Was ausgeschenkt wird, wenn es "O'zapft is" heißt, hat Conrad Seidl ergründet.
Mit den Traditionen ist es so eine Sache: Erstens glaubt man, sie hätten ewig so bestanden. Und wenn man, zweitens, draufkommt, dass sie auf ein konkretes Datum zurückzuführen sind, stellt man sich naiverweise vor, dass eben seit diesem Datum die Tradition unverändert wäre. Das ist auch fürs Geschäft gut.
Auch und gerade für das Geschäft beim Oktoberfest. Wenn am Samstag um 12 Uhr der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude das erste Fass anschlägt, dann würde man das gerne für eine 200 Jahre alte Tradition halten. Aber bei der ersten Wiesn, 1810 anlässlich einer Hochzeit im Königshaus tatsächlich noch im Oktober (genau am 17. 10. 1810) abgehalten, gab's noch keinen offiziellen Bieranstich. Den führte erst Thomas Wimmer 1950 ein. Er brauchte 19 Schläge - Udes Rekord liegt bei zwei.
Und erst das Bier: Man muss davon ausgehen, dass die ersten auf der Wiesn ausgeschenkten Biere vom Typus des bayerischen Dunklen Lagers waren - also vollmundige, aber nicht zu schwere Biere mit leichter Röstmalznote und einem Hauch Hopfenaroma. Genau sehen konnte man es nicht - einst wurde ja nur in tönerne "Keferloher" gezapft, heute dienen die nur noch als (von Designern dekorierte) Sammlerstücke.
Erst das 177. Oktoberfest
Den ersten markanten Einschnitt gab es 1872, als im Schottenhamel-Zelt das Lagerbier ausging und Michael Schottenhamel das vom Leistbräu (es ging später in Spaten-Franziskaner auf) gebraute "Märzen" nach Wiener Brauart ausschenkte - aber auch da dürfen wir nicht an das denken, was wir als Märzen kennen. Vielmehr verstand man damals unter "Märzen" ein bernsteinfarbenes, hoch vergorenes Bier, das mit 16 Grad Stammwürze so stark eingebraut war wie ein Bock, aber noch ein wenig mehr Alkohol hatte.
In der 200-jährigen Geschichte des Oktoberfests gab es aber auch Dünnbiere (nach den Weltkriegen), und manche Feste fielen kriegs- oder auch seuchenbedingt aus - weshalb heuer auch erst das 177. Oktoberfest gefeiert werden kann. Und mit was für einem Bier?
Natürlich braut jede der (allein zugelassenen) "sechs leistungsfähigen Münchner Brauereien" ihr eigenes helles und wenig gehopftes Spezialbier (13,5 Grad Stammwürze). Zusammen haben die sechs Brauereien aber auch ein Bier gebraut, das exklusiv auf der Nostalgie-Wiesn aus dem Holzfass ausgeschenkt wird. O'zapft is - ab morgen. (Conrad Seidl/Der Standard/rondo/17/09/2010)