Die Geschichte im Gepäck

27. November 2010, 17:46
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Mit einer Ausstellung seiner historischen Gepäcksstücke zeigt Louis Vuitton Reiseszenen aus 156 Jahren

Vor der Erfindung der Zielgruppe und der Deckungsbeitragsrechnung setzten sich Erfinder und Hersteller sinnvoller Dinge daran, ihre Dinge noch sinnvoller zu machen. Oder schöner, wenn die Funktion schon nicht mehr verbessert werden konnte.

So ein Koffer - musste etwa der erste Louis Vuitton sinniert haben - der muss was aushalten und außerdem seine Innereien im selben Zustand freigeben, in dem sie reingeschlichtet wurden. Je mehr man daran feilte, desto spezifischer konnte man auf Kundenbedürfnisse eingehen und desto mehr Produktlinien gingen in Serie. Modelle für Damen, für die Herren, für Kinder. Und dann klopften mehr und mehr berühmte Personen an und wollten Maßgeschneidertes. Besonders kleine Schublädchen für die Haarspangen der Mademoiselle Schauspielerin, besonders schmale Fächer für die Stoffproben, die der Monsieur Couturier auf seinen Erkundungsreisen sammelt

Erste-Hilfe-Koffer

Wenn man schon so viel weiß über die Optimierung eines Koffer-Innenlebens, dann kann man dieses Know-how gleich der Lebensrettung widmen. Und da - wie erwähnt - die "Zielgruppe" noch nicht existierte und man Break-even für einen neuen englischen Sport gehalten hätte, wurde getan, was man für nützlich und sinnvoll hielt, und erfand einen Erste-Hilfe-Koffer. Nur mit dem Allernötigsten, Spritzen, Pflaster, Bandagen - beigestellt von einer Pariser Apotheke. Mitte des 19. Jahrhunderts war das. Die Jahrzehnte zogen vorbei, der Koffer blieb im Programm. Im 19. Jahrhundert war er noch ein Verkaufsschlager. Mit dem nächsten Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg gewann er anderweitig an Bedeutung. Man begann für das Rote Kreuz Koffer zu bauen, mit denen die ersten Ambulanzen in die Nähe der Kriegsschauplätze fuhren. Damit wurde das Wissen um die innere Organisation, die schnelle Bedienbarkeit, das klaglose Öffnen und Schließen der Schubladen und Fächer zum Lebensretter. Verkaufsschlager war der Erste-Hilfe-Koffer keiner mehr. Das Thema wurde dennoch nicht aussortiert.

Im Jahr 2009, als das Rote Kreuz seinen 150. Geburtstag feierte, widmete Vuitton dem Ersthelfer eine Sonder-edition des Firstaid-Gepäcks. Einen End- und vorläufigen Höhepunkt erreichte die Beziehung zwischen Koffermacher und Medizin mit dem Auftritt des Künstlers Damien Hirst in der Manufaktur in Asnière. Der englische Künstler, nicht eben bekannt für die Herstellung hübscher Objekte für die Luxus-Industrie, setzte sich mit Patrick-Louis, dem amtierenden Vuitton, zusammen und übertrug mit dessen Hilfe seine Kunst aufs Gepäck: zwei Koffer mit chirurgischen Instrumenten, blau und schwarz, dekoriert mit den Schmetterlingen aus dem Gedankengarten des Damien Hirst. Zwei mussten es sein, weil Hirst den Gynäkologen-Zwillingen aus dem David Cronenberg-Film Dead Ringers die Ehre erweisen wollte. Die chirurgischen Instrumente entsprechen jenen, mit denen die Gynäkologen fantasierte Abnormitäten der weiblichen Anatomie zu korrigieren gedachten und die letztlich als Beweisstücke ihres Wahnsinns galten. Diese Koffer-gewordene Schnittmenge aus Medizin und Wahnsinn ging natürlich erst recht nicht in Serie, sondern wurde zum Preis von 360.000 Pfund bei Sotheby's in London zugunsten des Roten Kreuzes versteigert. Einer davon. Der zweite ist in der Ausstellung Voyage en Capitale - Louis Vuitton et Paris im dortigen Musée Carnavalet zu sehen.

150 Jahren Weltgeschichte

Ein Rundgang durch die Vuitton-Historie ist wie ein Begleitfilm zu 150 Jahren Weltgeschichte. Gepäck für die Kolonialherren, die auf ihren Fahrten durch die Wüste schnell ein Feldbett aus dem Koffer zaubern mussten, Gepäck für kleine englische Prinzessinnen namens Margaret und Elizabeth, große Koffer für Staatsmänner, kleine gewiefte Gepäcksstücke für die Schminke großer Hollywood-Mädchen. Und natürlich die Produkte etlicher Design-Gastauftritte.

Das Ausgestellte war nicht zu haben. Den Ausstellungsbesucherinnen stand der Sinn auch nicht nach dem Schleppen von schwerem Vintage-Gerät. An mancher Schulter hing bequem eine Tasche namens Artsy, die - ausgerechnet - mit Kunst gar nichts zu tun hat. (Bettina Stimeder/Der Standard/rondo/26/11/2010)

Ausstellung "Voyage en Capitale, Louis Vuitton et Paris", Musée Carnavalet (23, rue de Sévigné) bis 27. Februar 2011. Buch "100 Legendary Trunks" (EURO 140,-), Tasche "Artsy" (1600,-) in den Vuitton-Geschäften Wien, Salzburg und Kitzbühel.

  • Koffer für den Notfall: der Vuitton-Würfel fürs Rote Kreu. Der wurde zugunsten des Roten Kreuzes versteigert.
    foto: hersteller

    Koffer für den Notfall: der Vuitton-Würfel fürs Rote Kreu. Der wurde zugunsten des Roten Kreuzes versteigert.

  • Einer der zwei blau-schwarzen Chirurgen-Schränke von Damien Hirst.
    foto: hersteller

    Einer der zwei blau-schwarzen Chirurgen-Schränke von Damien Hirst.

  • Die aktuelle Tasche namens "Artsy".
    foto: hersteller

    Die aktuelle Tasche namens "Artsy".

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