Angesichts seiner großen Klasse ist der italienische Sprudel namens Franciacorta erschreckend unbekannt - Selbst den Vergleich mit Champagner würde er locker aushalten, meint Luzia Schrampf
Wenn ein Getränk im Glas prickelt, hebt das die Stimmung in der Sekunde. Bei Franciacorta kommt der Duft nach reifen Sommerfrüchten dazu, der frische Geschmack und die feinen mineralischen Noten. Vergleicht man das Getränk allerdings mit Champagner (was sich angesichts der hohen Güte aufdrängen würde), handelt man sich eine Rüge ein. Denn die Protagonisten der Region, vom Consorzio bis zu den Erzeugern, entziehen sich dem Infight mit dem alles überstrahlenden Vorbild in Sachen Sprudel und betonen vehement die Unterschiede: 40 Jahre alt sei man doch erst, während Champagner auf 400 Jahre Geschichte zurückblicke. Zehn Millionen Flaschen Franciacorta werden jährlich produziert, ein hoch exklusives Produkt, wenn man an die Jahresproduktion von Champagner von etwa 350 Millionen Flaschen denkt. Die Rebsorten sind nur teilweise dieselben, die Hektarerträge niedriger. Dafür lagert Franciacorta länger auf der Hefe als Champagner. Nur bei der Herstellungsmethode pocht man auf den Vergleich: Flaschengärung nach der Méthode traditionelle ist eben das Beste, um feine Bläschen ins Getränk zu bringen.
Franciacorta besticht auch mit der Übersichtlichkeit seiner Stile. Brut, Extra brut oder Non dosé (Dosage zéro), Satén und eine Topcuvée bilden das Grundgerüst jedes Hauses. Diese werden mit Jahrgang versehen oder auch nicht. Und das war's auch schon. Satén ist eine Spezialität, die ausschließlich aus Chardonnay bzw. den weißen Sorten erzeugt wird und dank des um ein Bar geringeren Drucks feingliedriger und cremiger wirkt als Brut und Co. Sehr beliebt sind "Dosage Zéro" oder "Extra Brut"-Versionen, bei denen ohne oder mit knapper Dosage gearbeitet wird, was den Geschmack nach reifen Südfrüchten mit Knackigkeit unterlegt.
Nicht viel am Hut mit Schaumweinen
Vor den 1960ern hatte man in der Region nicht viel am Hut mit Schaumweinen. Angesagt waren weiße und rote Stillweine aus Rebsorten, die heute völlig weg vom Fenster sind. 1961 hatten die Berlucchi-Brüder gemeinsam mit Franco Ziliani nach einer Tour durch die Champagne die zündende Idee: Denn kalkreiche Böden hatte man auch in der Heimat, dem Dreieck zwischen Iseo-See, Monte Orfano und der Industriestadt Brescia. Chardonnay und Pinot Noir können unter vergleichsweise kühlen Umständen auch hier reifen. Und das mit der Méthode traditionelle probierte man eben aus.
Die Idee wurde aufgegriffen. Ca'del Bosco und Bellavista sind heute die bekanntesten Häuser. Beide Gründer haben ihr Geld in anderen Wirtschaftszweigen gemacht und es in der Region in den Weinbau investiert. Und sie haben auch einiges an Ideen in die Entwicklung der Stile und der Gegend gesteckt. Die Protagonisten dieser großen Häuser waren es auch, die die strengen Regeln für die Franciacorta-Erzeugung aufgestellt haben. Vor dem Hintergrund ihrer Managementerfahrungen legten sie von Anfang an den Fokus auf Qualitätskontrolle und überlegte Vermarktung. Auch hier nahm man sich die Champagne als Beispiel, vor allem wie der Regionsbegriff gehandhabt wird: nämlich die Region als alleiniges Markeninsignium zu etablieren. Das Wort Spumante auf den Etiketten ist im Zusammenhang mit Franciacorta per Gesetz verboten: "Es ist viel zu allgemein, steht nicht für das Premiumprodukt, das Franciacorta nun einmal ist" - und das man am liebsten zum Essen serviert: Denn guter Wein, auch sprudelnder, gehört nun einmal zu einem guten Mahl. (Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/03/12/2010)