Auch in Italien sollen Einsitzende Sinnvolles tun können - die Initiative dazu kommt aber meist aus privater Hand - Wer richtig viel Glück hat, darf dafür in einer vielfach prämierten Kleinbrauerei mitarbeiten
Weil der Staat versagt, obliegt es privater Initiative, die Haft-bedingungen in italienischen Gefängnissen zu verbessern. Dafür können ungewöhnliche Ideen umgesetzt werden - wie jene einer hochklassigen Brauerei innerhalb der Gefängnismauern.
Alle drei sehen so aus, wie man sich Häfenbrüder vorstellt: schwere Jungs mit Peckerln, die Schädel kahlgeschoren. Und alle drei haben auch wirklich abscheuliche Verbrechen begangen. Doch sie benehmen sich wie brave Schulbuben, grüßen höflich, sagen bitte und danke und entschuldigen sich, wenn man ihnen im Weg steht. Denn Stefano, Toni und Piergiorgio gehören zu den privilegiertesten Sträflingen Italiens - und sie wissen, dass ein einziger Fehltritt diesen Status beenden kann.
Die Strafanstalt La Felicina liegt nahe dem piemontesischen Städtchen Saluzzo am Fuße der Westalpen. Wie alle Gefängnisse ist es ein deprimierender, grauer Bau mit hohen Mauern und vergitterten Fenstern. Und wie viele Gefängnisse ist es mit 450 Insassen für nur 200 bewilligte Plätze restlos überfüllt. Doch eines macht La Felicina zu etwas Besonderem: Es ist wohl das einzige Gefängnis der Welt, in dem Sträflinge Bier brauen.
Alkohol und Glas in einer Strafanstalt
"Das ist der damaligen Direktorin Marta Costantino zu verdanken", sagt Braumeister Andrea Bertola von der privaten Sozialkooperative Pausa Café, die die Brauerei betreibt, "das war sehr mutig von ihr." Denn Alkohol und Glas - zwei Dinge, die bei der Herstellung und Abfüllung von Bier nun einmal anfallen - sind in einer Strafanstalt eigentlich überhaupt nicht gerne gesehen. Für Costantinos Karriere hat sich ihr Mut ausgezahlt: Heute arbeitet die Gefängnisdirektorin bei den Vereinten Nationen - an einem Projekt für Strafvollzug in Palästina.
Bertolas drei Mitarbeiter sind sorgsam ausgewählt und psychologisch getestet. Eben haben sie eine Lieferung Birnen erhalten: Die pressen sie nun zu Saft, um Cidre zu machen. "Es sind Birnen einer alten lokalen Sorte, die als pure Früchte nicht so toll schmecken, sich aber sehr gut für die Verarbeitung zu Birnenwein eignen", sagt der Sträfling Stefano.
In der Hauptsache wird hier jedoch Bier gebraut - und zwar mehrere Sorten, die sich eher an belgischer als an mitteleuropäischer Brautradition orientieren. Vom Reinheitsgebot befreit (auch eine Art von Freiheit), mischt man hier allerhand spaßiges Zeug ins Bier: Es gibt dunkles Stout mit Kaffeebohnen, fruchtiges Lambic mit Birnen, eine obergärige "Blanche" mit Orangenschalen und selbst ein Weizenbier im bayrischen Stil - allerdings mit Zusatz von Tapioka, Quinoa, Amaranth und Basmatireis. Sowie ein erstaunlich unexotisches Pils mit Saazer Hopfen, das aber drei Wochen in neuen Barriques reift.
Ein Weihnachtsbier gibt es natürlich auch: Es ist ein dunkelrot schimmerndes, obergäriges Bier mit acht Prozent Alkohol. Die feinen, malzigen Röstaromen erinnern an Kaminfeuer, wegen der zugesetzten Gewürze auch an Lebkuchen und Tannenzweige. Verkauft wird in ganz Italien, Exporte gehen bis Norwegen und Amerika.
Dankbare und befriedigende Tätigkeit
Keiner der Sträflinge hatte vor der Haft etwas mit Bier am Hut - heute sind sie alle Spezialisten. Aber dürfen sie überhaupt trinken? "Nur kosten - das müssen wir aber, denn das gehört zum Job", sagt der 38-jährige Stefano, "das Brauen ist eine sehr dankbare und befriedigende Tätigkeit, die sehr konkrete Resultate bringt". Und die offensichtlich die Haftbedingungen verbessert: Die Brauerei ist in einem Extragebäude untergebracht, die drei können ein- und ausgehen, sehen den Himmel, die Sonne, die Alpen hinter den Mauern. "Hier zu arbeiten gibt mir das Gefühl, nicht im Gefängnis zu sein - allein das ist unbezahlbar", sagt Stefano. Denn drinnen sind die Zellen neun Quadratmeter groß und mit bis zu drei Häftlingen belegt - ein illegaler Zustand. Zwar gibt es auch einen Hof, doch der ist ziemlich klein: Außer im Kreis zu spazieren, so Stefano, gehe dort gar nichts. Und den Fitnessraum könne man wegen der Überfüllung höchstens ein Mal die Woche nutzen. "Die einzigen Beschäftigungen hier sind ein Buchverleih sowie ein Koch- und ein Tischlereikurs", erzählt Stefano, "andere Arten von Weiterbildung gibt es nicht - obwohl das italienische Recht sie vorsieht."
"Die Bedingungen im Gefängnis sind katastrophal, eigentlich ist hier fast alles ungesetzlich", bestätigt der Braumeister Bertola. "Wie so oft in Italien versagt der Staat - und eine private Initiative muss einspringen, um Recht geltend zu machen." An einen Ausbau des Projekts ist längst gedacht: Ein vierter Häftling mit Freigangsberechtigung wird in einer Gasthaus-Brauerei angestellt, welche die Kooperative Pausa Café Anfang Dezember bei Turin eröffnet. Eines Tages sollen auch Stefano und seine Kumpanen dort arbeiten - doch bis es so weit ist, wird noch viel Pausa-Café-Bier die Kehlen der Connaisseurs herunterrinnen. Was erhoffen sie sich in der Zwischenzeit? "Wir hätten gerne die Erlaubnis für einen Gemüsegarten im Hof - dann könnten wir die Reste der gepressten Birnen als Kompost verwenden." (Georg Desrues/Der Standard/rondo/26/11/2010)