Geile Schmuddelkinder

14. Oktober 2010, 18:00
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LSD im Trinkwasser, Sex ohne Anstrengung - Black Mountain aus Kanada besuchen auf "Wilderness Heart" die Kirchen von Black Sabbath und Led Zeppelin

Amber Webber schlägt neue Töne an. Stand sie bisher im Verdacht, ein Neutrum zu sein, das bei der kanadischen Band Black Mountain leidenschaftslos sexuell konnotierte Lyrics aufsagt, als würde sie aus dem Amtsblatt vorlesen, hebt sie am dritten Album der Band nachgerade herzlich an.

Nicht nur das ist neu. Auf Wilderness Heart klingt die psychedelische Rockband mit 1970er-Breitseite stellenweise wie Oasis. Etwa im Opener The Hair Song. Da muss man durch. Es wird gleich danach mit Old Fangs wieder Black-Mountainiger. Etwas zu flott vielleicht, aber die Tasteninstrumente, die den harten Riffs Leichtigkeit, Groove und eine Dosis Retro-Futurismus verleihen, zählen zu den Markenzeichen der Band um deren vollbärtiges Mastermind Stephen McBean. Ein wenig vermisst man Webbers Lethargie. Gerade live wirkte sie wie ein in die Pflicht genommenes Schmuddelkind in Oma-Klamotten, das ihren Widerwillen mittels Teilnahmslosigkeit demonstrierte. Dieses tranige Phlegma konvenierte mit den zähen, sich oft aus dem Midtempo nach oben mahlenden Songs, die Altvordere aus dunkel gekleideten Hardrock-Familien aus vergangenen Tagen beleihen. Tauscht man Mountain gegen Sabbath, ist schon geklärt, wer da gemeint wäre. Oder Rollercoaster: Das klingt, als wäre es aus dem Child In Time-Baukasten von Deep Purple zusammenmontiert. Deep shit, wie man sagt.

Das psychedelische Element, das bislang eher über verdrogte Keyboards vermittelt wurde und stellenweise an Opal erinnerte - siehe Klassiker unten - vernachlässigt die Band aus Vancouver zugunsten eingestreuter Akustikstücke, die dieses dritte Album in erwähnte Oasis-Nähe rücken. Zumal McBean darin so geleckt intoniert wie Liam Gallagher. Andererseits vermutet man Woodstock gleich ums Eck. Derb-geil kommt die Titelnummer daher, die wie ein Appendix des bisherigen Meisterstücks von Black Mountain klingt: In The Future von 2008.

Souverän werden in Wilderness Heart alle für das Black-Mountain-Universum notwendigen Charakteristika miteinander verschränkt und am Ozzy-Osbourne- oder Led-Zeppelin-Altar geopfert, und zwar ohne Post-punkig gebrochene Melvins-Bearbeitung. Black Mountain waten knietief im 1970er-Hardrock. Dass man diesen hierzulande Beidlrock nennt - Punktlandung. Black Mountain wollen nichts von der Moderne, diese will was von ihnen. (Karl Fluch, RONDO/DER STANDARD - Printausgabe, 15. Oktober 2010) 

  • Black Mountain: "Wilderness Heart" (Jagjaguar/Trost)
    foto: jagjaguar records

    Black Mountain: "Wilderness Heart" (Jagjaguar/Trost)

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