Die Kunst vermöbeln

17. Oktober 2010, 18:22
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Künstler wie Erwin Wurm, Lois Weinberger oder Esther Stocker entwerfen Design und zeigen dieses unter dem Titel "The Art of Design" im MQ Wien

"Gute Künstler machen schlechtes Design", mosert ein Vernissagebesucher, stellt sein Glas ab und verschwindet im Dunkel des Innenhofs im Museumsquartier. Dreht man mit diesem Floh im Ohr eine Runde durch die Ausstellung The Art of Design. - ak7 Contemporary Design by Contemporary Artists, gesellt sich zum Floh flugs der Sager des weitgehend auch in Designkreisen verehrten Künstlers Donald Judd, "Design muss funktionieren, Kunst nicht". Was aber, wenn sie funktioniert? Genau diesem Spannungsfeld widmet sich diese Ausstellung im "freiraum quartier21 International" "mit Objekten von den Künstlern Erwin Wurm, Lois Weinberger, Martin Walde, Esther Stocker, Maeve Rendle, Ulrike Lienbacher, Shilpa Gupta, Sissi Farassat und Pavel Büchler.

Martin Walde hat sich das so gedacht: Er nimmt eine große Schublade, dreht sie auf den Kopf und stülpt sie auf die Lehnen zweier Sessel. Die Lade wird so zur Tischfläche, die Sessel bleiben Sessel, werden aber zugleich Tischbeine. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass dieses vermeintliche Kunststück, zu dem Walde auch von einer Szene von Stan Laurel und Oliver Hardy inspiriert wurde, als Möbel funktioniert. So wurde zum Beispiel in die nunmehrige Tischplatte eine neue Lade eingebaut.

Lois Weinberger wiederum zersägt eine gewöhnliche Palette, pinselt sie silbern an und baut eine Gartenbank. Oder er schaufelt einen kleinen Erdhügel, transformiert diesen in ein Objekt aus Aluminium und legt - sozusagen als Einladung darauf Platz zu nehmen - ein Stofftaschentuch darüber. Organisches Design?

Oder ist es am Ende kein Design, dass hier gezeigt wird, sondern doch Kunst? Oder sind die Objekte im Niemandsland zwischen den Disziplinen verloren? Oder gerade dort gut aufgehoben?

Im Auge des Betrachters

Tereza Kotyk, die Kuratorin der Schau, sowie Projektleiter Nikolaus Opperer stellen sich diese Fragen nicht. "Das liegt ganz beim Betrachter", sagt Kotyk, die das Ganze als gegenseitige Befruchtung beider Bereiche sieht. Opperer nickt und sagt, dass es vor allem die Designer seien, die gern auf Design aus Künstlerhand schimpfen. Stellt sich die Frage, wie Kunst aussehen würde, die von Designern stammt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dass hier auch geschmunzelt werden darf und ein Brise Dada durch den Raum bläst, spürt man an vielen Ecken und Details. Der über den gesamten Boden der Ausstellung aufgebrachte Grundriss des Hauses, das Adolf Loos 1925 in Paris für Dada-Miterfinder Tristan Tzara entwarf, ist nur ein Hinweis, dass hier nicht das eiserne "form follows function"-Gebot des Industriedesigns gilt, an das sich auch Erwin Wurm nicht halten mag. Der baute unter anderem einen alten Schrank zu einem Sofa um. Fesch und stabil mutet es an, tadellos dürfte sich darauf lümmeln lassen. Was will man mehr von einem Sofa? Erwin Wurm nach einer Grenzlinie zwischen Kunst und Design gefragt, sagt: "Ich denke nicht einmal annähernd darüber nach. Ich frage mich auch nicht, was Kunst und was nicht Kunst ist. Ich mache seit 30 Jahren Kunst. Ich glaube, wenn man das ernsthaft tut, dann stellt man sich diese Frage nicht mehr. Ich bin Künstler und basta." Ein anderer, nämlich der US-Künstler Richard Artschwager, sieht die Sache so: "If you sit on it, it's a chair; if you walk around it and look at it, it's a sculpture."

Doch eine Entscheidung in diesem Sinne trifft letztendlich sowieso der Käufer des Stücks, denn die hier gezeigten Objekte werden als Edition - auch in Teilen der Designwelt eine längst gängige und erfolgreiche Verkaufspolitik - von sieben Stück feilgeboten. Die Preise für die Arbeiten, die unter dem Label ak7 firmieren, das sich als Marke am internationalen Kunst und Designmarkt positionieren will, liegen zwischen 3000 und 35.000 Euro.

Zwischen Design und Kunst

Auch die Künstlerin Esther Stocker zeigt in der Ausstellung, dass Kunst als Design funktionieren kann. Oder umgekehrt. Wie man's nimmt. Sie ist u. a. mit einem Tisch vertreten, bei dem sich eine weiße Tischplatte über die schwarze Unterkonstruktion zu schieben scheint. Das heißt: Auf der einen Seite rückt sie zu weit über das Gestell, auf der anderen fehlt ein Stück. "Ich thematisiere diese Kante zwischen Design und Kunst. Jeder weiß, was einen Tisch ausmacht. Dieses Objekt wird für mich zu einem Vehikel für Gedanken, bei denen es um Verschiebungen von Bedeutungen geht. Der Mensch, der Dinge gebraucht, ist ja auch nichts Statisches", sagt Stocker.

Spätestens bei einer empfehlenswerten zweiten Runde durch die Schau, die im Rahmen der Vienna Design Week eröffnet wurde, sollte man sich von dem Korsett der Frage nach Kunst oder Design befreit haben. Auf jeden Fall handelt es sich hier um Objekte, die anregen, die irritieren, vielleicht provozieren und mehr oder weniger funktionieren. Unterm Strich benötigen sie kein Etikett. Diese Stücke haben das Zeug dazu, Bedeutungen von ganz Alltäglichem in einen anderen Kontext zu rücken und so Sichtweisen zu schaffen, welche diese Alltäglichkeiten fürderhin bewusster wahrnehmbar machen. Eine andere Sicht der Dinge hat auch Design noch nie geschadet. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/15/10/2010)

"The Art of Design. - ak 7 Contemporary Design by Contemporary Artists". Im freiraum, quartier21, Museumsquartier Wien. Bis 21. November. http://ak7.achtungkunst.com; www.quartier21.at

 

  • Erwin Wurm, Möbel I, 2010
    foto: © photo by carmen brucic / www.carmen brucic.net, courtesy ak7 contemporary design by contemporary artists and the artist

    Erwin Wurm, Möbel I, 2010

  • Ulrike Lienbacher, Psyche, 2010
    foto: © photo by carmen brucic / www.carmen brucic.net, courtesy ak7 contemporary design by contemporary artists and the artist

    Ulrike Lienbacher, Psyche, 2010

  • Lois Weinberger, Gartenbank, 2007/2010
    foto: © photo by carmen brucic / www.carmen brucic.net, courtesy ak7 contemporary design by contemporary artists and the artist

    Lois Weinberger, Gartenbank, 2007/2010

  • Martin Walde, Ausschnapsn, 2010
    foto: © photo by carmen brucic / www.carmen brucic.net, courtesy ak7 contemporary design by contemporary artists and the artist

    Martin Walde, Ausschnapsn, 2010

  • Esther Stocker, Tisch, 2009
    foto: © photo by carmen brucic / www.carmen brucic.net, courtesy ak7 contemporary design by contemporary artists and the artist

    Esther Stocker, Tisch, 2009

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