Conrad Seidl hörte sich um, was auf die Bierbrauer in den nächsten Jahren zukommt
Den Wirtshäusern in Leoben scheint es nicht wirklich schlecht zu gehen - und wenn die Braumeister in Leoben tagen, dann wird vielleicht noch ein bisschen besser auf die Bierpflege geschaut. Aber wie lange wird das noch so gehen? Nicht lange, sagt einer, der es wissen muss, weil er Braumeister in Leoben-Göss ist: Andreas Werner zeichnet ein ziemlich düsteres Bild von der Bierkultur, wie wir sie kennen und er sie liebt.
Gleich zu Beginn seines Vortrags über den "Braumeister in der Zukunft" bei der Tagung österreichischer Braumeister und Brauereitechniker sagt Werner einen Satz, der schockiert: "Das Wirtshaus als Kommunikationsplattform hat ausgedient." Er macht keine Schuldzuweisungen dafür, nennt aber eine Reihe von Faktoren, die den sinkenden Fassbieranteil am Bierausstoß (in Österreich noch 27 Prozent, auf anderen Märkten nicht einmal mehr zehn Prozent) erklären: Da spielen gesetzliche Regelungen über Alkohol im Straßenverkehr ebenso eine Rolle wie die Zunahme des Straßenverkehrs selbst - wer mit dem Auto fahren will oder muss, kann eben nicht viel am Stammtisch hocken. Und will es angesichts veränderter Lebensumstände vielleicht auch gar nicht.
Überspitzt formuliert: "Wenn die Wirtshäuser verschwinden, wer trinkt dann noch Fassbier - außer den Brauereimitarbeitern?" Und dann würden auch bei uns die Trends wirksam, die international wirken und bei uns bisher noch Kopfschütteln auslösen: PET-Flaschen mit zwei oder zweieinhalb Litern Bier für den Heimkonsum (gängig in Osteuropa), Biere mit geringer Stammwürze (gängig in England) und Biere mit geringem Geschmack (gängig in USA und Asien) würden an Bedeutung gewinnen. Weil eben auch die großen Konzerne rapid an Bedeutung gewinnen: Vor zehn Jahren noch hatten die vier größten Brauunternehmer 23 Prozent Weltmarktanteil, heute sind es 49.
Darauf müssten sich Braumeister einstellen: Allerweltsbiere werden den Markt dominieren - sie zu brauen, eröffnet weltweite Karrierechancen.
Aber das, tröstet Werner, sei eben nur eine Seite der Medaille. Auch weiterhin (und künftig wohl verstärkt) werde es den Bedarf an Differenzierung geben - bei den großen Marken (etwa durch die Ester-Komponenten im Heineken-Aroma) und noch mehr bei den kleinen, die in ihren Nischen geschmacksintensive Spezialitäten brauen werden. (Conrad Seidl/Der Standard/rondo/01/10/2010)