Kaum Laub, keine Trauben

1. November 2010, 16:42
  • Artikelbild
    foto: apa/karl-josef hildenbrand

    Wachsen die Trauben nah an der Straße oder dem Wanderweg, ist bei der Lese oft nichts mehr an den Rebstöcken.

Stadtwanderer schrecken nicht vor dem Traubenklau zurück und verhindern so das Lesefest von Gregor Fauma

Ich muss ja nicht vom Weinmachen leben. Für mich ist das kein Schicksalsschlag. Auch die Freunde, die mit mir dieses Hobby teilen, bleiben gelassen bis gefasst. Es ist halt nur schade um das Lesefest, das jedes Jahr im milden Lächeln des späten Oktoberlichts hinter der Stammersdorfer Kirche stattfindet.

Die Newbies, also jene Freunde von Freunden, die das erste Mal dabei sind, verrichten Jahr für Jahr die gesamte Drecksarbeit. Im frischen Wind die Trauben lesen, schwere Kisten schleppen, mit nasskalten Fingern die Trauben rebeln und mit roter Nase und schon gut ein'spritzt die Trauben pressen. Die Veteranen hingegen widmen sich den wesentlichen Aspekten der Weinlese: Die Tische biegen sich unter hochkalorischer Last der Würste, Braten und Käse. Die Novizen brauchen dies wegen des anstrengenden Engagements im Rahmen der Lese, die Routiniers brauchen die feste Nahrung wegen dem Übermaß an flüssiger. Es gibt Jahrgangsverkostungen, Sturmdiskussionen, und Passanten bleiben gerne auf ein Glaserl oder zwo stehen, verlieren sich in einem netten Tratsch und ziehen von bester Laune angesteckt weiter. So ist es gut, so mögen wir das. Aber heuer? Die Party-Schrecks haben zugeschlagen. Die Feinde des Winzers sind zahlreich - die Party-Schrecks sind überall.

Gerade als leidenschaftlicher Gartler steckte ich doch so große Hoffnungen in den privaten Weinbau, träumte von Sonnenblumen am Rande der Rebzeilen, sah Lavendel am Zaun und andere Kräuterbeete zwischen den Reben und mich mitten darin. Weil aber der Stadtwanderweg Nr. 5 direkt vorbeiführt und dort draußen "alles Füße kriegt", wie die Verpächterin Frau P. trefflich meinte, wurde nichts aus der gärtnerischen Pracht im Weingarten.

Freie Wildbahn, freie Trauben

Die müssen die Sonnenblumen noch vor dem Erblühen geköpft haben, die Naturliebhaber, die! Frau P. setzte sogar einst extra spätreifende Welschrieslingstöcke an den Wegesrand, weil die am längsten unreif aussehen, sauer schmecken und so die süßen Neuburger-Trauben dahinter von den Sammlern, vulgo Diebspack, verschont bleiben. Freie Wildbahn, freie Trauben, so denken sich die Wandersleut' da offensichtlich. Flobert zu mir! Da Weinblätter, gefüllt und eingelegt, wunderbar schmecken, verwechseln manchmal Feinspitze meinen Weingarten mit einer Gratis-Abgabestelle und rupfen die schönsten Blätter, dass es nur so ein Jammer ist. Darauf angesprochen und gewarnt, dass da ganz schön Chemie draufgespritzt und absorbiert sein könne, wird nur achselzuckend der Weingarten gewechselt.

Die Eltern aller Spaßverderber sind aber Hagel und Pilz, ob echter oder falscher Mehltau ist im Ergebnis auch schon egal. Kaum Laub, keine Trauben - nach einem atomaren Erstschlag kann es nicht viel anders aussehen. Natur und Mitmenschen wollen mit aller Kraft verhindern, dass wir unser Lesefest veranstalten.

Den Blätterklau und Traubenstibitz beherrschen Pilz wie Mensch ganz vorzüglich, und wenn trotz alledem im Oktober eine reiche Ernte an den gesunden Stöcken hängt, greift halt das Wetter für ein paar Tage regulierend ein, schickt Regen, Kälte und Singvögel, auf dass nur ja nichts für unser Lesefest überbleibt.

Gut, dass wir vom Weinmachen nicht leben müssen, gut, dass das andere viel besser beherrschen als wir - dennoch, die Party werden wir uns nicht versauen lassen. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/29/10/2010)

  • Fauma & Flora

    Lass es brummen! [31]

    TitelbildBienen sind en vogue - Das Halten und Pflegen eines Bienenstocks ist ein Trend, der aus den USA kommt - Wer es nicht ernst meint: Hände weg!

  • Fauma & Flora

    Strebergärten [1]

    TitelbildDas außergewöhnliches Gartenbuch von Georg Grabherr und Lois Lammerhuber animiert zum Strebertum beim Garteln

  • Fauma & Flora

    Heilende Halme [11]

    TitelbildGräser sind einfach da und fordern nichts - Warum das gerade jetzt richtig ist

  • Fauma & Flora

    Pfui, Spinne! [31]

    TitelbildWarum Ameisen und andere Krabbeltiere interessant und hilfreich sind

  • Fauma & Flora

    Großes Glücksspiel [6]

    TitelbildDie Pflanzen stressen den Gärtner: Die eingewinterten Pflanzen drängt es ans Tageslicht, was strategisches Vorgehen erfordert

  • Fauma & Flora

    Ode ans Unkraut [8]

    TitelbildJetzt beginnt das Rätselraten, was da Knospen treibt: Warum auch der Warzige Krähenfuß und der garstige Eiterzahn ihr Gutes haben

  • Fauma & Flora

    Waschen, schneiden, hinlegen [32]

    TitelbildAm Beginn der neuen Saison muss der Garten erst wieder in Fasson gebracht werden - Den Beginn macht das Schleppen der Erdsäcke

  • Fauma und Flora

    Der Garten als Labor [1]

    TitelbildEin Wettbewerb regt zum Gespräch über den privaten Garten als Handlungsfreiraum ein

  • Fauma & Flora

    Zwischenbilanz [22]

    TitelbildNach einem Jahr im neuen Garten gilt es die Quote der Pflanzen festzustellen, die den kalten Februar tatsächlich überlebt haben

  • Fauma & Flora

    Brokkoli als Mediator [4]

    TitelbildGedanklich ist es schon so gut wie fertig, das neue Gemüsebeet im Garten - Ein Hochbeet muss her in der Saison 2012, so viel ist sicher

  • Fauma & Flora

    Grünkohl: Eisig-süßer Genuss [13]

    TitelbildErhöhen Pflanzen die Konzentration ihrer Zellflüssigkeiten, sinkt der Gefrierpunkt - Das weiß der Grünkohl

  • Fauma & Flora

    Apfel statt Eibe [59]

    TitelbildBeserlparks zu Obstgärten, Kanalfluren zu Gemüsebeeten und überhaupt mehr Essbares statt Stachelgrün - das wünscht Gregor Fauma sich von der Stadt

  • Fauma & Flora

    Überraschung! [20]

    TitelbildDer Ritterstern läuft so manchen Erwartungen zuwider und blüht vor dem Wachstum

  • Fauma & Flora

    Schnupfen ade! [35]

    TitelbildÜber die Kraft der Kräuterhexen und ihre Heilmittel aus dem Garten räsoniert Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Vollmond [30]

    TitelbildMit der Spezies der sogenannten Mondgartler und ihrem Ratgeber am Firmament beschäftigt sich Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Trumpfkartenniveau [4]

    TitelbildJunggärtner meinen schnell einmal, mehr zu wissen, als den Tatsachen entspricht. Gregor Fauma erklärt, warum er der Jeunesse jardinière dennoch mit Nachsicht begegnet

  • Fauma & Flora

    Der Garten gibt keine Ruh [8]

    TitelbildDie dräuende Vergänglichkeit so deutlich zu spüren gehört zu den Höhepunkten im Gartenjahr

  • Fauma & Flora

    Was läuten hören [2]

    TitelbildMehrjährigkeit, schier endlos dauernde Blühdauer von Mai bis September und Schattenverträglichkeit sprechen für die Glockenblume

  • Fauma & Flora

    Grabenkämpfe [9]

    TitelbildJetzt ist es Zeit, den Boden für das Frühjahr zu bereiten - Vor dem Umgraben muss noch aufgeräumt werden, meint Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Beziehungsarbeit [5]

    TitelbildWarum Rollrasen gestandene Gartler ganz unglücklich macht, erklärt Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Herbstzeitlose: Tödlich schön [20]

    TitelbildEin entzückender Vorbote des Winters ist die Herbstzeitlose, sie hat aber auch ihre Tücken, berichtet Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Entwurzelt [30]

    TitelbildDer Umzug ins Winterquartier ist für alle Pflanzerln und ihren Gärtner kein Vergnügen - Und eine neue Hecke muss auch noch her, klagt Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Grobe Arbeiten [2]

    TitelbildSaisonal bedingt stehen Tätigkeiten im Garten an, die Schweiß, Schmerzen und Schadenfreude mit sich bringen, meint Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Torschlusspanik [13]

    TitelbildWenn es herbstelt, werfen sich die Pflanzen noch einmal mächtig in Schale - Das kostet sie Substanz, die sie in Form von Dünger wieder bekommen sollten

  • Fauma & Flora

    Expertenklimax [5]

    TitelbildNicht nur in Großbritannien wird die Vereinsmeierei um den Garten zu edler Blüte gebracht, berichtet Gregor Fauma

Kommentar posten
12 Postings
der_kleine_nick
 
00
3.11.2010, 12:42
@ G.F....mal im Palmenhaus gekellnert ??

Gregor Fauma1
 
00
3.11.2010, 17:12
... und wie!

Darius Minor
00
2.11.2010, 15:08
Was ist eigentlich "Fauma"?

Neologismus (ev. aus "Fauna" und "Trauma"?) - oder Tippfehler?

The Gentle Art of Making Enemies
00
12.11.2010, 00:47
Guckst Du Autor, guckst Du Wortspiel!

Darius Minor
00
12.11.2010, 18:10
Hui,

danke. Das ist mir glatt entgangen. 8-) Asche auf's Haupt.

ob servator
 
01
2.11.2010, 16:16

schaut aus wie ein familienname...

HansPeter10
10
2.11.2010, 09:57

Versteh ich richtig? Der Pilz klaut Trauben? Des müss ma untersuchen !

Okin37
20
2.11.2010, 08:31
Zaun und Natur könnten eine Lösung sein

Gegen "höher entwickelte" Schädlinge wie Humanoide hilft oft ein Zaun und ein paar Schilder - gegen den Pilz würde ich biologische Gegenmaßnahmen ergreifen. Meist sind die Pflanzen selbst zu wenig gestärkt, um den Pilz abzuwehren und in der Monokultur eines Weingartens breitet er sich auch gern schnell aus. Die Behandlung mit Effektiven Mikroorganismen (Bodenverbesserung) hat hier schon vielen geholfen.
Hilfe unter:"Bioeffekt.at"

T. Lurker
02
2.11.2010, 13:30
Weiss das auch Peronospora

dass er sich dran (bzw. fern) halten soll?

Oder glauben sie im Ernst, dass man ein Regenjahr wie das Heurige mit ein paar "Bodenverbesserungen" in Griff bekommt?

Hyla Arborea
02
2.11.2010, 05:05
Krawutzi-kaputzi....na sowas!

Wäre die Idee eines Zaunes und adäquater Pflegearbeiten zu kleingeistig?

Don Flamenco
00
5.11.2010, 14:24

ein zaun um den weingarten ist ungeschickt.

Gregor Fauma1
 
00
2.11.2010, 16:12

Nein, nicht zu kleingeistig.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.