Erstens war der Nachbar nicht angeschnallt - Zweitens hatte er auf dem Weg zur Wirtsstube Schwierigkeiten, einen geraden Kurs zu halten
Neulich ist uns der Nachbar zu Fuß entgegengekommen. Das ist insofern bemerkenswert, als im Dorf selbst der 300 Meter lange Weg zum Wirt mit dem Auto bewältigt wird. Im Sommer holt man sich beim Gehen in der Sonne einen Hitzschlag. Und ob einen im Winter gleich jemand findet, wenn man vor lauter Lebensfreude einmal vom Weg abkommt und ein wenig in einer Schneewehe rastet, frage nicht.
Wie sich herausstellte, hatten Auto und Wirt auch mit der neu entdeckten Sportlichkeit des Nachbarn zu tun. Die Polizei hatte ihm für ein paar Wochen den Führerschein gezogen. Eine blöde Geschichte. Als nämlich der Nachbar eines Tages nichtsahnend vom Frühschoppen aus dem Nachbarort Richtung Mittagsschlaf fuhr, schreckte ihn eine vor dem heimatlichen Stammwirt auf dem Parkplatz stehende Polizeistreife aus der Routine. Da hatte der gut mit Bier eingestellte Nachbar eine plötzliche Eingebung. Um nicht mit unglaubwürdigen Handlungen Verdacht zu schöpfen, fuhr er nicht etwa im bedächtigen Tempo an der Polizei vorbei zu sich nach Hause. Er bremste ab und parkte direkt neben der Streife, um wie gewohnt noch einen Liter am Stammtisch zu genießen. Beim Aussteigen aus dem Auto fiel den Polizisten zweierlei auf. Erstens war der Nachbar nicht angeschnallt. Zweitens hatte er auf dem Weg zur Wirtsstube Schwierigkeiten, einen geraden Kurs zu halten. Da sage noch einer, dass es im Leben auf Intuition ankommt.
Heimlich mit dem Auto weitergefahren ist der Nachbar außerhalb des Ortsgebiets aber weiterhin. Freiheit ist ein hohes Gut. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 12.11.2010)