Albtraum Umhängetasche

17. Oktober 2010, 18:25
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Warum die Stunde der Viennale-Tasche hoffentlich bald geschlagen hat

Es gehört zu den Eigenarten von Filmfestivals, dass sie ihre Besucher mit Taschen ausstatten. Die meisten von ihnen kosten nichts oder sind genauso billig, wie sie aussehen, und steckt man seine Nase in sie hinein, dann wird man mit einiger Wahrscheinlichkeit high. So umwerfend duftet Plastik! Auch unser rühriges Wiener Filmfestival, die in der kommenden Woche startende Viennale, ließ es sich in den vergangenen zehn Jahren nicht nehmen, jedes Jahr eine neue Tasche aufzulegen. Und zwar jeweils in einer anderen Farbe. Am begehrtesten war dabei die Farbe Gold (2005). Sie verlieh dem Festival offenbar ein klein wenig jenes Glamours, den man zwischen dem gruftigen Stadt- und dem nostalgischen Gartenbaukino ansonsten vergeblich sucht. Die Gestalt und das Material der Tasche blieben dagegen unverändert. Das ist schade, denn auch wenn es der typische Viennale-Besucher (Parka, Wollmütze, Chucks, bedeutungsvoll gelangweilter Blick) noch nicht bemerkt haben sollte: Die Zeit der Umhängetaschen ist vorbei. Selbst die Hohepriester der Umschnallgurtentaschen, die Freitag-Brüder aus Zürich, setzen mittlerweile auf Hand- statt auf Umhängetaschen. Das sollte der Viennale zu denken geben. Zum Zehn-Jahr-Jubiläum engagierte sie den an der Wiener Angewandten unterrichtenden Designer Bernhard Willhelm, um der Tasche einen neuen Anstrich zu geben. Das Ergebnis: Die Tasche sieht aus wie ein Streifenhörnchen auf Acid. Die Karriere der Viennale-Tasche dürfte damit ihren Höhepunkt erreicht haben. Sprich, es ist höchste Zeit für ihren Abgang! (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/15/10/2010)

  • So umwerfend duftet Plastik!
    foto: hersteller

    So umwerfend duftet Plastik!

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