Gummistiefel in der Stadt

  • Früher war Regen einfach Regen, heute verkünden Meteorologen 
"Starkregen" und lösen Panik aus.
    foto: der standard

    Früher war Regen einfach Regen, heute verkünden Meteorologen "Starkregen" und lösen Panik aus.

Pro: "Idylisches Fußkondom" von Alexander Fanta - Contra: "Die innere Nässe" von Karin Pollack

+++Pro
Von Alexander Fanta

Der Gummistiefel ist das schönste, vielleicht sogar das einzig schöne Geschenk, das die Plastikgesellschaft der Landbevölkerung jemals gemacht hat. Die schlichten Fußkondome sind zwar eine hatscherte Entschädigung für die hässlichen Kunststoffbahnen, mit denen Heuballen auf herbstlichen Feldern umwickelt werden. Für mich als Kind aber waren Gummistiefel die sinnlichste Art, Nicht-Nähe zur Umwelt zu spüren, die wohlige Geborgenheit eines innen gefütterten Kokons, der zumindest die kälteempfindlichste Extremität des Menschen vor nass-runzeliger Faltigkeit schützt. Warum nicht dieses Gefühl der Unverwundbarkeit hinüberretten ins Urbane, wo meine Sportschuhe die Nässe des Regens aufsaugen wie ein Schwamm? Warum nicht gerade bei strömendem Regen durch den Augartenpark laufen und dabei lachend dem Unwetter trotzen? Auch die ästhetischen Qualitäten des Gummistiefels sind erkennbar. Seine klaren, geraden Linien machen die alte Frage nach Schuhbändern oder Klettverschluss für seinen Träger obsolet.

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Contra---
Von Karin Pollack

Früher war Regen einfach Regen, heute verkünden Meteorologen "Starkregen" und lösen Panik aus. Sogar Menschen, die in der Stadt leben, tauchen dann mit Gummistiefeln im Büro auf. Angeblich, um trockenen Fußes zur Arbeit zu kommen. Das mag äußerlich betrachtet stimmen, doch es gibt auch eine innere Nässe. Ja, wir sprechen von Schweißfüßen. In Gummlern entwickeln sie sich prächtig, darüber können auch die neumodischen Muster nicht hinwegtäuschen. Die Luft zirkuliert einfach nicht. Aber bitte nicht falsch verstehen: Auf dem Land sind Gummistiefel eine gute Sache. Dort gibt es Gatsch, Pfützen und hohes Gras. Aber in der Stadt? U-Bahn- und Busstationen sind nie weit entfernt, der Asphalt meistens glatt, und langmächtige Fußmärsche im urbanen Raum sind bei Regen selten ein Muss. Warum es die lustigen Gummistiefel dann trotzdem gibt? Sie sind eine Erfindung der Schuhindustrie, die angesichts der wettertechnischen Machtlosigkeit der Menschen vom Klimawandel profitieren will. Das stinkt von den Füßen aufwärts zum Himmel. (Der Standard/rondo/03/09/2010)

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