Reiche Ernte

8. Oktober 2010, 10:34
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Moderner Schmuck hat Wurzeln, Blätter, Blüten - Bienen und Schmetterlinge schmücken Ringe, Libellen glänzen als Brosche - Die Schmuck-Designer zieht es raus in die Natur

Kühl, glatt, wie direkt von der Blechwalze geschnitten, nur keine Schnörkel, und wenn es zu sehr glänzt, wird es zur Mattigkeit gebürstet. So musste Schmuck in den letzten 20 Jahren aussehen, um als modern zu gelten. Gelegentliche Ausreißer von Schmuckkünstlern und aus den Ateliers der exklusiven Traditionshäuser wie Cartier hatten kaum Einfluss auf den Mainstream. Nun ist erst mal Schluss mit cool. Carol Woolton, Schmuck-Expertin der Vogue, hat ihr Know-how über die Produktion von Ateliers und Schmuckkünstlern im Bildband Seide und Geschmeide zusammengefasst und sie der Geschichte der Mode gegenübergestellt.

Die Mode treibt bunte Blüten, die architektonische Geradlinigkeit wird von organischen Formen überwuchert, und die Schmuckmacher ziehen mit und knüpfen damit an eine uralte Tradition an. Jäger und Sammler schmückten sich mit Zähnen, Knochen und Klauen erlegter Tiere. Moderne Schmuckdesigner gehen weniger archaisch auf die Pirsch. Die Engländerin Philippa Holland verarbeitet gefundene Reh-Krickerln und andere Fundstücke zu folkloristisch-modernen Gebilden. Bei Marni werden Lorbeerblätter in Gold getaucht und zum Collier gefädelt.

Designer, die das Jagen und Sammeln nicht schätzen, pflegen die möglichst naturgetreue Nachbildung. Bei Dior finden sich Ringe mit ganz echt aussehenden Blüten und Bienen, die Engländerin Victoria Tyron bestückt Bettelarmbänder mit Erbsenschoten und Radieschen und erhebt die banale Pusteblume zur Edelbrosche.

Kein Ethno-Schmuck

Weniger naturalistisch, aber dennoch ganz nah an der Natur arbeitet die Engländerin Pippa Small. Die Anthropologin und Designerin recherchiert für ihre Entwürfe in Afrika, Südamerika, zuletzt in Afghanistan. Dort holt sie sich nicht nur ihre Ideen, sondern fertigt sie vor Ort. Mit den Rohmaterialien und mit den Menschen. In Afghanistan, wo sie auf Einladung einer Charity-Organisation arbeitete, fand sie besonders interessante Voraussetzungen vor. Ganz edle Steine wie Smaragde, Halbedles wie Lapis und die besondere Kunstfertigkeit der Handwerker in der Werkstatt von Kabul.

Ihre Kollektionen gehören nicht in die Kategorie Ethno-Schmuck. Sie sind gleichermaßen folkloristisch wie Laufsteg-tauglich und tragen die deutliche Handschrift eines Designers, ohne überdesignt zu sein. Das passt gut in den Geist der Zeit, finden etwa auch die Florentiner Mode-Zampanos von Gucci, für die sie entwirft. Oder das Modehaus Nicole Farhi, für die sie eine eigene Linie namens "Made" gestaltet. Pippa Smalls Pretiosen-Fairtrade ist bislang ein Solitär in der Welt des Luxus und ein Beleg dafür, dass Schmuck nicht immer Blutdiamanten-Garnitur für hirnlose Supermodel-Körper sein muss, sondern auch ein Ausdruck von Kultur und Bildung ist. (Bettina Stimeder/Der Standard/rondo/08/10/2010)

Carol Woolton, "Seide und Geschmeide", Prestel 2010
www.pippasmall.com

  • Karottenbrosche aus Koralle, Diamanten, Saphiren, Tsavoriten und Gelbgold. Maisbrosche aus weißen Perlen, Diamanten und Gelbgold, beide von Lorenz Bäumer.Gemüseanhänger am Bettelarmband, Radieschen und Edamame bei Victoria Tryon. Halskette von Pippa Small für Made.
    foto: hersteller

    Karottenbrosche aus Koralle, Diamanten, Saphiren, Tsavoriten und Gelbgold. Maisbrosche aus weißen Perlen, Diamanten und Gelbgold, beide von Lorenz Bäumer.
    Gemüseanhänger am Bettelarmband, Radieschen und Edamame bei Victoria Tryon. Halskette von Pippa Small für Made.

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