Eine Million pro Meter

24. Oktober 2010, 19:41
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Einer der größten Ausstatter gigantischer Luxusyachten stammt ausgerechnet aus Niederösterreich

In Burkhard Lists Geschäft kommt es auf die Größe an: "Erst ab 70 Metern werden sie ernst genommen, sagt er. List steht im Hafen von Monaco, rund um ihn stehen mehr als 100 "Megayachten" - Schiffe, die länger sind als 30 Meter. Kleine Schilder neben den Stegen verraten die wichtigsten Daten: "Beverly", 70,1 Meter, steht da oder "Nero", 90,1 Meter. Hier wird ganz genau gemessen. List ist für die inneren Werte zuständig: Nachdem eine Werft den Rumpf und Motor gebaut hat, stattet seine Firma die künftige Yacht innen aus - mit Tropenholztischen aus einem Stück Holz, Badewannen und Türschnallen mit Lederbeschlägen oder gyroskopisch entkoppelte Billardtische, bei denen der Seegang das Spiel nicht stört.

Im Herbst ist Yacht Show in Monaco, für die Branche das wichtigste Event im Jahr. Aus aller Welt kommen die frisch vom Stapel gelaufenen Prachtstücke, um im Hafen bestaunt zu werden. In den Zelten und an den Ständen rundherum gibt es Decktische mit gekühlter Marmorplatte, Ein-Mann-U-Boote und Privatjets zu kaufen. Auf den Stegen und auf dem Kai wimmeln Männer in Leinenhosen und offenen Hemden, die sich mit "nice Teint" begrüßen. Zum Smalltalk werden Champagner und blaue Kartoffelchips gereicht, nur eine deutsche Werft setzt am Abend ganz leger auf Dosenbier.

"By invitation only"

60 Euro Eintritt pro Tag hält den gemeinen Schaulustigen fern, hierher kommt, wer Geschäfte machen will. Es sind die Yachtbroker, die Poolbauer, die Crew-Vermittlungsagenturen, aber auch potenzielle Kunden, die ein neues Modell besichtigen - "By invitation only" und mit entsprechendem Kontostand. Die Yacht ist der König des Statussymbols: "Nach der Yacht kommt nur noch die größere Yacht", sagt der 27-jährige List. "Wir diskutieren mit den Kunden immer die Frage Länge versus Qualität. Sie haben ein fixes Budget, und oft ist die Größe dann wichtiger als die Ausstattung". Der Ehrgeiz ist groß. Im Internet gibt es Listen, die darüber informieren, welches Schiff gerade das wievieltgrößte der Welt ist.

Doch auch die Erbauer stehen unter Leistungsdruck: Wenn ein Hotel fünf Sterne hat, dann hat eine Luxusyacht sieben. Nur Raumschiffe sind gleichwertig verarbeitet - vielleicht. Auch bei hohem Seegang darf keine Tür wackeln oder die Klimaanlage ein Geräusch machen, der Stahl der Geländer und Beschläge muss dem Salzwasser widerstehen und makellos glänzen, das Teakholz an Deck Sonne und Wetter trotzen und glatt und geschmeidig bleiben.

iPhone-Plug-in-Stationen

Jedes Boot ist ein Einzelstück, die Kunden können über jedes Detail entscheiden, wenn sie denn wollen: Muss der Boden des Pools auf Deckniveau gehoben werden können, damit ein Helikopter dort landen kann? Soll das Leder für die Esszimmersessel eher von der Ziege oder vom Lachs stammen? Aus der ganzen Welt werden die gewünschten Materialien zusammengetragen, im List-Werk in Niederösterreich vorgefertigt und in den Montagehallen der Werften schließlich zusammengesetzt. "Derzeit geht der Trend eher zu Naturmaterialien und sanfteren Farben, nicht mehr so pompös wie früher", meint List. Der letzte Schrei sind iPhone-Plug-In-Stationen. Über eigene Apps kann die Kinoleinwand ausgefahren oder die Temperatur im Whirlpool reguliert werden. Für ökologisch nachhaltige Bombastik sorgen Green Yachts: Meerwasserkühlung für die Klimaanlage, LED-Lampen und Elektromotoren für mehr Energieeffizienz.

Lists Großvater gründete von 60 Jahren eine kleine Tischlerei in Aspang in Niederösterreich, heute gehört die Firma zu den Marktführern in der Yachtausstattung. Begonnen hat alles mit einer Sachertorte: Auf einer Messe für Kreuzfahrtschiffe lernte List die Betreiber der Yacht-Werft Oceanco kennen. Kurz darauf sandte er dem Managing-Direktor die Torte -"als süßen Vorgeschmack auf eine Zusammenarbeit mit einem österreichischen Unternehmen": Sechs Monate später bekam er seinen ersten Auftrag. Acht bis zehn Boote stattet List pro Jahr aus. Bis zu vier Jahre kann es dauern, bis ein Schiff fertig ist. Neben privaten Booten liefert die Firma auch das Interieur für Kreuzfahrtschiffe: Die MS Deutschland, als "Traumschiff" in allen Seniorenheimen ein Begriff, wurde von den Niederösterreichern bestückt.

Die Perfektion einer Yacht hat ihren Preis: etwa eine Million Dollar kostet ein Meter Schiff, wobei der neunzigste Meter schon deutlich teurer wird als der siebzigste: Die Fläche wird größer und die Sicherheitsauflagen strenger. Dazu kommen pro Jahr etwa zehn Prozent des Kaufpreises für die Erhaltung. Etwas günstiger kommt das Chartern: Etwa 350.000 Euro kostet eine Woche für ein 60 Meter Boot, ein voller Tank in etwa 300.000 Euro.

Mehr Crew als Gäste

Obwohl manche Schiffe nur zwei oder drei Wochen pro Jahr genutzt werden, sind sie immer bemannt. Ein 60 Meter Schiff mit zwölf Schlafplätzen für Gäste verfügt über eine Besatzung von etwa 15 Mann: Einen Kapitän, zwei Offiziere, zwei Köche und sechs Matrosen, die täglich zehn Stunden bedienen und vor allem putzen, putzen, putzen. Damit die den kostbaren Urlaub nicht stören, haben sie auf den Schiffen eigene Gänge, durch die sie sich an Bord bewegen. Auch ihre Kajüten sind hinter Spiegeln oder Holzverschlägen versteckt, sodass der Laie sie nicht findet. Geschlafen wird üblicherweise zu zweit in einem Zimmer, seit heuer gibt es eine international vorgeschriebene Mindestgröße. Auf der Show führen sie Interessenten barfuß durch ihr schwimmendes Reich, zeigen den Laderaum mit dem Ferrari, die VIP-Gästekabine mit eigenem Balkon und die "Masters Cabine", wie der Schlafplatz des Eigners kolonial genannt wird.

Doch auch für Superreiche sind die Zeiten härter geworden: Vergangenes Jahr brachen die Verkäufe von Yachten mit mehr als 30 Metern um 70 Prozent ein, 2009 wurden weltweit insgesamt nur 290 Schiffe mit mehr als 30 Meter Länge verkauft - und die wenigen Käufer massenmedial angepöbelt, weil sie sich trotz Krise nicht beherrschen konnten. Mit der Kritik kann List naturgemäß nichts anfangen: "Was bringt es, wenn sie ihr Geld bunkern", meint er, "wenn sie eine Yacht kaufen, dann geben sie damit hunderten Menschen Arbeit." Heuer hat sich die Lage bereits wieder etwas entspannt, die Verkaufszahlen gehen nach oben. Auch List ist nach dem ersten Messetag zufrieden: Er hat beim Plaudern an seinem Stand einen neuen Vertrag abgeschlossen - für eine 40 Meter lange Yacht. (Tobias Müller/Der Standard/rondo/22/10/2010)

  • Yacht "Slipstream"
    foto: hersteller

    Yacht "Slipstream"

  • Burkhard List
    foto: hersteller

    Burkhard List

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