"Es wird nicht hoppla-hopp gehen!"

14. Oktober 2010, 17:22
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Andreas Enslin ist Chefdesigner bei Miele - Wojciech Czaja sprach mit ihm über Gemütlichkeit, Energieverbrauch und Geschirrspüler, die sich von allein ausräumen

DER STANDARD: Wann haben Sie zum letzten Mal gekocht?

Andreas Enslin: Letztes Wochenende, am Samstag. Da gab's Kaninchen.

DER STANDARD: Kochen Sie oft?

Enslin: Nein, ich würde gern öfter kochen, aber dafür habe ich zu wenig Zeit. Unter der Woche komme ich fast nie dazu. Am Wochenende klappt es dafür so gut wie immer. Kochen, das ist für mich Freizeit und Entspannung.

DER STANDARD: Warum sind es ausgerechnet die Leute mit den feschesten Küchen, die am wenigsten hinter dem Herd stehen?

Enslin: In manchen Regionen wie etwa Asien, Russland oder den USA gilt eine teure Küche oft nur als Statussymbol und Prestigeobjekt. Für Deutschland und Mitteleuropa kann ich diesen Eindruck allerdings nicht bestätigen. Bei uns ist die Küche nicht nur Kochstelle, sondern auch ein wichtiger Ort der Kommunikation. Gemeinsames Kochen und Essen mit Freunden wird zum sozialen Event. Immer mehr neue Häuser und Wohnungen sind so gestaltet, dass die Küche das Zentrum bildet.

DER STANDARD: Wie hat sich das Kochen in den letzten Jahren verändert?

Enslin: Tür zu und arbeiten - das ist jedenfalls Vergangenheit. Anspruchsvolles Kochen hat auf jeden Fall an Bedeutung gewonnen. Es ist weniger Arbeit und mehr Genuss. Während die meisten Berufstätigen, so wie ich auch, unter der Woche zu Mittag manchmal am Schreibtisch sitzen bleiben und nebenbei ein Sandwich essen, wird an den Wochenenden ordentlich aufgekocht. Die Menschen probieren aufwändige Rezepte, kaufen hochwertige Zutaten - und dafür bevorzugen sie gut ausgestattete Küchen.

DER STANDARD: Immer mehr Leute kaufen Tellerwärmer, Dampfgarer und Teppan-Grill. Steht die Entwicklung der vielen neuen Produkte in irgendeiner Relation zum tatsächlichen Kochverhalten?

Enslin: Dampfgarer und Teppan-Grill ermöglichen, wie auch der Wok, ein gesundes Kochen mit wenig Fetteinsatz und kurzen Garzeiten. Andere Geräte wiederum wie etwa gut ausgestattete Backöfen oder Kombi-Dampfgarer sind für Leute gedacht, die vielleicht nicht ganz so viel Fachwissen und Übung haben - und trotzdem nicht auf ein perfekt zubereitetes Roastbeef verzichten möchten. Die Produkte werden gut angenommen. Ich denke also, das spiegelt das gegenwärtige Kochverhalten ganz gut wider.

DER STANDARD: Welchen Einfluss hat die Unsumme an Kochshows im Fernsehen? Kochen wir nun mehr - oder reicht es schon, dass wir uns an den Bildern auf der Mattscheibe sattsehen?

Enslin: Ähnliche Formate gab es auch früher schon. Ich denke da nur an Alfred Biolek, der in unnachahmlicher Weise vor der Kamera steht und zum Kochen sein Glas Rotwein trinkt. Doch was man heute sieht, das ist der Übergang vom klassischen Fernsehkoch zum Realityshow-Spektakel. Nebenbei erfährt der Konsument etwas über neue Produkte, neue Zubereitungsweisen und neue Gerichte. Gerade in Zeiten, in denen das Vertrauen in die Lebensmittelindustrie aufgrund mancher Skandale gesunken ist, ist das ein wertvolles Wissen, das man sich auf diesem Wege aneignen kann. Eine gut gemachte Kochshow kann also nach wie vor wertvolles Wissen über gesunde und schmackhafte Ernährung vermitteln - auch wenn man nicht gleich alles nachkocht.

DER STANDARD: Immer mehr Hersteller lassen ihre Produkte von Porsche, Pininfarina, Ora Ito, Zaha Hadid oder Luigi Colani entwerfen. Das Resultat sind aalglatte, technoide Möbel, bei denen man sich nicht einmal mehr traut, ein Geschirrtuch liegenzulassen. Wo bleibt die Gemütlichkeit?

Enslin: Man muss das Thema Gemütlichkeit heute anders betrachten als vor 50 oder 100 Jahren. Heute besteht die Gemütlichkeit für viele in erster Linie darin, dass man sich zu Hause von den heterogenen Sinneseindrücken in der Öffentlichkeit und im Arbeitsalltag wieder erholt und optisch wieder etwas zur Ruhe kommt. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Küche heute ja nicht mehr die kleine Kammer am Ende des Flurs ist, sondern oft mitten im Wohnzimmer steht. Wenn ich dann auf der Couch sitze und fernsehe und dabei zufällig mal zur Küche blicke, will ich nicht gleich die typischen Geschirrspüler-Blenden und Brotschneide-Maschinen sehen.

DER STANDARD: Küchengeräte nehmen einen großen Teil der Haushaltsenergie in Anspruch. Welche Möglichkeiten gibt es, den Energieverbrauch weiter zu reduzieren?

Enslin: Zählt man die Wäschepflege dazu, dann verbraucht die Küche rund 45 Prozent der gesamten Energie eines Haushalts. Auf dem Gebiet hat sich in den letzten Jahren aber viel getan. Allein bei unseren Kühlschränken hat sich der Stromverbrauch seit 1990 um bis zu 80 Prozent reduziert, bei Waschmaschinen immerhin um 30 Prozent. Natürlich sind die physikalischen Grenzen noch nicht ausgereizt, aber das Ende der Fahnenstange rückt immer näher.

DER STANDARD: Wo liegt das Ende?

Enslin: Auf Basis der derzeit geläufigen Technologien lässt sich an der Energieeffizienz der Geräte selbst nicht mehr viel tun. Da muss man die ausgetretenen Pfade schon verlassen. Aktuell setzen wir in Wäschetrockner etwa Wärmepumpen ein, die den Stromverbrauch fast halbieren. Jetzt geht es vor allem um die Vernetzung der einzelnen Geräte! Beispielsweise kann man die Abwärme eines Kühlschranks dazu nutzen, um sie dem Wäschetrockner zuzuführen. Solche Konzepte sind allerdings noch Zukunftsmusik.

DER STANDARD: Sind die Konsumenten schon bereit für diese Form der Gesamtbilanz?

Enslin: Das ist natürlich etwas schwieriger zu vermitteln als etwa beim Auto. Dort haben Sie eine sehr einfache Rückkoppelung: Je fester Sie aufs Gaspedal treten, umso schneller ist der Tank leer. Im Haushalt lässt sich die Wechselbeziehung zwischen Konsumentenverhalten und Ökonomie nicht so plakativ erlebbar machen. Trotzdem: Die Menschen sind bereit für solche Diskussionen. Die Minimierung der CO2-Emissionen ist die Aufgabe der nächsten Jahre. Wann, wenn nicht jetzt?

DER STANDARD: Der Geschirrspüler in 50 Jahren?

Enslin: Wenn wir in 50 Jahren immer noch von Tellern essen und aus Tassen trinken, dann dürfte sich an der grundsätzlichen Funktionsweise eines Geschirrspülers im Prinzip nicht allzu viel ändern. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass es eines Tages Geräte geben wird, die das Geschirr selbstständig ein- und ausräumen werden. Doch bleiben wir am Boden der Erwartungen: All das wird nicht hoppla-hopp gehen. Die Physik und die Bereitschaft der Menschen, ihr Verhalten zu ändern, haben definitiv ihre Grenzen. (Wojciech Czaja/Der Standard/rondo/15/10/2010)

 

 

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    Damals wie heute kocht man mit Wasser. Dennoch hat sich in den letzten Jahren in der Küche sehr viel verändert.

  • Andreas Enslin
    foto: hersteller

    Andreas Enslin

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