"Jedes Produkt hat Vater und Mutter"

28. Oktober 2010, 17:19
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Antonio Citterio zählt zu den ganz großen italienischen Entwerfern - Anlässlich seines 60. Geburtstags befragte ihn Michael Freund zu vierzig Jahren Design-Schaffen

Er entwirft Kleinteiliges für die Küche, aber auch Hotels, Ausstellungshallen oder die Corporate Identity von Konzernen. Er arbeitet für Unternehmen, die auf intelligente Gestaltung abonniert sind wie Hansgrohe, Iittala, Kartell Flexform, Technogym oder Guzzini - und oft sind diese Erzeuger auch auf ihn abonniert: Antonio Citterio zählt zur Oberliga im italienischen Design. 1950 im lombardischen Meda geboren, hat er sich über Jahrzehnte einen Namen gemacht als Gestalter, der die Funktionalität und den bestmöglichen Fertigungsprozess über den persönlichen Star-Auftritt stellt. Dass dabei gut benutzbare und auch noch attraktive Produkte herauskommen, freut die Kunden. Dem heimatlichen Boden ist Citterio bei allen internationalen Engagements treu geblieben; sein Studio steht in Mailand.

DER STANDARD: Sie sind, wie viele Ihrer italienischen Kollegen, zugleich Architekt und Designer. Was hat das für Ihre Arbeit bedeutet?

Antonio Citterio: Früher gab es keine Design-Schulen bei uns. Es gab die Möbel- und Interieurindustrie in Mailand und Umgebung und daher die Notwendigkeit zu entwerfen. Design war hier von Anfang an Teil des industriellen Fertigungsprozesses. Auf der Uni gab es zwar nur Architektur, aber die Absolventen kümmerten sich auch um Entwürfe, weil es fast dasselbe Ambiente war.

DER STANDARD: Also war es vor allem ein Vorteil?

Citterio: Ja, obwohl es bei uns jetzt auch Design-Akademien gibt. Der Zugang der Architekten war schon sinnvoll, weil ja zumindest das Interior Design Teil ihrer Arbeit war, sie dachten in Räumen und deren Besetzung. Ich denke an Giò Ponti, Magistretti, Zanuso, Sottsass: Die sind oder waren zutiefst in den Bauten verwurzelt und in den Objekten drinnen. Die große Schau im MoMA (Italy - The New Domestic Landscape, 1972) zeigte das neue Design - und es kam alles von den Architekten. Ich bin wie viele ein Sohn dieser Generation, und wir kannten uns alle, zum Beispiel als Schüler von Sottsass.
Das ist jedenfalls etwas sehr Mailänderisches: die Möbelindustrie der Lombardei, die sich zwar ändert, aber immer noch die stärkste Europas ist, die Messen und Showrooms und alle großen Publikationen wie Domus, abitare usw.

DER STANDARD: Sie leben seit Anfang der Siebzigerjahre in Mailand. Das war eine politisch und kulturell sehr unruhige Zeit. Wie haben Sie sie erlebt?

Citterio: Design und Architektur wurden damals unter sehr intellektuellen Gesichtspunkten betrachtet, als sehr im Gegensatz zur Produktion. Wer für den Markt arbeitete, wurde verdächtigt. Es gab zwar auch den Einfluss amerikanischer Schulen, etwa der Cranbrook Academy mit Absolventen wie Harry Bertoia oder Charles und Ray Eames, die diese Probleme nicht hatten. Die hatten ihren Viktor Papanek und ihren Vance Packard gelesen, die gegen geplante Obsoleszenz und ein Design der Wegwerfkultur wetterten. Bei uns aber herrschte der Kampf zwischen Intellektuellen und Industrie, die Mailänder Triennale wurde von den einen boykottiert, von den anderen besetzt. Mitten in diese Zustände kam übrigens Charles Eames zu einer Konferenz - ich als Burli habe mir natürlich meinen Säulenheiligen angeschaut. Ich habe jedenfalls nicht diesen Gegensatz zwischen Kreieren und Produzieren akzeptiert, also habe ich die Zeit ein wenig als Fremder miterlebt. Ich habe studiert und bereits als Zwanzigjähriger mein eigenes Studio eröffnet.

DER STANDARD: Als 22-jähriger haben Sie bereits für B&B Italia entworfen, und seit 1985 arbeiten Sie regelmäßig für Vitra in der Schweiz. Wie war der Anfang?

Citterio: Es war wie immer im Leben auch ein Glücksfall. Eines Tages kam Rolf Fehlbaum (der Chef von Vitra) mich besuchen, weil ihm ein B&B-Entwurf von mir gefallen hat. Ich stand damals ja wie gesagt unter dem Einfluss von Eames, der war mein Maßstab....

DER STANDARD: Dann war Vitra, wo Vieles von Charles und Ray Eames produziert wird, wirklich ein Glücksfall für Sie.

Citterio: Absolut. Da gab es einen roten Faden. Daher kam es auch zu einer Zusammenarbeit bis heute, und das Schöne ist, dass es mit Vitra wirklich eine Teamarbeit geworden ist und Freundschaften entstanden sind.

DER STANDARD: Fehlbaum nennt Sie auch eine Freund und spricht von einer "dialektischen Beziehung" zwischen Ihnen.

Citterio: Ja, manchmal werde ich mehr zum Produktmanager, und Fehlbaum und seine Leute bringen kreative Ideen ein. Das hat mit dem industriellen Prozess zu tun: Ins Design gehen eben nicht nur ästhetische, sondern auch strategische Überlegungen ein. Meine neuen Entwürfe für die diesjährige Orgatec sind Teil davon; Vitra denkt global und sucht dort die Marktnischen, die man mit solchen Produkten füllen kann. Mehr darf ich im Moment nicht sagen.

DER STANDARD: Ihr Sofa für Vitra heißt „Suita", ein rhäto-romanisches Wort für Suite, Folge. Wessen Idee war das?

Citterio: Es geht um die beiden Kulturen, die italienische und die helvetische, und Graubünden liegt dazwischen, daher auch der etwas spielerische Bezug auf die Sprache. Übrigens ist Suita auch ein Beispiel für eine strategische Vision. Es geht nicht darum, um jeden Preis ein Produkt auf den Markt zu werfen. Mein alter Refrain ist, dass jedes Produkt Vater und Mutter hat, Designer und Erzeuger. Wenn es keine Mutter gibt, die das Kind auf die Welt bringt, dann wird's nichts. Partnership ist das ganze Geheimnis. Die Geschichte des Designs ist eine von Menschen und ihren Beziehungen, nicht eine des Marketing. Wenn die gemeinsame Idee fehlt, die aus ethischen Überlegungen und aus Abenteuersinn zusammengesetzt ist, dann wird's nichts. Man muss riskieren und langfristig denken können. Bei Apple scheint das so zu funktionieren. Da ist einer an der Spitze, der sagt, so, jetzt riskieren wir's, und zugleich denkt er in großen strategischen Dimensionen.

DER STANDARD: Man spricht gerne von kulturellen Differenzen zwischen dem italienischen Design und dem anderer, zum Beispiel nördlicher Regionen. Wie sehen Sie das?

Citterio: Das italienische Design wurde aus einer großen unternehmerischen Vielfalt heraus geboren. Während Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in großem industriellem Maßstab zu produzieren begann, hatten wir in Italien noch viele kleine, fast handwerkliche Betriebe, die zu besonderen Lösungen, zu Experimenten bereit waren - daher die Vielfalt der Entwürfe. Heute kann man das nicht mehr in diesem Ausmaß beobachten, denn viele italienische Gestalter arbeiten im Ausland, und ausländische in Italien. In den Sechzigerjahren konnten wir uns noch darüber lustig machen, wie sich etwa die Deutschen anzogen. Heute tragen viele die italienische Mode,...

DER STANDARD: ... während viele Italiener in Ballonseidentrainingshosen herumlaufen.

Citterio: Genau. Bzw. wir fahren die gleichen Autos, tragen die gleich Schuhe, also in Europa sehen wir gleicher aus als früher. Es gibt vielleicht noch größeren Unterschiede zu China, doch sogar das pendelt sich langsam ein. Irgendwie werden wir Weltbürger, ich arbeite ja auch viel mehr im Ausland als früher, in London, In Hong Kong, Osaka, Tokio, Russland. Und was Italien anbelangt: Da hier zum Beispiel die ganze Elektronikindustrie weggebrochen ist, fehlen inzwischen die geeigneten Designer, die ziehen mit den Produktionsstandorten mit.

DER STANDARD: Also vielleicht nur mehr rückblickend, aber welches Interieur-Produkt würden Sie als typisch italienisch bezeichnen?

Citterio: Sicher mal die Arco von Castiglioni (die Stehlampe, die sich im Halbkreis über den Tisch beugt), denn sie verkörpert eine Kreativität, die über die reine Funktionalität hinausgeht. Ansonsten ... der Stuhl Superleggera von Giò Ponti, oder sein Vorgänger, die Chiavarina, nach der Ponti sein Re-Design gemacht hat.

DER STANDARD: Und etwas Entsprechendes aus Deutschland oder Österreich?

Citterio: Ganz sicher die seinerzeitige Linie von Braun. Die ist bis heute ein Bezugsrahmen.

DER STANDARD: Manche Entwürfe von Jon Ive für Apple sind reine Hommagen an Dieter Rams von Braun.

Citterio: Genau. Dazu kommen die großen Entwürfe der Autohersteller. Aus Österreich? Da fallen mir eher die großen Namen der vorletzten Jahrhundertwende ein. In der jüngeren Vergangenheit fehlen vielleicht die großen Hersteller.

DER STANDARD: Fallen Ihnen gegenwärtige Designer ein?

Citterio: Ja, da sind die, die für Bulthaup arbeiten, wie heißen sie nochmal?

DER STANDARD: Eoos Design.

Citterio: Ja. Die sind wohl die herausragendsten. Und was ich noch interessant finde, ist, wie in Österreich mit dem public space umgegangen wird, bis hin zur Urbanistik. Die urbane Lebensqualität ist höher als bei uns, wie auch in Deutschland und der Schweiz. Wir sind gut im privaten Bereich, aber nicht im öffentlichen Raum.

DER STANDARD: Wie erleben Sie die Politik im heutigen Italien?

Citterio: Ich denke, wir erleben gerade die komplexeste Periode unserer neueren Geschichte.

DER STANDARD: Was meinen Sie mit komplex?

Citterio: Incasinato - ein totales Tohuwabohu, in dem das private Interesse stärker wiegt als das öffentliche, vom Präsidenten abwärts.

DER STANDARD: Was wären für Sie die wichtigsten Gegenstände, ohne die Sie nicht auf der berühmten einsamen Insel hausen wollen?

Citterio: Auf jeden Fall mal die Moka (von Bialetti), die ich für meinen täglichen Kaffee, für meine vielen täglichen Kaffees brauche. Egal ob schön oder nicht, die ist einfach eines dieser Objekte schlechthin. Dann sicher das schmale Bett von Eames, das brauche ich dort; dann wahrscheinlich ein Bild von Rudolf Stingel (dem aus Südtiroler gebürtigen, in New York lebende Maler), wie ich es gerade hier an der Wand habe; die Lampe Kelvin LED, die ich für Flos entworfen habe (und die wie für Apple, d.h. für Braun entworfen aussieht). Und natürlich mein iPad, damit ich täglich die Zeitung lesen kann. (Michael Freund/Der Standard/rondo/29/10/2010)

  • Neues für Vitra: Sofalandschaft "Suita" von Antonio Citterio.
    foto: vitra

    Neues für Vitra: Sofalandschaft "Suita" von Antonio Citterio.

  •  Antonio Citterio
    foto: vitra

     Antonio Citterio

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