Benebelt und verwirrt

10. Oktober 2010, 18:12
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Street Wear, Pseudo-Realität und der Rausch des Improvisierten - die Ausstellung "Not in Fashion" in Frankfurt am Main zeigt Mode und Fotografie der 90er-Jahre

Blaue Flecken. Narben. Schulterblätter, die schief aus handtuchschmalen Jungfrauenkörpern hervorstechen. Gelbstichig. Unterbelichtet. Viel zu hart ausgeleuchtet. Und jede Menge roter Augen. Was so natürlich und technisch misslungen daherkommt auf den Modeaufnahmen, die Juergen Teller, Wolfgang Tillmans oder Jason Evans machten, wäre wenige Jahre zuvor, in den Achtzigerjahren, nie gedruckt worden. Zu viele Pickel haben die Porträtierten in der Serie tennage precinct shoppers von Nigel Shafran, Tellers Backstage-Szenen einer Helmut- Lang-Schau sind glamourfrei, die Fotos Corinne Days ungeschönt hart. An die erste Session mit einer 15 Jahre alten Kindfrau erinnerte sich die vor kurzem verstorbene Day so: Sie habe sich Kate Moss, die ihr vorkam wie eine jüngere Schwester, einfach geschnappt, sie seien zu einem Strand gefahren, und da alberte dann Kate herum. Lief durch den Sand. Tschickte in Gesundheitsschlapfen. Eben dieses Foto wurde eine Ikone der frühen 1990er-Jahre. Auch deshalb ist The 3rd Summer of Love, Corinne Days Serie, eine der allerersten der rund fünfhundert Aufnahmen in der Not in Fashion-Schau des Museums Moderner Kunst in Frankfurt.

Die Kunsthalle Wien hatte sich noch dreißig Jahre Zeit gelassen, um Punk, das antibürgerliche Lebensgefühl als berufsloser Irokesenschnitt, museal vorzuführen. Susanne Gaensheimer und die Mittdreißigerin Sophie von Olfers hatten es eiliger. Gerade einmal neun Jahre liegen zwischen der musealen Präsentation (mit einem umfassenden Begleitprogramm) und dem jüngsten Foto, das in der Ausstellung zu sehen ist.

Schnappschussästhetik

Die Rückkehr zur Realität, zur Schnappschussästhetik - die in großen Teilen aber keineswegs dem Zufall überlassen wurde - war eine Bewegung, die sich gegen die drei großen Ms des Vorgängerjahrzehnts richtete: gegen Miami Vice und deren porentief pastellfarbenes Paradies, gegen Claude Montana und Thierry Mugler und deren Entwürfe mit überbreiten Schultern und unleistbaren Preisen. Stattdessen nahmen sich Teller und Tillmans, Shafran und Mark Borthwick, die Couturiers Martin Margiela und Helmut Lang und die Zeitschriftenmacher von The Face, Purple, i-D oder dem sinnig Dazed & Confused ("Benebelt und verwirrt") betitelten Magazin Larry Clark und seine Fotoserien über Slackers der 70er-Jahre zum Vorbild oder Nan Goldin. Bald war das Narbengeflecht einer Kirsten McMenamy bekannter als deren Augen; und heutige Modeblogger und digitale Facehunter sehen gegen Jason Evans' Aufnahmen ethnisch unterschiedlicher Modedandys in banalen Vorortdistrikten alt aus. Dass ab 1989 zwar nicht alles, aber vieles damals seinen Ausgang in London nahm und nicht in den USA, lag an der Szenerie von Industrieruinen und aufgelassenen Bezirken - und dem Willen, sich im von Thatcher radikal umgebauten Großbritannien mit einem eigenen Mode-Kunst-Ich durchzuschlagen.

Doch so schnell wie die ästhetische Resistenzbewegung aufkam, wurde sie auch schon vom Markt geschluckt und in seine Mechanismen ein- und kommerziellen Verwertungsketten untergeordnet. Das zeigt der Begleitkatalog noch schärfer als die Schau. Grunge aus Seattle wurde gehypt, die Musik der singenden Holzfällerhemden verkaufte sich plötzlich glänzend, und Kurt Cobain war über Nacht weltweit bekannter als Michael Jackson. Aus der "kleinen Schwester", die am Strand herumalberte, wurde im Handumdrehen das Supermodel Kate Moss.

Cris Moor machte 1999 Aktaufnahmen, die optisch gänzlich humorfrei die Handschrift des Siebziger-Jahre-Softsex-Fotografen David Hamilton aufnehmen. Schon ein Jahr zuvor hatte Bernadette Corporation eine Fotomontagekarte produzieren lassen, die zwar noch ironisch als "Hell on Earth" daherkam. Auf der aber fett "We love Money" zu lesen war und drei Bling-Bling-Rapper Champagnergläser hochhielten und ins neue Status-Gadget sprachen, das verzierte Mobiltelefon. (Alexander Kluy/Der Standard/rondo/08/10/2010)

"Not in Fashion - Mode und Fotografie der 90er- Jahre", Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, bis 9. Januar. Der Katalog kostet 39,95 Euro.

  • Die Fotografin Corinne Day machte mit ihren Bildern Anfang der Neunziger Kate Moss zum Star. Ihre ungeschönten Bilder junger Mädchen firmierten bald nur noch unter dem Label "heroin chic". Unser Bild aus dem Jahr 1995 zeigt Tanja, die sich ihre Haare färbt.
    foto: corinne day

    Die Fotografin Corinne Day machte mit ihren Bildern Anfang der Neunziger Kate Moss zum Star. Ihre ungeschönten Bilder junger Mädchen firmierten bald nur noch unter dem Label "heroin chic". Unser Bild aus dem Jahr 1995 zeigt Tanja, die sich ihre Haare färbt.

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