Mit der Leber im Koffer

23. September 2010, 17:21
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    foto: eve heller und peter tscherkassky

    Hier heizt Peter Tscherkassky ein bisschen die Küche ein.

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    foto: eve heller und peter tscherkassky

    Eve Heller schuftet fürs Chutney.

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    foto: eve heller und peter tscherkassky

    Eine Ente harrt auf ihre Einfuhr in den berühmten Siemens-Herd, der sieben Jahre älter ist als der Koch.

Gudrun Harrer hat es satt, immer etwas allein aus der Röhre zu ziehen - Ab jetzt sind Haberer und andere qualifizierte Menschen dran, für sie zu kochen

Was denkt, fühlt und sagt ein Venedig-Filmpreisträger in den ersten Minuten, nachdem er vom Preis erfahren hat beziehungsweise davon, dass er sich ins nächste Flugzeug werfen soll, um zur Verleihung zu kommen? Bei Peter Tscherkassky ist es - laut seiner Frau Eve Heller, ebenfalls Filmemacherin - unter anderem folgendes: "Was tun wir jetzt mit der Ente?" Derjenigen Ente nämlich, die, wie ganze Heerscharen von Geflügel vor ihr, in den Fünfzigerjahre-Herd in der Fünfzigerjahre-Küche (inklusive dem - im Gebrauch stehenden - Lilienporzellan, siehe Bild!) im Fünzigerjahre-Haus in Enzersfeld wandern sollte, just am Abend der Venedig-Ehren.

Manchmal wandern bei Tscherkasskys auch nur Teile des Geflügels, aber dann immerhin über das große Wasser. "Was ist denn das für einer, der eine Leber im Koffer hat?", fragte sich Eve, als Peter mit eingeschweißter roher Gansleber zum Antrittsbesuch bei seiner späteren Gattin in Buffalo, New York, anreiste. Ebenfalls im Gepäck war ein Kracher zur Gansleber und das Kochbuch vom Depardieu.

Protodyn-Automatic-Kochplatte

Gottseidank hab' ich den Peter Tscherkassky schon vor seinem Orizzonti-Kurzfilmpreis für "Coming Attractions" zum Mitmachen in meiner Serie verdonnert, jeden Promigeilheitverdacht kann ich demnach frohgemut von mir weisen. Ich gehöre zu jenen Glücklichen, denen in und auf dem Siemens-Herd Baujahr 1951 - mit der "denkenden" Protodyn-Automatic-Kochplatte und dem Infrarot-Regler Backofen sowie Grillfunktion (in der Gebrauchsanweisung wurde der Nachkriegshausfrau erklärt, was unter Grillen zu verstehen sei) - jenen also, denen auf diesem Wunderding hin und wieder etwas gekocht wird. Wenn es nicht der Kugelgrill ist, im Sommer.

Peter Tscherkassky, der Koch, ist ein klassischer Fall einer Sozialisierung mit "Göttinnen am Herd": "Du wächst auf in einer Familie, wo beim Mittagessen ein Ah und ein Oh gesagt wird", erzählt er. Der eigene Karrierebeginn war eher dreckig: Als er mit siebzehn das erste Mal zu den Töpfen griff, wollte "mich meine Mutter töten, weil ich die Küche so versaut habe". Und als er als Junghupfer erstmals aushäusig nächtigte, wurde, na was schon, gekocht. "Etwas überwürzt", erinnert er sich, und aus meiner über einem gemeinsamen Abendessen hergestellten Mitschrift geht nicht mehr hervor, wer da wen "wuarlat machen" wollte.

Auch Eve stammt aus einem (entsprechend den grausamen Zeitläuften in die USA übersiedelten) österreichisch-deutschen Haushalt, in dem viel gekocht wurde. Die Großmutter Ella schrieb ihre eigenen Kochbücher und führte ihrem Gatten Hans Menzel, einem hohen sozialdemokratischen Beamten im Innenministerium der Weimarer Republik, ein großes Haus und buk viel später der Eve wunderbare Geburtstagskuchen. Diese ist heute - nicht nur, aber auch - Peters fleißigste Erntehelferin, wobei im großen Garten in Enzersfeld aber nicht nur Fressbares wächst. Eigenes Gemüse und Obst bestimmen jedoch den Speisezettel stark, genauso wie "das, was noch da ist". Denn ein Essen "greift in das andere".

Schmerz über weggeworfene Bratensaftreste

Und da wären wir bei den Gefühlen. Der "Schmerz über weggeworfene Bratensaftreste" - den Eve erst nachvollziehen lernen musste - kommt da vor, aber vor allem der Hunger, der Peter "heilig" ist, die "Pforte in ein Reich der sinnlichen Erfahrung, des Genusses und des Glücklichseins". Individuen, die den Hunger als einen als unangenehm eingestuften Mangel empfinden, den man schnell beseitigen muss, werden, wenn der Tscherkassky gut drauf ist, gerade noch bemitleidet. Es gilt "anti instant gratification": Die Stunden vor dem Essen sind die schönsten.

Und die gibt es täglich, denn täglich wird gekocht, und zwar als Belohnung, "wenn das Eigentliche gemacht ist", zum Beispiel die Arbeit am Film in der Dunkelkammer. Du "darfst kochen", sagt dem Tscherkassky das Tscherkasskysche Über-Ich, das dieserart so freundlich ist, ihm das "Du sollst" auf eine Genuss-Ebene zu transferieren.

Sein Über-Ich, vertraut Peter mir und damit dem Standard an, ist aber beruhigenderweise "in Alkohol löslich". Denn ab 18 Uhr steht nicht nur "ein schönes Essen machen" auf dem Programm, sondern auch das Achterl.

Aber was - und wie - kocht er denn eigentlich, der Peter? Als "kreative Devianz" bezeichnet er sein Kochen nach "Rezepten als Anleitung". Holyduck, in meinen Aufzeichnungen steht hier etwas von "wie bei einer Autokupplung"!? Wie auch immer, die Fragen, wie er denn jetzt wirklich dieses und jenes macht, werden entsprechend kreativ deviant beantwortet. "Zwiebel kommen auch in die Fülle", simst Peter am Tag, nachdem wir seine Stubenkücken, die wir hier nachkochen wollen, ganz genau (haha) besprochen hatten. "Dachte ich mir eh", simse ich zurück "und was ist mit Knofl"? "Ja, auch, Knoblauch kommt in fast alles", ist die Antwort.

Saftiger Busen

Also: Sie brauchen dazu einen Feigenbaum im Garten, dessen sanft gedörrte Früchte sie in Likör (etwa Limoncello) einlegen, und ebensolche gedörrte und eingelegte Marillen und Zwetschken. Zwischenruf Peter: Man kann aber auch etwas davon weglassen, aber bitte nicht die Marillen! Auch die gehackten Walnüsse müssen nicht unbedingt sein. Zwischenruf Eve: Nein, die Nüsse gehören hinein! Ebenso ist Thymian und Rosmarin in der Fülle, während die Olivenölmassage, die Peter seinem Geflügel prinzipiell außen angedeihen lässt, Rosmarin und Salbei enthält.

Also, mit in reichlich Butter angedünsteten Zwiebeln und Knoblauch, den Kräutern und Gewürzen, den Früchten und heißem Wasser eine Semmelwürferlfarce zubereiten. Damit nicht nur die Bauchhöhle der Kücken füllen, sondern den Quatsch auch noch unter die Haut schieben. Was tut man nicht alles für einen saftigen Busen! Noch viel mehr: In diesem Fall wird auch noch Marillenmarmelade mit Balsamico zu einem Sirup eingeköchelt, und mit dieser Schmiere bekommen unsere Stubenkücken in den letzten zwanzig Minuten Garzeit noch ihr Fett ab beziehungsweise ihre besonders schöne Farbe.

Dazu wird noch brav mit (halbtrockenem) Weine gepinselt. Die Bepinselung und Befeuchtung ist selbstverständlich ebenso essenziell bei der eingangs erwähnten - schön langsam gegarten - Ente, die auch schon einmal mit roher Leber in Orangensaft bestrichen wird. Weshalb man besser immer eine davon ins Gepäck stopft, für alle Fälle. (Gudrun Harrer/Der Standard/rondo/24/09/2010)

Kommentar posten
10 Postings
libera
00
27.9.2010, 06:18

wenn man einen ofen, der wahrscheinlich jahrelang kaum benützt wurde, als etwas ganz spezielles hinstellt, - speziell was den energieverbrauch betrifft, dann ist das natürlich ein loblied wert
ob sich der tschrkassky keinen neuen energiefreundlicheren herd leisten kann?
und ein bißchen dicklich ist er auch geworden
nicht der herd
auch das schürzerl ist natürlich ein foto wert

lalle laller
00
27.9.2010, 16:41
energiesparender

ist es einen alten herd weiter zu betreiben wie einen neuen "energiesparenden" zu kaufen. das gilt für kühlschränke, autos, ...

libera
00
27.9.2010, 21:35

man kann natürlich knausrigkeit kaschieren, wenn man das alte glumpert als etwas ganz besonderes darstellt
das kann man einschmelzen und die wirtschaft kann auch florieren
der mensch lebt ja nicht nur von stipendien und diversen preisgeldern alleine
oder?

whose ass to kick?
00
26.9.2010, 13:30
sehr bemüht....

springfox1
00
25.9.2010, 15:56
Wunderschön

liebe Frau Harrer, dass sie wieder über's Kochen und das Drumherum schreiben. Ich hab das lange vermisst!

nocomment1
00
24.9.2010, 13:42
Schreibt man jetzt wirklich Kücken?

Früher hierß das noch Küken entsprechend der Aussprache. Egal, netter Artikel. Nachkochen werd ichs trotzdem nicht.

pastinake
01
24.9.2010, 12:17
Entenleber auf die Haut pinseln?

Ich nehm mal an, mit Orangensaft püriert? Wie soll man da eine knusprige Haut der Ente bekommen? Entweder die Leber verbrennt (schade drum) oder die Haut bleibt fett und letschert.
Bei so viel "kreativer Devianz" werd ich misstrauisch. Manchmal sind Rezepte dazu da, um allzu kreative "Köche" auf den handwerklich richtigen Pfad zu bringen.

libera
00
27.9.2010, 06:16

ja, wenn man viele marillenbäume sein eigen nennt, muß man sie irgendwie verarbeiten...
und verkauft das dann als etwas ganz spezielles
daß die harrer das dann noch mitspielt...

jumpingjack flash
00
24.9.2010, 01:14

mir ist das zu lang gewesen - was hat der da so irre flambiert? ist die küche ab oder nur angebrandelt worden?

Charly Foot
23
23.9.2010, 21:23
also ich find,

dass sogar die politischen analysen der frau harrer lustiger sind als ihre fress- und reisegeschichten.

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