Felsenbirnendiktat

28. November 2010, 18:53
  • Die Felsenbirne macht sich gut im Garten, wenn man sie sich selbst aussuchen kann. 
Foto: www.pixelio.de/raggedrobin/m
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    Die Felsenbirne macht sich gut im Garten, wenn man sie sich selbst aussuchen kann.

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Wird in Wien ein Baum umgeschnitten, muss eine Ersatzpflanzung vorgenommen werden. Das hat so seine Tücken, berichtet Gregor Fauma.

Neues Heim, Glück allein - von wegen. Wenn in Wien wo ein Baumerl umgeschnitten wird, um Architekten und Baumeistern Platz für ihre Betätigung zu geben, so müssen diese Bäume ersetzt werden. Man spricht von Ersatzpflanzungen, die auch teuer bezahlt werden müssen. Mein Einwand, dass jemand, der Bäume sehen möchte, doch in den Wienerwald fahren könne, wurde nicht einmal ignoriert. Die Architekten stellen ihre Vorstellungen vor, gleichen diese mit unseren Bedürfnissen ab und bemühen sich, den Indoor-Bereich gefällig zu gestalten. Aber außen? Da unsere zukünftige Wohnung von ein paar Metern Garten gerahmt sein wird, müssen ebendort diese Ersatzpflanzungen vorgenommen werden. Jedoch dringen diese Vorstellungen beim Wohnungs- und Gartenplanen selten ins Bewusstsein.

Als ambitionierter Gartler verbringe ich nun seit Wochen meine Tagesfreizeit mit Tagträumen, in welchen ich durch dichte Beete hüfthoher Macchiengewächse lustwandle, verträumt Verblühtes vom Spalier zupfe und satte Ernte in den Kräuterbeeten einsacke. Wieder bei Bewusstsein, plane ich die Übersiedelung der eh nur noch 103 Pflanzen und entwickle Pläne, in deren Rahmen sich Perückenstrauch, falscher Yasmin und Bambus wunderbar ausbreiten können. Ich sehe schmale Trampelpfade, gesäumt von metallisch blau blühenden, kriechenden Phloxmatten, und atme den Duft strammer Rabatten und engeliger Trompetenwälder ein. Habe ich die so geliebten Portulakröschen in den Ritzen der Steinspalten schon erwähnt ...? Jeder Quadratmeter ist theoretisch verplant, kleine Heckenpflanzen sind sortiert, es geht nur noch um die Umsetzung (in beiderlei Hinsicht).

Mobbing gegen die Felsenbirnen

Dingdong, eine E-Mail des Architekturbüros, die Gärtner wären bereits an der Arbeit, und ich möge mich mit ihnen in Verbindung setzen, um zu sehen, welche meiner bestehenden Pflanzen als Ersatzpflanzung infrage kämen - auch um ein kleines Vermögen zu sparen. Was es bereits gibt, braucht man nicht mehr zu kaufen. Das Ergebnis ist bitter, nur der japanische Ahorn und die Birke gelten als Gehölz, die viermal so dicken und zum Teil deutlich höheren Sträucher leider nicht. Grummel. Das soll einer verstehen. Auf die Frage, welche Pflanzen denn dann ausgesucht werden, gab es "Felsenbirne" als Antwort. Kein "Was hätten Sie den gerne?" oder "Können Sie sich vorstellen, dass ..." - nur Felsenbirne, sieben Stück. Punkt. Damit hat die arme Pflanze bei mir schon von Grund auf verloren, ich komme mit Bevormundung einfach nicht klar. Muss ich jetzt meinen Garten um diese steif dastehenden Zinnsoldaten ideenloser Gartengestalter planen? Wollen die das wirklich? Ich werde auf jeden Fall einen neuen, botanischen Versuch starten, der untersuchen wird, ob Pflanzen, die ja angeblich unter Zuspruch besonders gut gedeihen, unter kleine Gemeinheiten eventuell kümmern werden. No pasaran! Den Felsenbirnen wird ein Mobbing widerfahren, dass sie alles nur so hängen lassen werden. Sie sollen meinen botanischen Widerborst gegen diktatorische Gartenmagistratsregime spüren und ausbaden müssen. Und erst nach einer langen Phase maximaler Intoleranz und subtiler Piesackereien werde ich sie altersmilde trotzdem ins Herz schließen, aufpäppeln und schlussendlich als Mitglieder im Reigen "Faumas Flora" aufnehmen. So sehe ich das kommen. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/26/11/2010)

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22 Postings

Nachdem es mir in dieser Woche noch abgeht:

Lieber Standard: Das heißt FauNa und Flora ;-)

Stimmt

war hier noch gar nicht.

Nix gneißt?

Ich schon ... :-)

Dieses Gesetz richtet sich nur gegen Private

Die riesigen Bäume rund ums Praterstadium konnten ohne jegliche Ersatzpflanzung und ohne Bescheid einfach umgeschnitten werden, da im Einflußbereich der Gemeinde Wien.
War, wie nachherzu erfahren war, gar keine Bedingung der UEFA um diese herrliche EM zu veranstalten.

Aber Wehe, eine schneidet in seinem Garten einen Baum um! In NÖ ist das kein Thema.

Wer Großes bauen will, muss manchmal Kleinholz machen. Das mag traurig stimmen, ist aber so. Stadien baut man nicht um Bäume herum, schon gar nicht setzt man Ersatzpappeln in den Strafraum links, neben den Elfmeterpunkt.
Die Gemeinde, als größter Grundbesitzer der Stadt, kann es sich leisten, Ersatzpflanzungen in einem Park oder gar im Wienerwald vorzunehmen. Das kann der Private natürlich mangels eigenem Park nicht.

Trotzdem ist dieses Gesetz ein gutes Gesetz!

Andernfalls wäre Wien schon längst eine ähnlich graue Wüste wie das Landhaus-Viertel Sankt Pöltens, wo kaum ein Baum den Blick auf die betonierten feuchten Träume der eitlen und egomanen Stararchitekten verstellt.
Mögen sie alle in einer ewig grünen Veitchii Hölle schmoren!

am besten einen architekten suchen der es schafft so zu bauen dass die bäume nicht gefällt werden müssen.

Naja !

Ich verstehe, dass man seitens der Gemeinde eher heimische Pflanzen bevorzugt - gibt es deren doch einige, die von Tujenhecke & Co in den letzten Jahren verdrängt wurden und deren Fehlen auch ein Manko in der Versorgung der Beerenfressenden Vögel darstellt. Die hungrigen Federlinge können mit den Früchten der hinterindischen Tiefwurzel oder der mittelarktischen Kokosnuss wenig anfangen.

So weit, so gut. Dass man dem Autor aber gleich eine Felsbirnenmomokultur in seinen Garten setzt lässt nur 2 Erklärungen zu:

1.) Der Garten befindet sich im Einzugsgebiet des gemeinen Felsbirnenhabichts, oder

2.) Der durchführende Gärtner hat übermäßigen Felsbirnenbefall in seiner Baumschule

Chefsache

Es ist ganz und gar nicht so, dass die Gemeinde Wien provinzielle Pflanzen bevorzugt.
Wien ist eine weltoffene, mondäne Stadt, in der sich der chinesische Götterbaum (die erste Ringstrassenbepflanzung von 1873 bestand ausschließlich aus solchen) ebenso zuhause fühlt, wie die im Wienerlied besungene und aus der Türkei stammende Rosskastanie.
Nichts freut die Baumsachverständigen der MA42 mehr, als botanisch-kreative Vorschläge eines Pflanzenliebhabers!
Faden Menschen hingegen, werden fade Pflanzen verordnet, und wer die Sache gar dem Gärtner überlässt, darf sich nicht wundern, wen er die vegetabilen Ladenhüter der örtlichen Baumschule vor’s Fenster gesetzt bekommt.

Nachzupflanzungen sind Verhandlungs- und daher wichtige Chefsache!

Unter vielen Freizeitgärtnern herrscht ein geradezu fanatischer Hang zur botanischen Heimatliebe! Aber von über 20 Arten der Gattung kommt nur Amelanchier ovalis ureinheimisch bei uns am Alpenostrand vor! Um wirklich sicher diese zu bekommen, bedarf es größerer Mühe. Besser man zieht sie aus selbst geernteten Samen vom Wildstandort, wenn man sich zur botanischen Bestimmung fähig fühlt! Die im „Fachhandel“ als „heimisch“ angebotenen Formen, bzw. die selektierten Fruchtsorten stammen von amerikanischen Arten ab (passen also vorzüglich in die Gesellschaft von Thuja o.!). Übrigens fressen, der Trivialliteratur zum Trotz, selbst ureinheimische Vogerln die Früchte der fremdländischen Felsenbirnen gierig und ohne Vorurteil!

In Bad Tatzmannsdorf

bleiben die Früchte von den Vögeln unberührt.

Lernunwillige Piepmätze, da in der Genussregion?! Nur wenige Kilometer entfernt ist alljährlich ein Wettkampf in den frühen Morgenstunden der Erntezeit, zwischen den morgenmuffigen Hütern der Gartenwildnis und den Amseln um die paar wirklich vollreifen Früchte des Tages! Haben in B.T. Golfspieler die schwarzen Amseln mit ihren schneeweißen Bällen vom Himmel geschossen? Sind die Amseln in Tatzmannsdorf lernunwilliger, oder gehen die dort doch lieber ins Kaffeehaus?

Dem durchführenden Gärtner wäre
mit Erminia amylovora beizukommen.

Da meint wohl jemand Erwinia amylovora ...

Da ja vermutlich "von selbst" eingegangene Bäume nicht nachgesetzt werden müssen, könnte doch ein Produkt der sonst so geringgeschätzten Firma Monsanto seine segensreiche Wirkung entfalten?
Ein paarmal Giessen mit Roundup, und die Felsenbirne "snackt bei den Ahnen" just like a deceased parrot. :D

Mitnichten, mein mörderischer Freund!

Auch eingegangene Bäume sind zu ersetzen, und zwar im Ausmaß von 1:1 – sprich – in diesem Fall wären tote junge Felsenbirnen durch lebende junge Felsenbirnen zu ersetzten.
Dachten sie ernsthaft, das Wiener Magistrat sei auf der sprichwörtlichen Nudelsuppe dahergeschwommen gekommen?

so deppert ist das gesetz nicht - bzw. da gäb es in ganz wien schon längst keinen baum mehr.

geändert gehören die versicherungsbedingungen bzw. die rechtliche absicherung. mit einem grossen baum steht man mit einem fuss im kriminal bzw. in der armut, sollte was passieren.
angeblich müsste m,an sich jährlich vom fachmann die unbedenkliche gesundheit bescheinigen lassen - hab allerdings noch niemand gefunden der sich regelmässig solche freibriefe holt.

Falsche Vermutung

sogenannte "Ersatzpflanzungen" müssen 70 Jahre erhalten werden und wenn sie vorher eingehen, müssen wieder Ersatzpflanzungen vorgenommen werden (so hat uns das ein Profigärtner erklärt). Auch muss man regelmäßig (jährlich) eine Art Inventur dieser Pflanzen mit einem aktuellen Zustandsvermerk machen.

Ergo: in Wien sind nur mehr Gemeindebauten errichtbar

Auch dieses ist eine Mär.

Bäume - ob sie nun Ersatzpflanzungen sind oder nicht - sind solange zu erhalten, bis

"die Bäume die physiologische Altersgrenze nach Art und Standort erreicht oder überschritten haben oder sich in einem Zustand befinden, daß ihr Weiterbestand nicht mehr gesichert und daher die Entfernung geboten erscheint" (§ 4. 1 Wiener Baumschutzgesetz)

Nach behördlich genehmigter Fällung sind sie 1:1 zu ersetzen. (§ 6. 2)

Bei einer Eiche, Eibe oder Linde kann die "physiologische Altersgrenze" unter Umständen erst nach 1000 Jahren erreicht sein.

Der Profigärtner ist doch keine verbindliche Wiener MA!

Ach, trösten Sie sich doch damit, dass es die hübsche Felsenbirne zur Auswahl gab :)
Vor 15-20 Jahren wäre eine Thujenhecke unausweichlich gewesen ...

Sieben...

Sieben Stück "Gehölz", oder besser sieben Zwerglein unter den Bäumen; die Amelanchier scheint ja schon fast ein kleinwüchsiges Gnadengeschenk der Stadtverantwortlichen zu sein. Mit sieben Mammutbäumen wäre der Garten des Bauherrn schneller zu erledigen gewesen! Aber es stimmt schon, die Sieben kann als Primzahl vielleicht den Mathematiker trösten. Ein Laubfrosch würde den sieben kleinen Störenfrieden die Namen der sieben Todsünden zuweisen, um später einmal die Früchte von Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Trägheit und die des Zorns ernten und genießen zu können!

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