Le grand Bistrot

15. Oktober 2010, 17:30
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Josef Hohensinn, frankophiler Großmeister der Wiener Küche, kocht wieder in der Innenstadt

Das kleine Restaurant mit der wuchtigen Schankvitrine, den buntfleckig bemalten Wänden und den auf Balustraden platzierten Tischen mag nicht eben geschmackssicher dekoriert sein. Angesichts dessen, was seit einer Woche im "Wein in der City" (ehemals Weibel 3) aufgetischt wird, sind Freunde der Wiener Küche aber durchaus geneigt, beide Augen zuzudrücken. Noch dazu, wo die innerstädtische Lage in der Riemergasse und der Umstand, dass nun auch mittags gekocht wird, dazu einladen, auch einmal auf einen schnellen Abstecher vorbeizuschauen. Das liegt an Josef Hohensinn, über 15 Jahre der erste Mann von Reinhard Gerer, der hier eine Küche zelebriert, wie man sie sich kaum noch zu wünschen getraut hätte.

Da gibt es nicht nur die legendären Beuscheln, Nierndeln, Kalbsköpfe und Gulaschs aus der Gerer-Schule. Hohensinn, der zuletzt das Marktachterl in der Leopoldstadt gastronomisch auf Hochglanz polierte, hat hier Großes vor. Mit Besitzer Hans Weibel hat er sich geeinigt, das Lokal nach einem Probejahr zu übernehmen und dann gemeinsam mit Lebensgefährtin Annabelle Borchard zu betreiben. Das führt dazu, dass Hohensinn sich endlich auch über jene Art von Küche beugt, die ihm besonders am Herzen liegt, die aber seit Korso-Zeiten ein bissl zu kurz gekommen ist: die klassisch französische.

So darf man in der Riemergasse nun nicht bloß mit Innviertler Kübelspeckknödeln auf Kraut und Rüben (kleinen, hauchzarten Gebilden von zwingender Eleganz) und einer Grünkernsuppe rechnen, die vom Aroma frischer Kräuter geradezu übergeht. Sondern auch mit den wohl besten Schnecken der Stadt, die im klassischen Geschirr, in satter Knoflbutter gratiniert, mit entzückenden antiken Schneckengabeln aufgetragen werden. Oder, als weiteres Beispiel für die neue Freude an der Klassik, dramatisch auf Schwertspießen präsentierten Lammkoteletts mit Bohnenragout. Oder einem an der Haut knusprig poelierten Filet vom Zander, das Hohensinn, im Gegensatz zu fast allen Kollegen, kompromisslos medium brät und ihm so jenen Saft und jene Kraft lässt, die dieser oft belanglos schmeckende Fisch in sich birgt. In der Kombination mit roten Rüben und einer zarten Krenvinaigrette ist das eines der beglückendsten Gerichte dieses Herbstes. Unverändert: die enzyklopädische Weinkarte Hans Weibels. (Severin Corti/Der Standard/rondo/15/10/2010)

 

Hohensinn im Wein in der City
Riemerg. 1-3
1010 Wien
Tel.: 01/513 31 10
Küche Di-Fr 11-14.30 u. 17-22.30, Sa 17-22.30 Uhr
VS EURO 4,90-11,90 HS EURO12,80-24,80, Mittags EURO 7,50-12,50

Fotos: Gerhard Wasserbauer

  • Josef Hohensinn und Lebensgefährtin Annabelle Borchard haben im Weibel 3 angeheuert - mit der Perspektive, es kommendes Jahr zu übernehmen.
    foto: gerhard wasserbauer

    Josef Hohensinn und Lebensgefährtin Annabelle Borchard haben im Weibel 3 angeheuert - mit der Perspektive, es kommendes Jahr zu übernehmen.

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    foto: gerhard wasserbauer
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