Fremdeinfluss

  • Keine Angst vor Neophyten wie dem Japanischen Schlitzahorn.
    foto: wikimedia commons / júlio reis

    Keine Angst vor Neophyten wie dem Japanischen Schlitzahorn.

Sind Gärtner unpolitische Menschen? Mitnichten, behauptet Gregor Fauma und berichtet vom politischen Garten, und wie er gedeiht

Treffen Gärtner aufeinander, so tauschen sie gerne Erfahrungen und Tipps zu Spritzgurken, Kompostumwälzrhythmen und Wühlmäusen aus. Sie verlieren sich in Gesprächen über Sissinghurst, Laxenburg und die goldene Gartenkralle, driften aber nur selten ins Politische ab. Sind denn Gärtner nicht politisch, oder ist der Garten gar das politische Statement schlechthin? Ein durch und durch sozialdemokratischer Garten bietet jedem ein bisserl etwas. Da ist viel Platz für die Krewecherln, mit Fürsorge werden schwache Pflanzen über die Saison gebracht, und wenn eine einmal nicht mehr blühen will, so darf sie getrost und gut genährt in den wohlverdienten Ruhestand gehen; meist ist das ein nicht so gut einsehbarer Winkel hinter dem Haus. Ist die Witterung einmal ungünstig und der Boden schon ein wenig ausgelaugt, so betreibt der Gärtner Deficit-Spending und verwöhnt seine Zöglinge erst recht mit großzügigen, regelmäßigen Düngergaben, auf dass sie unter besseren Bedingungen so richtig losblühen mögen. Was er jedoch nicht verhindern kann, ist die Ballung von Neuankömmlingen in den heruntergekommenen Ecken seiner Beete.

Diese Pflanzen wurden per Samenflug von Nachbars Garten herübergeweht und sind prinzipiell willkommen. Nur sollten sie halt keinen zusätzlichen Aufwand bedeuten - am Ende werden dem Gärtner sonst seine angestammten Pflanzerln gram, und sie wandern ab in den Garten des nächsten Konzepts: Dieses besteht darin, den Garten gegen jeglichen Fremdeinfluss zu schützen, nur Einheimisches zuzulassen und darauf zu achten, bloß ja keine Hybriden mit Dung und Zuwendung zu verwöhnen. Neophyten, das sind Pflanzen mit migrantischem Hintergrund, dürfen nur dann ihre Wurzeln schlagen, wenn sie aussehen wie endemische, hier ursprünglich gedeihende Gewächse. Aber weder Paradeiser noch Japanisches Schlitzahorn werden es trotz aller Anstrengungen nicht zur Tanne schaffen.

Nur die Stärksten säen

Pech gehabt, raus mit ihnen aus dem Beet. In einer anderen Hinsicht extrem sind jene Gärten, in denen nur die stärksten und ertragreichsten Pflanzen wachsen dürfen. Sukzessive fährt der Gärtner die Düngergaben runter, Jahr für Jahr gibt er weniger für Bodenverbesserer aus und betreibt am Ende des Blühjahres Samenselektion, um im kommenden Jahr nur die Stärksten zu säen. Die paar Sonderlinge, die abseits dieses Konzepts versuchen, trotzdem ihre Wurzeln auszustrecken, werden gerade einmal ignoriert und sich selbst überlassen. Die Befruchtung der Blüten hat gefälligst anständig per Bienen zu erfolgen, zwittrige Pflanzen oder gar Selbstbestäuber finden in diesen Anlagen keinen Platz.

Manche Gärtner gehen wiederum ganz andere Wege und achten darauf, möglichst vielen Formen, Farben und Ansprüchen gerecht zu werden. Herkunft, sexuelle Bedürfnisse und andere Eigenarten werden als Bereicherung empfunden, die Pflanzen dürfen sich öffentlich selbst befruchten, und man achtet tunlichst darauf, auch kleinen, weniger lauten Pflanzen ihren Raum zu geben. Es geht im Beet drunter und drüber, und bald schon verliert der Gärtner den Überblick, erntet ein wenig Selbstangebautes und sucht Entspannung in der Kontemplation darüber, wie er für ständigen Kompost-, Dünger- und Wassernachschub sorgen soll. Und da sag einer, Garteln wäre unpolitisch. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/15/10/2010)

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