"Wir brauchen logofreie Produkte!"

7. Oktober 2010, 17:09
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Seit Bottega Veneta zur Gucci-Gruppe gehört und vom Deutschen Tomas Maier geführt wird, ist das venetianische Label ein Inbegriff von modernem Luxus

DER STANDARD: Gucci ist ein typisches Label der 1990er-Jahre, sehr Logo-orientiert, sehr "glamourös". Bottega Veneta dagegen ist seit Ihrem Eintritt zum Gegenteil davon geworden. Lassen sich zwei so unterschiedliche Auffassungen in derselben Firma vereinbaren?

Maier: Ich kann natürlich nur für Bottega Veneta sprechen, wenn ich sage, dass es Raum für alles geben sollte und dass wir für Leute wie mich auch logofreie Produkte brauchen.

DER STANDARD: Den Job bot Ihnen der ehemalige Chefdesigner von Gucci, Tom Ford, an. Was reizte Sie an dem, damals etwas verstaubten Label?

Maier: Ich kenne Tom viel länger, als alle glauben. Ich war schon in den frühen 1980er-Jahren mit seinem Lebensgefährten Richard Buckley befreundet. Der sagte mir eines Tages, dass Tom in die Mode einsteigen will und gerne ein paar Tipps von mir hätte. Wir haben uns getroffen und wurden Freunde. Danach bekam er diesen Job bei Gucci - zu der Zeit war das alles andere als ein "Top-Label". Dazu hat es erst Tom gemacht, und er ging dafür durch die Hölle. Jahre später meinte er, dass ich der richtige Mann wäre, um Bottega wiederzubeleben. Genau deswegen, weil es keine starke Marke war, reizte mich die Herausforderung.

DER STANDARD: Handwerk spielte bei Bottega stets eine wichtige Rolle. War es das, was Sie anzog?

Maier: Ich habe immer sehr eng mit den Leuten in den Ateliers und den Werkstätten zusammengearbeitet. Also bin ich zuallererst nach Vicenza gefahren, um mir die Werkstätten anzusehen. Der Dialog mit den Handwerkern ist außerordentlich wichtig. Man kommt viel besser voran, wenn man mit ihnen Ideen austauscht, als wenn man nur einen Prototyp vor sich hat.

DER STANDARD: Aber zurzeit gibt es doch, wo man hin sieht, einen dramatischen Qualitätsverlust bei jeder Art von Handwerk. Ist das kein Problem?

Maier: Es stimmt, dass die Rolle des Handwerks in der Gesellschaft sehr an Bedeutung verloren hat. Das kann sich aber ändern. Wir haben 2006 die "La scuola della pelleteria" (Schule der Lederverarbeitung) eröffnet. Doch die Weitergabe von handwerklichem Wissen gehört bei Bottega Veneta schon seit Jahrzehnten dazu. Der Erfolg der Marke ist Beweis, dass es Leute gibt, die Qualität und Handwerk schätzen. Um die Rolle des Handwerkers zu bewahren, müssen wir traditionelles Können mit zeitgemäßem Design verbinden.

DER STANDARD: Man spricht jetzt viel von "fast" und "slow fashion", wobei sich "fast" auf die Art der Mode bezieht, die billig hergestellt, kurzlebig und überall gleich ist. Und "slow" auf jene, die individuell, nachhaltig und fair produziert wird. Ist Bottega Veneta "slow"?

Maier: Ich finde, man sollte die Mode nicht zu ideologisch betrachten. Die Philosophie von Bottega Veneta ist es, natürliche Materialien verantwortungsvoll zu beziehen und zu verarbeiten. Zugleich glauben wir an dauerhaftes Design. Das alles zusammen ist unser Engagement für Nachhaltigkeit.

DER STANDARD: Sie selbst sind auf eine Waldorf-Schule gegangen. Stammt Ihre Ablehnung von Logos aus dieser Zeit?

Maier: Ich bin sehr dankbar für meine Waldorf-Ausbildung. Uns wurde gelehrt, unsere kreativen und intellektuellen Fähigkeiten zu entwickeln, die Natur zu ehren und für uns selbst zu denken. Es war der ideale Beginn. Damals war ich ein Hippie und überhaupt nicht an Marken interessiert. Meine Pullover strickte ich mir selbst. Aber als ich so um die 20 war, hätte ich für einen Hermès-Gürtel wahrscheinlich gemordet!

DER STANDARD: War Ihnen Bottega Veneta als Marke damals schon ein Begriff?

Maier: Meine Mutter hatte eine Intrecciato-Handtasche, die ich liebte. Bottega Veneta stand für mich für Seltenheit und Understatement. Der Werbeslogan damals war: "Wenn ihre eigenen Initialen ausreichen." Diese Art der Sensibilität für Design hat mich stets angesprochen.

DER STANDARD: Sie haben ja auch für Hermès gearbeitet. Was unterscheidet Bottega Veneta von anderen Luxusmarken wie Louis Vuitton oder Hermès?

Maier: Bei Hermès habe ich viel über klassisches Design und die Wichtigkeit einer starken Identität gelernt. Hermès und Bottega stehen für zeitlose Eleganz, Bottega vielleicht auch für einen handwerklicheren Zugang. Ich versuche auch ein wenig individueller und innovativer zu designen.

DER STANDARD: Sie haben für eine ganze Reihe Designer gearbeitet. Wie kam das?

Maier: Als ich mit meiner Ausbildung an der Pariser "chambre syndicale" fertig war, wollte ich - wie alle anderen auch - zu Yves Saint Laurent. Das ging aber nicht, also landete ich bei Guy Laroche. Doch für nur eine einzige Marke tätig zu sein langweilte mich. So wurde ich Free-lancer und arbeitete für bis zu sechs verschiedene Häuser. Mir hat die Arbeit immer Spaß gemacht.

DER STANDARD: Heute arbeiten Sie aber lediglich für Bottega Veneta.

Maier: Und für mein eigenes Label. Das Schöne an meiner Position ist, dass ich mich mit allem beschäftigen kann, was mich interessiert. Ob es nun Design, Fotografie, Architektur oder das Reisen ist. Obwohl mir persönlich das Reisen immer schwerer fällt, ermutige ich meine Mitarbeiter dazu, es zu tun. Jeder Kreative sollte viel reisen, um sich Ideen zu holen. Wie sollte er sonst wissen, wie eine Tasche auszusehen hat, die in das Gepäcksfach im Flieger passen soll oder unbeschadet durch den Security-Horror muss? (Cordula Reyer/Der Standard/rondo/08/10/2010)

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    Eine Kreation aus diesem Winter.

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    Von der kommenden Frühjahrssaison.

  • Für seine Modekollektionen für Bottega Veneta heimst er regelmäßig Lobeshymnen der Fachpresse ein: Tomas Maier versteht es, höchste Qualität mit zeitgemäßem Design zu verbinden.
    foto: hersteller

    Für seine Modekollektionen für Bottega Veneta heimst er regelmäßig Lobeshymnen der Fachpresse ein: Tomas Maier versteht es, höchste Qualität mit zeitgemäßem Design zu verbinden.

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