BIER IM GEREDE

Dekantieren

15. Oktober 2010 17:43
  • Artikelbild
    Foto: www.pixelio.de/segovax

    Die Hopfen-Weisse von Schneider Weisse hatdekantiert ein sattes Goldgelb und einen Duft nach Gewürznelken.

    Foto: www.pixelio.de/segovax

Conrad Seidl spürt der Trübung und ihrem Geschmack nach

Trüb oder klar? Das ist in erster Linie eine Modefrage. Wobei die Technik die Mode mitbestimmt: Bevor in den 1870er-Jahren die ersten Bierfilteranlagen konstruiert wurden, waren alle Biere mehr oder weniger trüb. Wobei die im 19. Jahrhundert erstmals massenhaft hergestellten und daher erschwinglich gewordenen Biergläser es nahelegten, eher helle und klare Biere auszuschenken. In den Lagerbier-Brauereien kam daher die Zwicklprobe auf: Mit einem Probierhahn (dem Zwickl, der ins Holz des Lagerfasses gezwickt wurde) konnte man prüfen, ob sich die Hefe im Fass abgesetzt hatte - wer damals ein Zwicklbier zapfte, wollte es besonders klar haben.

Heutige Zwicklbiere sollen dagegen schön trüb sein - ein Modediktat: Unfiltriert steht ja für unverfälscht. Weshalb manche Brauer durch (Mit-)Verwendung von eiweißreichem Weizenmalz der Trübung nachhelfen: Nicht alles, was hefetrüb wirkt, ist tatsächlich auf hohen Hefegehalt zurückzuführen, die Eiweißtrübung ist wesentlich stabiler.

Fast nur noch Hefeweizen

Apropos Weizen: Noch vor einem Vierteljahrhundert war in Österreich vor allem das filtrierte Kristallweizen gängig, inzwischen gibt es fast nur noch Hefeweizen - auch dessen Trübung besteht nicht immer nur aus Hefe. Die Hefe nämlich neigt dazu, sich abzusetzen - weshalb sich bei manchen naturtrüben Bieren ein Depot am Boden der Flasche bildet. Bei belgischen Starkbieren, die lang in der Flasche bleiben, hat es sich bewährt, vorsichtig zu dekantieren, weil das Depot viele abgestorbene Hefezellen enthält und eine eher unangenehme Bittere aufweist - außerdem sehen diese Biere blank besser aus.

Anders bei Hefeweißbieren: Die werden frischer getrunken als die starken Belgier - und die Trübung ist optisch erwünscht, weshalb das Depot aufgeschüttelt werden sollte. Dass das auch geschmacklich Sinn macht, merkt man am stärksten bei Weizenböcken. Zum Beispiel bei der Hopfen-Weisse von Schneider Weisse: Dekantiert hat sie ein sattes Goldgelb, einen Duft nach Gewürznelken - sie schmeckt süß, während die Bittere eher spät und zurückhaltend auftritt. Schüttelt man das Depot auf, so meint man, ein völlig anderes Bier vor sich zu haben: hellbraun und sehr trüb, mit dem Zitrusduft des Cascade-Hopfens und einem Hauch von Harz - und im Geschmack trägt die Hefe zu einem runden, vollmundigen und kräftig herben Eindruck bei. (Conrad Seidl/Der Standard/rondo/15/10/2010)

Kommentar posten
10 Postings
Flughundsitzstange
17.10.2010 03:21

Woher kommt eigentlich der Schädelweheffekt beim trüben Bier (nicht nachher, schon beim trinken)?

Mirstetta Toni
19.10.2010 16:36

wenn sie beim trinken den kopf nach hinten schleudern und sich an der holzvertäfelung des wirtshauses einen dippel holen.

inventor
17.10.2010 12:03

wenn man schädelweh hat, sollte man nicht bier trinken, aspirin-c-brause ist da besser!

question me
17.10.2010 02:55

wo gibts die vielen varianten der schneider weisse in wien zu kaufen?

Clemens Kainradl
09.11.2010 19:44

Die Hopfenweisse gibts bei uns auf www.bierfracht.at - und noch einige andere flaschenvergorene aus Belgien und England...

Calebthom
 
17.10.2010 11:27

Versuchen Sie mal www.biererei.at (sind im 22. in der Großenzersdorfer str.) .. ich kaufe dort gelegentlich ein. Schneider Weisse original habe ich dort schon gesehen, wenn etwas nicht vorhanden ist einfach anfragen, z.B. Flötzinger Bräu aus Rosenheim haben die extra für mich importiert (kostet dann natürlich auch etwas mehr).

Neuer Nick neues Glück
15.10.2010 22:00

Die klaren Hefeweizen gehen mir in Österreich wirklich ab!

inventor
18.10.2010 10:55

Das klare Hefetrübe wird auch noch erfunden werden!

Mirstetta Toni
19.10.2010 16:36

so wie das lichte dunkle.

inventor
19.10.2010 18:42

Gibts schon: Hirter Morchel + Hirter Privat Pils

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.