"Frauen sollten sich wehren!"

14. Oktober 2010, 17:12
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Er ist einer der wichtigsten Fotografen der vergangenen Jahrzehnte - Sie war eines seiner Lieblingsmodels - Cordula Reyer im Interview mit Peter Lindbergh

DER STANDARD: Du fotografierst vorwiegend Schwarzweiß. Heute ist Farbe in der Modefotografie gefragter denn je - hattest du irgendwann das Gefühl, mit deinem Schwarzweiß unmodern zu sein?

Lindbergh: Klar hatte ich das Gefühl. Auf einmal wollte keiner mehr Schwarzweißfotos haben. Aber mir war das egal: Ich habe trotzdem weitergemacht. Für mich ist die Realität Schwarzweiß. Es ist härter und realer als Farbe.

DER STANDARD: Und als die digitalen Kameras aufkamen?

Lindbergh: Durch die digitale Fotografie hat sich auch bei mir ein bisschen was geändert. Ich schieße jedes Foto zuerst in Schwarzweiß, dann schau ich's mir in Farbe an und erkenne plötzlich, dass das manchmal viel besser passt. Dadurch mach ich jetzt viel mehr Farbe als früher. Hätte ich mich entscheiden müssen, würde ich mich immer für Schwarzweiß entscheiden, aber das ist eben der Vorteil von digitaler Fotografie: Man muss sich nicht entscheiden.

DER STANDARD: Welches sind die ersten Bilder in deiner Erinnerung? Sind die auch in Schwarzweiß?

Lindbergh: Wir wohnten zu fünft in einem 80 Quadratmeter Reihenhaus in einem Kaff bei Duisburg am Rhein. Da war eine Wiese, dann der Fluss, und gegenüber war alles zugebaut mit Industrieanlagen - alles Riesendinger mit lauter Schloten und so. Die schienen gerade so, als kämen sie direkt aus dem Rhein heraus. Das ist mir sehr stark im Gedächtnis geblieben. Ich fand das toll, sie sahen aus wie moderne Schlösser und Burgen. Es herrschte eine ziemlich graue Atmosphäre - dadurch entstand vielleicht meine Schwarzweiß-Erinnerung.

DER STANDARD: Dein Vater war Handelsvertreter von Süßigkeiten. War das dein erster Kontakt mit Glamour?

Lindbergh: Wahrscheinlich! (lacht) Er hatte ein Köfferchen, das war mit dunkelblauem Samt ausgelegt. Und da waren nicht nur die schönsten und buntesten Bonbons, sondern auch elegante Pralinen drin; alle einzeln aufgeklebt, mit einer Nummer drunter. Wenn dann die Kollektion auslief, konnte ich alle rauskratzen; sie schmeckten dann ein wenig staubig. Bei uns zu Hause hat nichts darauf hingewiesen, dass ich einmal Fotograf werden könnte. Ich bin zur Schule gegangen und habe Handball gespielt - das war's.

DER STANDARD: Und deine Mutter?

Lindbergh: Meine Mutter zog drei Kinder groß und war Hausfrau. Sie träumte viel und hatte einen Hang zu Glamour, obwohl sie gar keinen Zugang zu solchen Dingen hatte - und wunderschön war sie auch. Aber Mütter sind alle schön - zumindest in den Augen ihrer Söhne. Als ich Helena (Christensen, Anm.) zum ersten Mal sah, hat mich das richtig umgehauen, weil sie ihr so ähnlich sah. Weniger, wie sie aussah, sondern ihr Wesen, ihre Ausstrahlung. Was ich lebe, das sind die Träume meiner Mutter. Es ist ja öfter so, dass die Kinder das Unterbewusstsein der Eltern ausleben.

DER STANDARD: Wann ist eine Frau am schönsten?

Lindbergh: Wenn sie Begeisterung versprüht, und wenn sie sie selbst ist. Wir alle sind dann am schönsten, wenn wir echt sind - vielleicht auch deswegen, weil es das Schwierigste ist. Das heißt natürlich nicht, dass man nicht an sich zweifeln darf - auch wenn man Zweifel hat und zu ihnen steht, ist man sich selbst. Ich habe noch nie einen "tollen" Menschen kennengelernt, der etwas Tolles gemacht hat und nicht irgendwie schüchtern war. Die sind ja auch deshalb schüchtern, weil sie sich die Freiheit geben, schüchtern zu sein; aber das ist ein großer Schritt, und manchmal ist es eben einfacher, auf hart zu spielen. Bei vielen Schauspielern in Los Angeles ist das so; die laufen da rum und würden am liebsten die ganze Zeit heulen, weil sie noch nicht Brad Pitt sind. Aber wenn du sie triffst, grinsen sie von einem Ohr zum andern und sagen: Hey Peter! How are you? Yo man! So great your work! Die müssen immer spielen: Das ist unheimlich traurig und anstrengend. Ich denke dann immer: Mann, drück dich doch so aus, wie du bist; ohne dich irgendwem anzupassen. Sich anzupassen und dann nicht mehr man selbst zu sein - damit sollte man gar nicht erst anfangen.

DER STANDARD: Du giltst als der Erfinder der Supermodels. Vor kurzem sagtest du, das Bild der Frau sei heute total auf den Hund gekommen. Was meinst du damit?

Lindbergh: Das Frauenbild wird sehr stark von der Fotografie bestimmt. Was soll das, diese ganzen zu Tode retuschierten Fotos? Ich finde Augenringe, Falten und all das sehr schön. Man hat ja als Fotograf auch eine Art Verantwortung. Und da kann man nicht einfach unter dem Motto "Das ist jetzt Mode" alles wegretuschieren und aus einer Frau eine Vogelscheuche machen.

DER STANDARD: Aber wenn du große Kosmetikkampagnen fotografierst, werden diese auch retuschiert - bist du da nicht mitschuldig?

Lindbergh: Im Bereich Werbung ist der Einfluss des Fotografen relativ gering. Ich kann nur versuchen, meine Umgebung im Sinne einer minimalen Retusche zu beeinflussen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass eines Tages die Frauen diesem überperfekten, unrealistisch retuschierten Frauenbild, das ihnen da täglich als erstrebenswertes Vorbild vorgeführt wird, den Krieg erklären. Ich finde, die Frauen sollten sich wehren.

DER STANDARD: Wie sollten sie sich denn wehren? Und warum tun sie es noch nicht?

Lindbergh: Jeanne Moreau hat einmal etwas ganz Tolles gesagt: "In dem Moment, indem du beginnst, deine Vergangenheit im Gesicht zu verändern, hörst du auf, zu leben." Irgendwann sollte man akzeptieren, wie man aussieht und sich aufs Leben konzentrieren. Sonst führt man ein Hundeleben! Man kann doch nicht an sich herumfummeln, nur weil irgendjemand Druck macht, wegen Werbefotos oder wegen Nachbarn oder Freunde. Schafft man das nicht, wird man immer verwundbarer. Und wenn ein Mann einen nicht will, weil man aussieht, wie man aussieht oder älter wird, dann sollte man ihn verlassen.

DER STANDARD: Du hast mir einmal erzählt, dass du ein Nacktfoto von Jeanne Moreau gemacht hast. Wie ist dir das denn gelungen?

Lindbergh: Auch von dir ist es mir gelungen, ein Nacktfoto zu machen! (lacht)

DER STANDARD: Wir wollen hier nicht von mir sprechen.

Lindbergh: Das Foto von Jeanne Moreau ist wahrscheinlich mein allerschönstes Nacktfoto; und das, obwohl ich nur ihr Gesicht fotografiert habe! Sie hat losgelassen und mich den Moment einfangen lassen. Das hat sie ganz bewusst gemacht. Später sagte sie: "Ich habe das einfach geschehen lassen. Peter interessiert sich für das, was in mir drinnen ist - also hab ich es ihm gegeben."

DER STANDARD: Deine Ausstellung hier im C/O Berlin läuft unter dem Titel "On Street". Straßenfotografie ist eigentlich ein wenig ungewöhnlich für dich, wo du doch eher bekannt bist für Bilder von weiten Landschaften und Stränden mit schönen Frauen darin.

Lindbergh: Der wunderbare, fantastische Henri Cartier-Bresson hat einmal gesagt: Modefotografie soll die Finger von der Reportage lassen. Das hat mich dann so gejuckt, dass ich mir dachte, ich guck mal, ob es nicht doch geht, Mode wie Reportage zu fotografieren.

DER STANDARD: Dein Ziel war, Cartier-Bressons Theorie zu widerlegen?

Lindbergh: Irgendwie ja. Und ich glaube auch, dass mir das ganz gut gelungen ist. Man kann Cartier-Bresson als den Vater des Fotojournalismus bezeichnen, und seine Arbeiten haben die Begriffe "Street Photography" und "Real Life Reportage" geprägt; aber hier hat er geirrt.

DER STANDARD: Was ist das Wichtigste für einen Fotografen?

Lindbergh: Das Allerwichtigste ist Identität in deiner Arbeit. Du musst dir selbst zuhören können - und zwar nur dir selbst. Dabei bleibst du allem gegenüber so offen, wie es nur geht. Natürlich: Wenn du jemanden wahnsinnig liebst, kannst du für ihn auch mal was machen, was du sonst nicht machen würdest. Du musst dich so frei fühlen, dass du Dinge annehmen oder ablehnen kannst, so wie es dir passt. Also immer schön Augen und Ohren offenhalten. Solange du das machst, bleibst du auch immer schön nah bei dir und entwickelst deine Identität, deinen eigenen Stil.

DER STANDARD: Man hat bei dir nie das Gefühl, dass es Mode ist, die du fotografierst. Ist das beabsichtigt?

Lindbergh: Ich sage immer: Die perfektesten Modefotos sind die Katalogfotos. Da sieht man, worum es wirklich geht, und kann sich die Klamotten ganz genau ansehen. Man sieht, was man kauft. Früher habe ich immer mit Stolz gesagt: Ich bin Modefotograf. Heute tut mir das ein bisschen leid, weil ja in der Modefotografie viel Blödsinn passiert ist; auf einmal war jeder Modefotograf und hat an den Fotos rumretuschiert. Also bin ich vorsichtig und distanziere mich von diesem Wort. Ich möchte nicht, dass man denkt, mein Interesse gehört einzig und allein der Mode. Ich interessiere mich zuerst einmal für die Frau, die ich fotografiere, und dann für das Foto. Denn letztendlich geht es ja um die Fotos. Sagt man aber Modefotografie, klingt das so, als ginge es um die Mode - nicht um die Fotos.

DER STANDARD: Du warst so ziemlich der Erste, der richtige Foto-Geschichten erzählt hat - und alle haben es dir nachgemacht. Es gab schon einmal einen deutschen Fotografen, der Geschichten mit seinen Bildern erzählte: Helmut Newton, richtig?

Lindbergh: Absolut. Der Unterschied ist aber, dass Newton seine Geschichten in einem einzigen Bild erzählte, während ich gleich ganze Fotoromane mache. So neu ist das, glaube ich, gar nicht. Was wirklich neu war, war zum Beispiel diese "Martian Story", mit Helena Christensen. Da erzählen wir diese Geschichte von einer Frau, die sich in einen Außerirdischen verliebt. Ich verwendete dann Mode, die in die Geschichte hineinpasst.

DER STANDARD: Welche Rolle spielen Zeit und Ort in deinen Fotos?

Lindbergh: Das Wichtigste ist das Licht. Die Place de la Concorde an einem Nachmittag macht natürlich etwas ganz anderes mit deinen Bildern als etwa der Salzsee El Mirage in Kalifornien am Morgen. Also ist Licht und damit auch Ort und Zeit sehr wichtig - aber das Bild machen sie dann auch nicht aus.

DER STANDARD: Hat es so etwas wie ein erstes Foto gegeben, bei dem du dir gedacht hast: Jetzt habe ich wirklich das eingefangen, was ich spüre?

Lindbergh: Wenn ich Menschen fotografiere, habe ich dieses Gefühl immer. Es ist immer aufregend, jemanden kennenzulernen; und diese Aufregung ist im Bild. Mit der Kamera erlebt man ständig Abenteuer. Meistens versuche ich sogar zu verdecken, dass da gerade etwas Wichtiges passiert. Ich versuche es so aussehen zu lassen, als hätte man gerade einmal ein wenig Spaß - und das hat man ja auch. (Cordula Reyer/Der Standard/rondo/15/10/2010)

Peter Lindberghs Ausstellung "On Street" läuft bis 9.1.2011 bei C/O Berlin in der Oranienburger Straße 35, www.co-berlin.com

Peter Lindbergh (geb. 1944 als Peter Brodbeck) ist in Duisburg aufgewachsen. Der Durchbruch in der Modewelt gelang ihm 1978 mit der Veröffentlichung einer Modefotoserie im Stern. Es folgten Aufträge von allen namhaften Modemagazinen. Bald galt Lindbergh als der Starfotograf der internationalen Modewelt. Er machte Naomi Campbell und Linda Evangelista berühmt, arbeitete mit den bekanntesten Designern und internationalen Stars zusammen. Heute lebt Lindbergh in Paris.

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    Lindbergh bei der Eröffnung der Ausstellung.

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    Foto von Linda Evangelista aus 1989

  • Peter Lindbergh mit Cordula Reyer
    foto: cordula reyer

    Peter Lindbergh mit Cordula Reyer

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