Dekantieren oder nicht? Luzia Schrampf versucht zu schlichten
Brunello Cerretalto 1997 von Casanova di Neri steht auf dem Tisch, angemessen gereift, ein Wein, dem Luftzufuhr gut tun könnte. Die im Grunde harmonisierende Gästerunde teilt sich in der Sekunde in kaum versöhnliche Fraktionen: Um-jeden-Preis-Dekantierer stehen einer dichten Aufmachen-eingießen-trinken-Front gegenüber.
Das Umgießen von Wein in eine Karaffe kann bewirken, dass sich der Geschmack entweder durch die Luftzufuhr harmonisiert oder dass das Aroma pulverisiert wird. Befürworter wie Gegner haben ganze Anekdotensammlungen parat, die die jeweilige Ansicht untermauern. Gesichert ist nur, dass sich beim Dekantieren bröselige, manchmal unangenehm schmeckende Schwebeteilchen, sofern überhaupt vorhanden, absetzen und von der Flüssigkeit getrennt werden können.
Wie bei so vielen Fragen des Weingenießens, lautet auch hier die Antwort klar: "Das hängt davon ab." Bei besagtem Brunello kam's übrigens zu Friedensverhandlungen: Die etwas mehr als halbvolle Flasche blieb eineinhalb Stunden offen stehen und war dann an Pracht nicht zu überbieten. (Der Standard/rondo/05/11/2010)