Echtes Essen aus der Neuen Welt

17. September 2010, 17:01
  • Kurlansky erzählt von einem unbekannten Land ohne Fastfood-Ketten, ohne Supermärkte, sogar ohne Autobahnen. Dafür essen die Leute Hobo - geschmortes Eichhörnchen.
    foto: verlag

    Kurlansky erzählt von einem unbekannten Land ohne Fastfood-Ketten, ohne Supermärkte, sogar ohne Autobahnen. Dafür essen die Leute Hobo - geschmortes Eichhörnchen.

Auch in den USA wurde, früher einmal, sehr anständig gegessen

So einen Fund macht jeder gern, der sein Brot mit Schreiben verdient: Da geht Mark Kurlansky, Autor von The Big Oyster, einer Geschichte New Yorks aus Sicht der Molluske, und der gefeierten Kabeljau-Biografie Cod, auf Recherche in die Library of Congress in Washington. Und er stößt da ganz zufällig auf einen Stoß Kartons, randvoll mit Durchschlägen und seit Jahrzehnten vergessen: Texte für ein Projekt, für das um das Jahr 1940 von der West- bis zur Ostküste der USA und von Texas bis Vermont Informationen vom staatlich alimentierten Federal Writers' Project (FWP) gesammelt worden waren. America Eats sollte das Endprodukt heißen, Amerika isst. Erschienen ist das Buch aber nicht. Denn der von den meisten Mitwirkenden souverän ignorierte Redaktionsschluss lag vier Tage vor der Bombardierung von Pearl Harbor; mit dem Kriegseintritt der USA wurden alle Kräfte absorbiert, und die Schriftsteller und Journalisten, die durch die Arbeit fürs FWP oft buchstäblich vor dem Verhungern bewahrt wurden, gaben nach und nach ihre Stellen auf.

Berichte, Erinnerungen, Kochbuchlisten, Kurzreportagen

Mark Kurlansky sichtete die Papiere und kommentierte die teils abenteuerlich wild divergierenden Textarten klugerweise nur zart: Berichte, Erinnerungen, Kochbuchlisten, Kurzreportagen - besonders schön: Jerry Felsheims New York Literary Tea - aber auch kaum nachkochbare Rezepte, die überaus fantasievoll mit Mengen- und Zeitangaben hantieren. Das Projekt, eine ethnosoziale Geschmacks-Archäologie, liefert die Menüteile des gastronomischen Ein- und Auswanderungskontinents USA als Zeit- und Sittenbild. Ein pastorales, wundersam ländliches Amerika tritt hier zutage. Ein Land ohne Fastfoodketten, ohne Riesensupermärkte und, auch das, ohne Autobahnen. Eiscreme gab es an Soda Fountains, Kühlschränke hatten nur winzige Fächer, wobei Verlass zumeist nur auf ihre Unzuverlässigkeit war. Von verschwundenen regionalen Produkten, Erzeugnissen, gastronomischen Spezialitäten und Krisenbesonderheiten wie Hobo-Menüs (geschmorte Eichhörnchen) erfährt man hier. Zehn Jahre später, 1950, sah das Land schon sehr anders aus: Verstädterung und Suburbs, Highways und das Fernsehen hatten vieles an Kuriosa, Erstaunlichem, Pittoreskem und nicht zuletzt Selbstgemachtem fast vollständig beseitigt.

Persimonen-Pudding aus Indiana - bitte schön! Rhode Island Jonny Cake (ein heller Maiskuchen) - voilà! In Massachusetts noch völlig unbekannt war damals der "Los Angeles Sandwich" namens Taco. Was unter "Ravioli" zu verstehen ist - und dass es sich keineswegs um den Ortsverein der Mafia handelt -, war dem Publikum der Dreißigerjahre noch ausführlich zu erläutern.

Speiseplan der Sioux und der Chippewa-Indianer

Ein Text stellt den "Possum Club of Polk County, Arkansas" vor, ein anderer Divinity Chocolates, (fast) göttliche Schokolade, aus Kentucky. Die einzig wahre Zubereitung eines Mint Julep erfährt man in einem Bericht aus Mississippi und ebenso, warum der "Original Kentucky Mint Julep" so anders ist. Im Kapitel über den Mittleren Westen findet sich so ziemlich alles über den Speiseplan der Sioux und der Chippewa-Indianer. Und wie sich Oregon gegen die Misshandlung der Erdäpfel zur Wehr setzte und gegen Mashed Potatoes mit großem Engagement wettern ließ. Über "Mississippi Food", Seelenpflegendes wie Okra Gumbo, schrieb Eudora Welty, später eine wichtige Südstaaten-Autorin. Vor allem in dieser Sektion ist Rassistisches unüberlesbar - der Mississippi Mullet Salad, Meeräschensalat, etwa sei das Essen der "Neger" (im New-York-Kapitel soll die jüdische Cuisine zusammengekürzt worden sein). Am Ende ist dies viel mehr als nur ein Kuriositätenkabinett: ein Plädoyer für die Pflege regionaler Traditionsvielfalt, die in den Staaten weitgehend verlorengegangen ist und erst in den vergangenen Jahren mühsam wieder aufgebaut wird. Wie es einmal war, zeigt dieses Buch. (Alexander Kluy/Der Standard/rondo/17/09/2010)

Mark Kurlansky: "The Food of a Younger Land" , EURO 12,99 / 456 Seiten. Riverhead Books, New York 2010

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5 Postings
Echt, Echter, am Echtesten...

Die Friedensdividende...

... bedeutete nun einmal breiten Wohlstand. Das "TV Dinner", ein tiefgefrorenes Fertigmenü in einer nach Menübestandteilen aufgeteilten Aluminiumwanne, das im Heißluftbackrohr aufgewärmt wurde, ist da eine logische Konsequenz dieser Entwicklung - in den 1950er Jahren begann diese Umwälzung ebenso wie der Vormarsch der Schnellrestaurants.

Und nein: ich habe nicht Zeit und Lust, für mich alleine zu kochen. Damals hätte ich wohl heiraten müssen, um nicht zu verhungern...

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

ein tiefgefrorenes Fertigmenü

ist aber das Gegenteil von Wohlstand

In einem halben Tag eingekauft, in zwei Stunden zubereitet,...

... in einer halben Stunde aufgegessen und in fünf Minuten ausgeschieden, wobei es dann wurst ist, wieviel Zeit und Geld man zuvor dafür aufgewendet hat.

Für dieses Endresultat ist mir beides zu schade.

Dr. Heinz Anderle, ultrarationaler Freigeist

Zeit gespart, gut, nur,

um was zu spielen ?

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