Die Kunst, zuzulassen, ist nicht einfach, aber man wächst mit ihr, sagt Gregor Fauma
Wir Gärtner gelten in erster Linie als Pflanzennarren, die ihre Zöglinge gleichmäßig mit ihrer Liebe düngen, ja nachgerade mit mildem Blicke kosen. Wir Gärtner gelten aber auch als Pflanzennarren, die das Zurückreden belebter Materie nicht so schätzen. Auch etwaiges Abpaschen oder Stubenwischerln gehört nicht zu den Erwartungshaltungen an unsere Zöglinge. Wir sehnen uns nach anderen Eigenheiten: nach buntem Blühen, gesundem Grün, Pilzresistenz und drittem Flor. Kann das der dicke Drahthaarwastl von nebenan? Eben. Keine Würsterl, keine Lacki, keine zerbissenen Schlapfen - nur stumme, absolute Schönheit. Aber was ist schon absolute Schönheit?
In Evolution Gelehrte wissen von einem spannenden Effekt, dem Handicap-Prinzip, zu berichten: Wer eh schon sehr schön ist, könne durch einen kleinen Makel noch schöner, noch begehrenswerter werden. Denken wir hier an die aufgezeichneten Muttermale bei Marilyn Monroe oder das echte auf Crawford Cindys Lippe. Das Rad des Pfauen, das Geweih des Hirschen und die Blonden unter den Frauen zählen die Gelehrten ebenso hinzu.
Wilde Unkrautwucherung
Gibt es dieses Phänomen auch im Garten? Ja, natürlich, grunzt das Ferkel, und führt uns im durchgestylten Garten zu dem kleinen, durch Vernachlässigung erst wunderschönen gewordenen Flecken Erde wilder Unkrautwucherung. Je geplanter und designter ein Garten ist, desto erholsamer sind diese Winkel ungestümer Natürlichkeit - und sie werten damit den Gesamteindruck auf. Ein wenig Vogelmiere (Stellaria media) hier, ein bisserl Distel da, eine Prise Goldrute (Solidago gigantea) und ein paar Blatt verirrten Efeus (Hedera helix) bewirken Wunder zwischen strengen Formen.
Auch über das Vorjahr vergessene Zweijährige, die sich auf einmal breit in einem anders geplanten Beet machen, gehören zu den Muttermalen in den Gesichtern der Models. Wer diesen Spontaneitäten Platz einräumt, wird dick entlohnt und freut sich über sein Scheitern als Beetdesigner.
Aber nicht nur unerwartetes Pflanzengesprosse pimpt Beete und Rabatten. Wer die Kraft hat, nicht jeden Schädling sofort mit Schere, Lauge oder Spray zu vernichten, spürt schon nach kurzer Zeit die gute Seite der Macht. Die Kunst, zuzulassen, ist nicht einfach, aber man wächst mit ihr.
Der Reiz der reinen Blüte, der satten Farbe, der Zerbrechlichkeit der Formensprache findet erst in einem kleinen Insekt seinen Klimax. Einem unscheinbaren Weinhähnchen (Oecanthus pellucens) zum Beispiel, das sich in fremdem Licht sonnen möchte, das offensichtlich genau auf dieser Blüte in sich ruht und damit den stillen Frieden des Eindrucks noch deutlich verstärkt. Ein Stillleben außerhalb von Öl und Tempera.
Wohliges Nichtstun
Eine weitgehend unbekannte Größe unter den schauderhaften Schönheiten auf Blüten ist die Veränderliche Krabbenspinne, vulgo Misumena vatia. Dieser hübsche Gliederfüßer (sag niemals Insekt zu einer Spinne!) vermag es, seine Farbe jener der Blüte anzupassen und gelassen seinem Tagwerk nachzugehen: Dem dolce far niente, dem wohligen Nichtstun. Nur wenn sich ein Insekt in passender Größe auf der Blütenlandebahn niederlässt, wird sie aktiv, fängt das Tier, injiziert Verdauungssekret und saugt dieses dann mit zwei Strohröhrln ähnlichen Mundwerkzeugen aus. Fehlen eigentlich nur noch Schirmchen und Eiswürfel zum sommerlichen Drink.
Wir Gärtner gelten in erster Linie als Pflanzennarren, sehen aber sehr wohl auch die Schönheiten des Ungeziefers, was auch immer da stehen, liegen, kreuchen oder fleuchen mag. Die kleinen Vertreter der Tierwelt, so sie nicht in Massen auftreten, sind wertvolle Komparsen jedes Gartens, und gemeinsam mit einigen Unkräutern und Unerwarteten verleihen sie ihm genau jenen Aspekt, den wir Gärtner so oft suchen, jenen der Vollkommenheit. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/03/09/2010)