Felsenbirnendiktat

  • Die Felsenbirne macht sich gut im Garten, wenn man sie sich selbst aussuchen kann. 
Foto: www.pixelio.de/raggedrobin/m
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    Die Felsenbirne macht sich gut im Garten, wenn man sie sich selbst aussuchen kann.

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Wird in Wien ein Baum umgeschnitten, muss eine Ersatzpflanzung vorgenommen werden. Das hat so seine Tücken, berichtet Gregor Fauma.

Neues Heim, Glück allein - von wegen. Wenn in Wien wo ein Baumerl umgeschnitten wird, um Architekten und Baumeistern Platz für ihre Betätigung zu geben, so müssen diese Bäume ersetzt werden. Man spricht von Ersatzpflanzungen, die auch teuer bezahlt werden müssen. Mein Einwand, dass jemand, der Bäume sehen möchte, doch in den Wienerwald fahren könne, wurde nicht einmal ignoriert. Die Architekten stellen ihre Vorstellungen vor, gleichen diese mit unseren Bedürfnissen ab und bemühen sich, den Indoor-Bereich gefällig zu gestalten. Aber außen? Da unsere zukünftige Wohnung von ein paar Metern Garten gerahmt sein wird, müssen ebendort diese Ersatzpflanzungen vorgenommen werden. Jedoch dringen diese Vorstellungen beim Wohnungs- und Gartenplanen selten ins Bewusstsein.

Als ambitionierter Gartler verbringe ich nun seit Wochen meine Tagesfreizeit mit Tagträumen, in welchen ich durch dichte Beete hüfthoher Macchiengewächse lustwandle, verträumt Verblühtes vom Spalier zupfe und satte Ernte in den Kräuterbeeten einsacke. Wieder bei Bewusstsein, plane ich die Übersiedelung der eh nur noch 103 Pflanzen und entwickle Pläne, in deren Rahmen sich Perückenstrauch, falscher Yasmin und Bambus wunderbar ausbreiten können. Ich sehe schmale Trampelpfade, gesäumt von metallisch blau blühenden, kriechenden Phloxmatten, und atme den Duft strammer Rabatten und engeliger Trompetenwälder ein. Habe ich die so geliebten Portulakröschen in den Ritzen der Steinspalten schon erwähnt ...? Jeder Quadratmeter ist theoretisch verplant, kleine Heckenpflanzen sind sortiert, es geht nur noch um die Umsetzung (in beiderlei Hinsicht).

Mobbing gegen die Felsenbirnen

Dingdong, eine E-Mail des Architekturbüros, die Gärtner wären bereits an der Arbeit, und ich möge mich mit ihnen in Verbindung setzen, um zu sehen, welche meiner bestehenden Pflanzen als Ersatzpflanzung infrage kämen - auch um ein kleines Vermögen zu sparen. Was es bereits gibt, braucht man nicht mehr zu kaufen. Das Ergebnis ist bitter, nur der japanische Ahorn und die Birke gelten als Gehölz, die viermal so dicken und zum Teil deutlich höheren Sträucher leider nicht. Grummel. Das soll einer verstehen. Auf die Frage, welche Pflanzen denn dann ausgesucht werden, gab es "Felsenbirne" als Antwort. Kein "Was hätten Sie den gerne?" oder "Können Sie sich vorstellen, dass ..." - nur Felsenbirne, sieben Stück. Punkt. Damit hat die arme Pflanze bei mir schon von Grund auf verloren, ich komme mit Bevormundung einfach nicht klar. Muss ich jetzt meinen Garten um diese steif dastehenden Zinnsoldaten ideenloser Gartengestalter planen? Wollen die das wirklich? Ich werde auf jeden Fall einen neuen, botanischen Versuch starten, der untersuchen wird, ob Pflanzen, die ja angeblich unter Zuspruch besonders gut gedeihen, unter kleine Gemeinheiten eventuell kümmern werden. No pasaran! Den Felsenbirnen wird ein Mobbing widerfahren, dass sie alles nur so hängen lassen werden. Sie sollen meinen botanischen Widerborst gegen diktatorische Gartenmagistratsregime spüren und ausbaden müssen. Und erst nach einer langen Phase maximaler Intoleranz und subtiler Piesackereien werde ich sie altersmilde trotzdem ins Herz schließen, aufpäppeln und schlussendlich als Mitglieder im Reigen "Faumas Flora" aufnehmen. So sehe ich das kommen. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/26/11/2010)

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