Die neuen Make-up-Kollektionen für den kommenden Herbst und Winter spielen mit Farben, Extravaganzen und starken Akzenten - Ein kurzer Überblick zur Inspiration von Karin Pollack
Das Zauberwort heißt Mood-Board. Das sind Tafeln in Kreativstudios der großen Mode- und Kosmetikindustrie, auf denen die verantwortlichen Designer all jene Dinge aufpinnen, die sie irgendwo finden und als schön klassifizieren. Das können Bilder, Stofffetzen oder Tapeten sein, vielleicht aber auch Blumen und Gräser oder Ausdrucke von Filmszenen. Mood-Boards entwickeln sich langsam und über mehrere Wochen - irgendwann einmal haben die Make-up-Designer dann eine definitive Vorstellung davon, wie die Frau im Herbst/Winter 2010/11 aussehen sollte. Derzeit kommen die neuen Lidschatten und Lippenstifte in die Parfümerien.
Was sich konzernübergreifend feststellen lässt, sind die starken, satten Farben, die Einzug halten: auf den Lippen genauso wie auf den Augen. "Smokey Eyes" sind groß in Mode genauso wie unkonventionelle Nagellacke in Blau-Violett und Messingtönen. Am wildesten ist traditionellerweise Mac mit überhaupt wie Wildkatzen geschminkten Models. "Avantgardistisch und schräg", charakterisiert es die Make-up-Artistin Marie-Theres Weinmann und weiß, dass besonders Junge auf diesen Look abfahren. Klassisch-dezent hingegen sind die Looks von Shiseido, Bobbi Brown oder Guerlain, die sich eigentlich auch von Nichtprofis ganz gut nachschminken lassen. Estée Lauders neuer Look "Blue Dahlia" erinnert Weinmann an den Missoni-Look aus den 70er-Jahren, sein Erfinder, Tom Pecheux, wollte mit blauem Lidschatten Power signalisieren.
Belle Époque wiederbelebt
Auf den Mood-Boards der Konkurrenz wurden andere Welten inszeniert. Aaron de Mey hat für Lancôme die Pariser Coquettes der französischen Belle Époque wiederbelebt, bei Dior spielt die Farbe Rot eine Schlüsselrolle. Dem Dior-Designer Tyen zufolge sollten Lippenstifte nach der Tagesverfassung ausgesucht werden - für Morgenmuffel eine düstere Aussicht.
"Es ist selten so, dass sich jemand jede Saison eine vollkommen neue Make-up-Palette zulegt, die meisten kaufen sich einen Lidschatten mit neuen Farben, vielleicht auch einen neuen, besonders gehypten Lippenstift", sagt Marie-Theres Weinmann, die in ihrem Kurs für Make-up-Einsteigerinnen unterrichtet, wie sich neue Trends ausmachen und auf Alltagstauglichkeit runterreduzieren lassen.
Für die Make-up-Artistin Caro Strobl sind die neuen Looks immer nur eine von vielen Inspirationsquellen. "Auf dem Gesicht eines Models sieht ja fast alles gut aus", sagt sie, bei allen anderen ginge es darum, ein Make-up an die Physiognomie eines Gesichtes anzupassen. "Ich verwende niemals Eyeliner, auch wenn es total im Trend ist", sagt sie. Vieles in der Make-up-Welt sei stete Neuinterpretation von bereits Dagewesenem, und alles unterliege einem klaren Rhythmus: "Nach dezentem Make-up kommen auffällige und starke Farben", so Strobl.
Blau-Violett-Töne
Ohne blaue Lidschatten und tiefrote, fast ins bläuliche changierende Lippenstifte werden Make-up-Affine diesen Herbst also nicht auskommen, sie finden sich bei fast allen Herstellern wieder. Auch bei Nagellacken steht außer Frage, dass bevorzugt Blau-Violett-Töne getragen werden. Angesichts der multinationalen Vernetzung der Konzerne stellt sich die bange Frage: Kann es Zufall sein, dass in einer Saison viele Designer in die ästhetisch selbe Richtung denken? Haben sie unter Umständen von den Mood- Boards der anderen abgeschaut? Kann sein. Wir werden es nie erfahren, und wunderbar ist die Tatsache, dass am Ende eigentlich jede Frau machen kann, was sie will. So streng wie die Mode ist Make-up nicht. Inspiration bleibt die Devise. (Karin Pollack/Der Standard/rondo/03/09/2010)