Mode & Verzweiflung

14. Oktober 2010, 17:53
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Bryan Ferry veröffentlicht nach acht Jahren ein neues Album mit eigenem Material - "Olympia" bietet wertkonservative Konfektionsware aus der Maßschneiderei

Vor ungefähr 30 Jahren hatte man dem Mann so oft gesagt, dass es sich bei ihm und seiner Kunst um einen Klassiker handle, dass er es selbst zu glauben begann. Das bekommt nur wenigen Menschen gut. Und wenn, dann auch nur im Nachhinein. Man begeht jetzt natürlich Majestätsbeleidigung, aber: Bryan Ferry kränkelt seit dieser Zeit künstlerisch doch immer wieder sehr erheblich. Der Mann erfand mit seiner Band Roxy Music parallel etwa mit Marc Bolan oder David Bowie Anfang der 1970er-Jahre den "Glam Rock". Und er sorgte dafür, dass Musiker auf der Bühne wieder wie Stars und nicht wie Leute aussahen, die gerade aus dem Stall oder vom Arbeitsamt kommen. Das alles - und das ist nichts Geringes! - steht außer Frage. Allerdings hatte es Ferry unbegleitet von künstlerisch beratenden und sorgsam lenkenden Partnern wie Brian Eno mit seinen Soloalben nie ganz leicht. Der spinnerte Soundvisionär Brian Eno, der es später nach seinem frühen Ausstieg bei Roxy Music nach der Förderung der No-New- York-Szene (Arto Lindsay, Lydia Lunch ...), nach den Talking Heads und der Erfindung von Ambient mit Produktionsjobs für U2, André Heller oder Coldplay auch entschieden weltläufiger gab, wird in den kommenden Tagen nicht nur ein neues Soloalbum namens Small Craft On A Milk Sea beim verdienten britischen Elektronik-Label Warp Records veröffentlichen. Brian Eno ist als lebenslang immer wieder mit Bryan Ferry heftig verfreundeter oder verfeindeter Berater und Sounddesigner auch jetzt wieder einmal auf Ferrys kommende Woche erscheinendem Album Olympia mit dabei. Allerdings ist auf dem ersten von Originalsongmaterial getragenen Ferry-Album seit Frantic aus dem Jahr 2002 nur wenig vom einstigen Wagemut erhalten geblieben.

Auch Bryan Ferry, der bekennende Tory-Wähler aus der britischen Arbeiterklasse, vollzog über die Jahrzehnte einen künstlerischen Wechsel von der Innovation zur Tradition. Schon seine frühen Soloalben zeigten in der Auswahl der großteils fremdkomponierten Titel einen Hang zu herbeiimaginierten früheren goldenen Zeiten, in denen Scott Fitzgerald im Großen Gatsby rastlos wie stilvoll den Dandy mit dem vom Leibschneider und Schuster abhängigen halbseidenen Spießer kurzschließen ließ. Laut britischer Lesart nahm der Großmeister des Pop-avantgardistischen "Retrofuturismus" schon mit dem eindeutig reminiszenten und historisch sichtenden wie mit Anführungszeichen nur so um sich schmeißenden Roxy-Music-Debüt von 1971 die Postmoderne gut ein Jahrzehnt vor ihrer Hochblüte vorweg. Allerdings bedeutet Retrofuturismus in letzter Konsequenz immer, dass ein Schritt nach vorne und zwei zurück "am Ende des Tages" in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft weisen. Weite Teile des neuen, mit Covermodel Kate Moss behübschten Albums Olympia weisen dann auch in jene Zeit zurück, in denen sublime Klangtapeten wie die späten, vor 30 Jahren den Yuppie-Rock entscheidend prägenden Roxy-Music-Alben Flesh & Blood und Avalon noch ganz selbstverständlich zur Innenausstattung eines angeschickert-durchdesignten Lebensstils gehörten wie der Glastisch zum Ledersofa. Der Rest war Peter Gabriel, Phil Collins und American Psycho. Die meisten Songs also stammen aus einer nie veröffentlichten Kollaboration mit Dave Stewart von 1996. Was lange währt, wurde nun im Laufe der letzten fünf (!!!) Jahre am Mischpult mit Gästen wie den mittlerweile nicht mehr ganz hippen Scissor Sisters, dem britischen Dancefloor-Team Groove Armada, Brian Eno, Nile Rodgers von Chic, David Gilmour von Pink Floyd oder Jonny Greenwood von Radiohead auffrisiert.

Bizarrerweise ist You Can Dance, eine seit Ende der 90er-Jahre als Raubkopie kursierende späte Ferry-Nummer, nun nicht in der sensationell guten Technoversion des deutschen Produzenten DJ Hell (Siehe dessen Teufelswerk von 2009!) auf dem Album Olympia vertreten, sondern als Bausparvertragsverlängerungs- und Button-down-Funk-Fassung für Stereoanlagen in deutschen Autos der gehobenen Mittelklasse. Gemeinsam mit Titeln wie Alphaville (meine Güte), Heartache By Numbers oder Tender Is The Night gefällt sich Ferry mit altersgebrochenem Singwispern in einer fettreichen Reduktion altbekannter Zutaten, die schließlich in einer Coverversion von Song To The Siren des US-Songwriters Tim Buckleys ihren dekadenten Höhepunkt im Sinne des Hi-Fi-Fetischismus findet. Die zarte, brüchige und hingehuschte Ballade wird von Ferry mit insgesamt fünf Gitarristen, drei Schlagzeugern sowie Interventionen von Brian Eno erster Klasse beerdigt.

Nach seinen letzen Coveralben, dem verletzlichen Swingalbum As Time Goes By und dem Bob-Dylan-Tribut Dylanesque sowie dem eigenen Material auf Frantic hat man es bei Olympia mit einem unentschlossenen Schritt ins Nichts zu tun. Ein bisschen stockkonservativ, ein bisschen mutlos, ein bisschen modern und ein bisschen Me Oh My: "Everything I care about is gone. I wonder why."

Nachdem man zuletzt davon las, dass Roxy Music diesen Sommer wieder einmal in Originalbesetzung durch die Welt getourt sind und dabei gar nicht einmal so eine schlechte nostalgische Figur abgegeben haben, steht zu hoffen, dass sich die Rückkehr zum Retrofuturismus auch in einem neuen Album von Ferrys Lebensband niederschlägt. Gediegen langweiliger als diese "neuen" Solosongs kann das gar nicht werden. Wobei auf jedes Meisterwerk wie Manifesto von 1979 natürlich ein Flesh And Blood von 1980 folgt. Insofern: Unbedingt kritischen Abstand einhalten! (Christian Schachinger, RONDO/DER STANDARD - Printausgabe, 15. Oktober 2010)

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    foto: neil k.
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    foto: virgin records
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