Siegelring

21. Oktober 2010, 19:28
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Pro "Orientierungshilfe" von Ljubisa Tosic - Kontra: "Wie Pitralon" von Doris Priesching

+++Pro
Von Ljubisa Tosic

Gewalt ist keine Lösung – das sei mal klargestellt. Sich mit einer altmodischen Unterschrift im Gesicht des Mitmenschen zu verewigen, ist nur der abwegige Ansatz jener Ringträger, die wir verachten würden, wollten wir unsere Abfälligkeit verschwenden. Nein, um eine militante Zweckentfremdung geht es nicht. Der Ring ist nur ein auf dem kleinen Finger strahlendes Zeichen für die Welt, eine Orientierungshilfe für die Menschen, damit sie uns gegenüber den richtigen Tonfall finden.

Ob wir von Kleopatra oder Karl V. abstammen, ist zwar nicht mehr zu rekonstruieren. Egal. Wir fühlen, in unseren Adern sprudelt Besonderes. Dies zu berücksichtigen, wollen wir den Menschen erleichtern, weshalb es gilt, das Siegel auch weiter zu verbreiten. Auf Unterhosen, Socken und Zahnbürsten. Unser Hündchen, Don Jaime, trägt natürlich auch ein Mascherl mit unserem Siegel. Zwar wird er deswegen von anderen Vierbeinern geschnitten; der Glaube, von Kleopatras Schoßhündchen abzustammen, gibt ihm jedoch Halt wie Haltung.

Kontra---
Von Doris Priesching

Wir nannten ihn "Kinderschänder". Das war ungerecht, denn möglicherweise war er mehr "Elternquäler". Ein windiger Versicherungsheini, der meinen Eltern alles Mögliche aufschwatzte, was im Schadensfall schließlich doch nicht ersetzt wurde. Er hatte ein mit dem Lineal gezogenes Schnurrbärtchen, Pomade im Haar und bekam ob seiner überschüssigen Kilos schwer Luft.

Aus seiner schwarzen Handtasche zog er die Versicherungsverträge hervor, mit einem goldenen Kugelschreiber markierte er die zu unterzeichnenden Stellen. Natürlich trug er den obligaten Siegelring. Es ließ sich schließlich gut leben über die Versicherungsprämien. Wenn er gegangen war, mussten wir lüften, weil das ganze Haus nach seinem Rasierwasser stank.

Insofern ist der Siegelring ein Gruß aus einer Zeit, als Männer noch "richtige Männer" und Alleinverdiener waren und Pitralon nahmen und daheim Phrasen wie "Wer zahlt, schafft an!" droschen. Ein Witz, natürlich. Aber: Danke, wir haben dazu schon genug gelacht. (Der Standard/rondo/22/10/2010)

  • Aus seiner schwarzen Handtasche zog er die Versicherungsverträge hervor,
 mit einem goldenen Kugelschreiber markierte er die zu unterzeichnenden 
Stellen. Natürlich trug er den obligaten Siegelring.
    foto: der standard

    Aus seiner schwarzen Handtasche zog er die Versicherungsverträge hervor, mit einem goldenen Kugelschreiber markierte er die zu unterzeichnenden Stellen. Natürlich trug er den obligaten Siegelring.

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