Die Hackler-Pflanze

3. Oktober 2010, 17:48
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Auch Überstunden sammelnde Gärtner können sich an ihr delektieren: Die Nachtkerze wird abends schön

"Wann er ham kummt, is finsta, da Tog is vuabei - er hod tan, wos zum tuan is, wäu des muas so sei", lässt Günter Brödl Willi Resetarits alias Kurt Ostbahn in dem Lied "Arbeit" singen. Dass der arme, von der Arbeit gezeichnete Mensch sich dann aber auch an seinen bunt blühenden Blumen delektieren möchte, lässt er geflissentlich untergehen. Wie auch, fragt man sich. Denn abends pflegen unsere bunten, stummen Freunde ihr freundliches Gesicht zu verbergen, zu verschließen oder abzuwenden, um es am nächsten Tag dem Licht der Sonne weit geöffnet entgegenzurecken. Pflanzen wie die Mittagsblumen sind da schon richtige Provokation. Diese blühen nämlich, nomen est omen, erst ab Mittag in der größten Hitze auf, um sich zu gemütlicheren Uhrzeiten wieder zu schließen. Wer nur Blätter sehen will, kann sich auch ein Farn in den Hof stellen. Somit bleiben dem arbeitenden Menschen immerhin noch Samstag und Sonntag, um die Früchte seiner Gartenarbeit zu ernten. Ist das fair? Mitnichten.Hier empfehle ich die dankbarste aller Blühmeisterinnen, die Nachtkerze. Überstunden sammelnde Helden der Arbeit können sich selbst um Mitternacht noch in ihren wunderschön gelb blühenden Garten setzen und das picksüße Aroma durch die Nüstern ziehen, glücklich einen Seufzer fahren lassen und ein wenig innehalten und kontemplieren. Und wenn er am nächsten Tag zeitig in der Früh seine Morgenrunde im Gärtlein zieht, stehen sie immer noch in ihrer ganzen Pracht da und flüstern zärtlich "Guten Morgen Schatz".

After-Work-Party

Die Blüten der Nachtkerzen feiern am Morgen quasi ihre After-Work-Party und ermüden erst im Laufe des Vormittags so richtig, um dann ermattet und verbraucht vom Stängel zu fallen. Die Nachtkerze gehört zu den Neophyten, was nichts anderes bedeutet, als dass sie eine Pflanze mit Migrationshintergrund ist, in ihrem Fall im 17. Jahrhundert aus Nordamerika nach Europa verschleppt. Als Pionierpflanze ist sie selbst auf trockensten Böden stets die erste und damit für gießfaule Gärtner natürlich ideal.Der einzige Pflegeaufwand bei der Nachtkerze besteht im Grunde im Zusammenkehren der abgefallenen Blüten. Oenothera biennis ist zweijährig, es gibt aber auch einjährige und ausdauernde Varianten. Zwittrig, ist für sie die Befruchtung kein Problem, und sie streut sich selbst großzügig aus. Anspruchslos findet sie selbst in Asphaltritzen ausreichend Nährstoffe und Feuchtigkeit, um sich auf eine stattliche Größe aufzuschwingen. Die zweijährige Nachtkerzen-Art blüht erst im zweiten Jahr. Im ersten Jahr bildet sie eine flache Blattrosette auf dem Boden. Im zweiten Jahr entwickelt sich die Pflanze nach oben und entwickelt den Blütenstängel, der bis zu zwei Meter Wuchshöhe erreichen kann. Aber das Beste kommt erst: Mit einsetzender Dämmerung gehen die noch verschlossenen, eingedrehten Blüten in Position und warten auf den speziellen Moment von Lichtintensität, Luftfeuchtigkeit und Temperatur, um sich in wenigen Sekunden zu ihrer vollen Pracht aufzudrehen, zu entfalten und in Folge den gesamten Garten oder Hinterhof mit ihrem Duft zu verwöhnen. Dieses Spektakel sorgt jeden Abend für volle Tribünen und birgt in diesen wenigen Sekunden das ganze Wunder des Lebens. Vielleicht sollte man ja doch einmal früher von der Arbeit nach Hause kommen. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/01/10/2010)

  • Erst am Morgen feiert die Nachtkerze ihre After-Work-Party, um im Lauf des Vormittags zu ermatten.
    foto: gregor fauma

    Erst am Morgen feiert die Nachtkerze ihre After-Work-Party, um im Lauf des Vormittags zu ermatten.

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