Piemont zwischen Augarten und Glanzing

21. November 2010, 18:23
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Manchmal könnte eine billige Lösung die beste sein - Warum es bei Terrassenbegrünung auch teuer geht, wenn der beauftragte Gärtner das will, erzählt Gregor Fauma

Die Weingärten und -stöcke im Piemont zeichnen sich mehrfach aus. Sie sind sehr eng gesetzt, die Fruchtzonen beginnen knapp über dem Boden, und die Stöcke erreichen eine beachtliche Höhe von ungefähr drei Metern. Damit bilden sie blickdichte Wände, schwer mit wunderbaren Rotweintrauben behangen, und erinnern den Phytophilen an die streng gezogenen und gleichförmig geschnittenen Kastanienbaumalleen im Wiener Augarten. Habt Acht! Stillgestanden! Diese strenge Form der dichten Laubwandzeilen hat sich auch nach Wien-Glanzing durchgesprochen, und es geschah, dass sich eine junge Familie entschloss, die Reling auf dem Flachdach doch derart zu begrünen, auf dass der Spross im Kleinkindalter nicht auf die Idee komme, hinaufzuklettern, darüberzusteigen und herunterzufallen.

Das Dach, ca. 160 Quadratmeter groß, wird von etwa vierzig Laufmetern Geländer umgeben. Im Freundeskreis wurden zu deren Begrünung die besten Tipps großzügig freigegeben: Die Architektenpest Schlingknöterich, Uhudlerstöcke, diverse Clematis und Lonicerahybriden ... doch sind wir Freunde mit unseren hausbackenen Empfehlungen nicht durchgedrungen. Man wolle nicht ein paar Jahre warten, bis die grüne Wand dicht sei. Nein, Nägel mit Köpfen erforderten professionelles Gärtnertum, und ein rayonbekannter Gärtner und Florist wurde beauftragt, sich der Sache anzunehmen.

Schnaufen, Ächzen und Stöhne

Glanzing, riesiges Flachdach mit Blick auf die Stadt - wer so viel Flieder hat, wird davon wohl ein wenig entbehren können, dachte der gewiefte Gärtner und machte sich, fix beauftragt, ans Werk. Wenige Tage später konnte man stundenlanges Schnaufen, Ächzen und Stöhnen im erweiterten Umland vernehmen, mussten doch tonnenweise feinste Gärtnererde auf das Dach getragen werden. Hillarys Sherpa Tenzing Norgay hätte diesen Auftrag nicht angenommen. Dann kamen die Pflanzen, die Schläuche, die Steckverbindungen, der Computer ... und wie bei jeder anständigen Auftragsvergabe wurde auch hier der Kostenvoranschlag um lockere 40 Prozent nach oben hin revidiert. Qualität hat ihren Preis und der Gärtner sicher recht.

Tage später, ich möge vorbeikommen und mir das ansehen, gern geschehen. Ich lache heute noch. Gezählte 87 Efeustöcke, jeder einen Meter hoch, stecken in ebenso vielen 30 x 30 cm kleinen Topferln und werden von 87 kleinen Düsenauslässen gewässert. In preußischer Ordnung stehen sie da, die Abstände zwischen ihnen sind exakt vermessen, und ihre Triebe suchen in gespannten Drähten Halt. Wachsen dürfen Stöcke und Wurzeln eigentlich nicht mehr, Düngen wird ob der limitierten Erdmenge wohl die gärtnerische Haupttätigkeit werden. Der Blick auf die Stadt ist Geschichte, wozu auch, wenn man piemontesische Laubwandpracht am Giebel und dazu einen Bricco della Bigotta in Kelch und Kehle hat. Grenzen gehören auf das Dach und nicht in den Kopf! Der Gärtner lebt seither auf Mauritius und erzählt dort seinen Trinkkumpanen bereitwillig und immer wieder aufgefordert die Geschichte der 87 Glanzinger Efeustöcke, man haut sich ab und schüttelt die Köpfe. Dass damals zur selben Zeit im Wiener Stadtpark im Rahmen irgendeiner Aktion Efeustöcke gratis abgegeben wurden, haben wir den Freunden erst später erzählt. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/19/11/2010)

 

  • Sichtschutz, leicht gemacht: Der Efeu rankt sich pflichtschuldig, wie der Gärtner es wollte.
    foto: christian fischer

    Sichtschutz, leicht gemacht: Der Efeu rankt sich pflichtschuldig, wie der Gärtner es wollte.

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