, nein, nein, echte Rosen habe er auch nicht gemeint, sondern höchstens eine ähnliche Duftnote, die "verfälscht durch etwas Säuerliches und einem Kräuterton" daherkomme, beschwichtigt der gut gelaunte Kaffeeexperte. In Wahrheit will der "Omaduft" auch nach der Auflösung nicht so recht polarisieren.


Armani – Code

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Erst mal ein Geschlecht zuordnen. "Das riecht nach Frauenduft", bemerkt Schrödl sogleich. "Und nach Weihnachten", ergänzt Kumar. Nur bei Winzer Bründlmayer fließen dazu facheigene Assoziationen: "Ich würde ihn von der Farbe her als gelb sehen und als Wein konkret mit einem Chardonnay assoziieren." Gelb ist schon mal gut, "Pfirsich-Aprikosen-Anklänge und Vanille" filtert nämlich auch Christian Schrödl an Aromen heraus. Der Parfümeur unter den Experten ist hierbei auf ein "Geheimnis" gestoßen: Bei diesem Duft wäre signifikant, dass man nach dem ersten Hauch mehr und mehr haben wolle. Beobachtet habe Kumar das an seinem Gegenüber Christian Schrödl, der bei Duft Nummer eins sofortig den Duftstreifen weggelegt hätte, während er bei diesem immerzu wieder daran riechen würde. Das nenne man auch die Magie eines Duftes. "Wie zwei Welten", bemerkt Christian Schrödl nach der Auflösung und leitet das wirklich letzte Bashing auf Duft Nummer eins ein.


Zippo Original

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"Männerduft!", die Expertisen Wein und Kaffee sind sich einig. "Da müssen Sie die Grauzonen sehen", bemäkelt Parfümeur Kumar, "der hat männliche und weibliche Teile, wie das heutzutage oft passiert." Auf jeden Fall wäre Duft Nummer vier "rauchig" und daher vor allem "ideal zum Schweißübertünchen", lautet die praktische Analyse von Winzer Bründl-mayer, der mit seinem geistigen Auge bereits die dazugehörige Werbung sehen könne, "die auf irrsinnig schnell und männlich tun würde". Damit dass der "frische, lemonartige" Duft strengen Körperdüften gut entgegenwirken könnte, arrangieren sich schlussendlich alle. Dennoch bleibt das abschließende Resümee zum ersten Mal nicht einstimmig. Für den Weinspezialisten Bründlmayer ein Paradebeispiel von "einem Duft, den es auch als Duschzusatz gibt", für Kaffeekenner Schrödl "ganz nett" und "viel weniger aufdringlich und süß als der Vorgänger". Dementsprechend "stark" findet Schrödl nach der Auflösung auch die Tatsache, dass die dennoch vorhandene süße Note einem urmännlichen Feuerzeughersteller entstammen könne.


Martin Margiela – (untitled)

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Fast kann man das "Mmh" hören, das den drei Experten gerade durch die Nasen zieht. Lobgesang, die Erste, by Christian Schrödl: "Sehr fein, sehr dezent, aber schön ausgeprägt." Lobgesang, die Zweite, by Yogesh Kumar: "Dieser Duft möchte nicht jemandem gefallen, sondern steht für sich allein. Würdevoll und selbstwissend, will er niemanden beeindrucken." Einzig für Weinspezialist Willi Bründlmayer bleibt "ein kleines Fragezeichen" stehen, das aber auch neugierig machen würde. Dieser Duft als Wein, was würde das sein? "Da würde ich noch nicht ganz reife, grüne Trauben sehen, also eine Art Cuvée vom Muskateller und Grünen Veltliner. Der Reifegrad entspricht ungefähr 16 Grad Klosterneuburg." Heiter gesinnte Experten sind gute Experten. Willi Bründlmayer zückt nach einem Kugelschreiber und notiert den Name des Duftes: "Das wäre der Erste, der bis jetzt für mich infrage käme."


Calvin Klein – Beauty

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Bloß keine vorschnelle Adelung treffen, es geht gleich opulent weiter. "Das ist Pfirsich und Melone!", ruft Schrödl. Im Gegensatz zu manchen Omadüften würde dieser trotz fruchtiger Note moderner rüberkommen", zieht Bründlmayer Duftvergleiche. Dass er "kuschelig" und "sehr rund in der Nase" wäre, ist die eine Seite, resümiert Yogesh Kumar, aber interessant wäre vor allem seine ungleiche Entwicklung. Der Duft würde sich am Anfang sehr gut entfalten. Dann komme jedoch eine versteckte, synthetische Note zum Vorschein, die für den Käufer auch eine schnelle Enttäuschung bedeuten könnte. Schokoladig und nussig wie Kaffee riecht Duft Nummer sechs jedenfalls sicher nicht, trotzdem ruft der Duft bei Schrödl ein fernes Bild von einem Kaffeestrauch in Ägypten ab.


Acqua di Parma – Colonia Intensa

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Farbassoziationsskala: ausschließlich grün. So grün, dass Yogesh Kumar die "kräutrigen und konzentrierten Inhaltsstoffe wie Anis und Pinie in der Nase stechen". Willi Bründlmayer entgrenzt sich gleich dank Wacholderduft an trockene Mittelmeergebiete, und Christian Schrödl folgt ihm – zumindest assoziationsweise – in den Urlaub im Riechorgan. Den Duft wolle sich Kaffeeröster Schrödl auf jeden Fall merken. Auch wenn sich langsam bei allen der Parfum-Overkill breitmacht und Schrödl verkündet "wie sehr er sich langsam schon wieder auf seine Röstnoten freue".


Van der Cleef & Arpels – Oriens

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Schwindende Riechmotivationen? Davon ist noch nichts zu merken: Von der Kaffeeexpertenseite heißt es sofort Stichwort "Zuckerwatte", vom Weinfachmann: "Fruchtjoghurt". Dass diese starke Süße sehr oft Bestandteil von modernen Kompositionen wäre, die anfangs noch angenehm wirken, aber dann in das Gegenteil umschwenken würden, analysiert Fachmann Yogesh Kumar das trendige Konzeptparfumverfahren "ohne Seele" von heute. Ob Geistestiefe oder nicht, zu süß ist es ihnen jedenfalls allen – auch nach der Auflösung.


Gucci by Gucci

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Wäre der Vorherige zu süß, zu reif, zu dekadent gewesen, zieht Parfumhersteller Yogesh den direkten Vergleich zum letzten Testduft, der dagegen sagen würde: "Ich möchte meine nette Seite zeigen." Der Winzer und der Kaffeeexperte finden eher, wenn der Duft etwas sagen könnte, dann wäre das wohl: "Ich würde gerne ein Geschäft mit Ihnen machen." Eine Frau im Anzug stellt sich Willi Bründlmayer vor, und außerhalb des Büros könnte sie den Duft sogar für Weinverkostungen tragen. Der wäre sehr akzeptabel dafür, da gäbe es oft Katastrophen. Richtig unmöglich wird's erst, als sich Winzer Bründlmayer spontan eine Weinsorte zum Duft vorstellt: "Der erinnert mich an einen Cuvée aus Traminer, Vio-gnier und Riesling in Barrique ausgebaut. Also an etwas, das es gar nicht wirklich gibt."


Unsere Nasen

Willi Bründlmayer

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Der Winzer bewirtschaftet seit 1980 zusammen mit seiner Familie das Weingut Bründlmayer in Langenlois. www.bruendlmayer.at


Christian Schrödl

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Der Kaffeeröster führt seit fast einem Jahrzehnt die Kaffeerösterei Alt Wien in der Wiener Schleifmühlgasse 23. www.altwien.at


Yogesh Kumar

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Der Parfumeur betreibt in der Kirchengasse 24 im siebenten Wiener Bezirk Das Parfum. Dort kann man sein individuelles Parfum herstellen lassen. yogesh-parfum.com

(Nadine Obermüller/Der Standard/rondo/10/12/2010)

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