Wir gehen wieder unter

18. November 2010, 17:02
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Die 21-jährige US-Sängerin Zola Jesus entdeckt für sich die Gothic-Szene der frühen 1980er-Jahre und setzt auf Schwermut in Moll

Christian Schachinger leidet mit ihr.

Kultur ist das, was einem angetan wird. Kunst ist das, was man den anderen antut. Gehen wir von diesen zwei Prämissen jedes schöpferisch tätigen Menschen aus, ergibt das in der Schnittmenge eine zwischen Opfer und Täter am besten halbwegs in der Balance gehaltene Position. Diese erweist sich keinesfalls als optimistische Haltung. Schon gar nicht aber ist man schwarzmalerisch ausschließlich den dunklen Aspekten des Lebens zugeneigt. Viel eher versucht man, flottem lebensbejahendem Partypop mit geistiger Durchdringung und reflektiertem Weltschmerz beizukommen.

Fast zwangsläufig landet man in dieser Schere gerade als junger Mensch in der Gothic-Szene. Mit ihren 21 Jahren ist die US-amerikanische Sängerin Nika Roza Danilova alias Zola Jesus so etwas Ähnliches wie der neue Star eines seit beinahe 30 Jahren immer wieder auch zu Recht belächelten Genres, das die Schwermut bildungsnaher westlicher junger Menschen wie kein anderes zu bündeln versteht und in wohlgeformte, mitunter auch reichlich ereignislose Kompositionen in Moll-Akkorden zu gießen weiß.

Nach einigen schmaleren Veröffentlichungen wie den EPs The Spoils oder Stridulum I liegt nun mit Stridulum II das erste Werk von Zola Jesus im Albumformat vor. Und wer glaubt, das Genre hätte sich im Gefolge der Gothic-Übermutter Siouxie Sioux und ihrer Band The Banshees schon spätestens Mitte der 1980er-Jahre künstlerisch gesehen bis hin zum sprechblasenhaften, schablonenhaften Comics-Format erledigt gehabt, wird mit den neun Stücken auf Stridulum II entschieden eines besseren belehrt.

Natürlich ist auch Zola Jesus vor gewissen Genreübereinkünften der Gothic-Szene nicht gefeit. Neben schwarzer Dienstkleidung und dramatischem Bühnengehabe inklusive seit Siouxie Sioux oder Maria Callas nicht mehr gesehenem Make-up legt es auch sie nicht darauf an, mit interessantistischem Klangbrimborium zu punkten und etwa so verpönte Dinge wie Tempo, oder Dynamik in ihre Stücke zu legen. Ganz grundsätzlich vertraut Zola Jesus in von flächigen, düster-dräuenden Keyboardteppichen getragenen Songs darauf, über martialen, tribalistischen Trommelwirbeln und pochender Bassdrum die Apokalypse nicht herbeizurufen. Der Weltuntergang, die immerwährende Nacht, werden schon eher als gegeben hingenommen. Dazu setzt es einen mit Chorsamples behübschten, sich entlang der Tonleiter hinauf zum Absturz schraubenden Schwanengesang, der stimmlich auf jeden Fall auf besagte Siouxie Sioux vertraut und auch von den Themen her nicht aus der Art schert.

"I'm on my bed, my bed of stones. But in the end of the night we'll rest our bones", heißt es etwa im Opener Night. Und im nicht ganz als zappenduster prognostizierten Dunkel von Lightsick endet auch das Album: "When the water turns to grey and the darkness leads the way, fight the land, let it take you on. On!"

Wenn man davon ausgeht, dass Zola Jesus noch ein gewisses Entwicklungspotenzial in sich trägt, klingt das alles schon sehr abgeklärt und abgelebt. Bevor aber der dramaturgische Bogen bis hin zum reinen Klischee überspannt wird, finden sich auf Stridulum II noch allemal interessantere und aufregendere Töne als bei weiten Teilen ihrer gleichaltrigen Kolleginnenschaft. Das passt zur Jahreszeit. Und es passt zu aktuellen heurigen Wiederveröffentlichungen alter, das Gothic-Genre begründender und definierender Alben von Siouxie And The Banshees wie Juju (1981) A Kiss In The Dreamhouse (1982), Hyaena (1984) oder Tinderbox (1986).

Mit dem Song Sea Talk gegen Ende von Stridulum II entdeckt Zola Jesus dann auf der rhythmischen Drumcomputer-Basis des alten Orchestral-Manouevres-in-the-Dark-Titels Maid of Orleans gar noch den Synthie-Pop aus der selben Zeit. Der steht ihr fast besser als das Untergangsgewese der übrigen Stücke. Dramatisch angelegt war dieser einst ja auch mehr als genug. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2010)

  • Die 21-jährige US-Sängerin Zola Jesus entdeckt für sich die Gothic-Szene der frühen 1980er-Jahre und setzt auf Schwermut in Moll.
    foto: indra dunis

    Die 21-jährige US-Sängerin Zola Jesus entdeckt für sich die Gothic-Szene der frühen 1980er-Jahre und setzt auf Schwermut in Moll.

  • Zola Jesus - Stridulum II (Souterrain Transmissions / Good To Go)
    foto: souterrain transmissions

    Zola Jesus - Stridulum II (Souterrain Transmissions / Good To Go)

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