Einmal jährlich "Schneiden & Legen" - und sei's bei einer Rose - schafft eine Bindung, die ein Leben lang hält
Es ist vollbracht. Nach Stunden übelster manueller Tätigkeit lehnt sie jetzt da, in einem Mörteltrog voll Wasser. Viel ist nicht von ihr übriggeblieben. Ein brutal ausgekrampelter, kurzgehackter Wurzelballen, ein stachelfreier Stamm, ein paar einjährige Triebe. Aber anders wäre das nicht zu schaffen gewesen. Ich hoffe, sie wird sich im neuen Garten erholen. Doch langsam, was war geschehen?
Vor sieben Jahren steckte ich keck eine 50-Cent-Abverkaufskletterrose in ein Loch, das ich zuvor in den Beton an der Hausmauer im zugigen Hof gehackt hatte. Nun, Rose scheint mir fast übertrieben; es war ein Asterl, versiegelt auf einem Stück Rosenwurzel, ohne Blätter, stattdessen ein paar Augen genannte Triebspitzen, die auf ein mildes Frühjahr hofften. So did I, und es kam, dass dieses Verreckerl sich offensichtlich auf Bauschutt sehr wohlfühlte, Trieb für Trieb der Sonne entgegenreckte und mit jedem Jahr an Höhen- und Quadratmetern zunahm.
Eitel bis boshaft
Um sie zu ehren, setzte ich Lavendel und weiße Glockenblumen zu ihren Füßen und bereicherte ihr Leben mit weißen und blauen Clematishybriden. Sie dankte es, und wir verstanden einander. Bitte nicht missverstehen, in Wahrheit war ich nicht überglücklich mit dieser Rose und würde auch nie von der großen Liebe meines Lebens sprechen. Ich sehe zum Beispiel ihr Rot sehr schlecht, das liege an meiner Rot-Grün-Schwäche, was wieder mit meinem Y-Chromosom ... egal. Es ist ein Rot, das ein wenig ins Dunkelrosa abdriftet, eher matt denn leuchtend. Weiters duftet sie nicht, womit ich nur sehr schwer klarkomme. Auch remontiert, erblüht sie nach dem gewaltigen Juni-Flor erst wieder gegen Ende August, und sie scheint mir darüber hinaus ein wenig eitel bis boshaft zu sein. Ich unterstelle ihr, auf Wurzelebene die anderen hinzugesetzten Rosen (eine Alte Englische, eine New Dawn und eine Orange Queen) zu mobben und diese nachgerade am Wachstum und Blühen massiv zu hindern. Auch die Glockenblumen und Lavendel wurden sukzessive zaghafter und wagten nur noch sehr scheues Erblühen, stets darauf bedacht, La Kletteros nicht zu erzürnen. Mit den Clematis konnte sie jedoch sehr gut, zogen diese im Rahmen der ersten wirklich warmen Nächte doch sämtliche Blattläuse an sich und hielten die Rose frei von saugendem Schädling (nur Ameisen würden die Laus Nützling nennen).
Als Eitle, Anzubetende ging sie auch gerne einmal zum Coiffeur. Einmal im Jahr stand im Salon Fauma "Schneiden & Legen" auf dem Programm. Und hier liegt wahrscheinlich die gegenseitige Bindung begraben. Als Laienwinzer weiß ich einen Stock zu schneiden, und bei den Rosen verhält es sich genau so wie beim Wein: Man schneide den kompletten, zweijährigen Trieb hinter dem ersten, stamm-nächsten einjährigen ab, biege diesen stramm-elastischen Einjährigen in die Horizontale und achte darauf, dass das stammentfernteste Auge möglichst weit nach unten gezogen wird. Mit diesem Schnitt ausgestattet war für immerwährende Schönheit und korrektes Wachstum gesorgt, und der Herr Coiffeur konnte Jahr für Jahr die Blüten seiner äußerst schmerzvollen Tätigkeit stolz den staunenden Braundaumen und Garteneleven präsentieren und auf das gesunde Grün der Blätter verweisen. Mit der großen Liebe des Lebens wäre ich wahrscheinlich eh nicht so glücklich alt geworden. Es hat schon alles seine Ordnung. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/03/12/2010)