Neue Alben von Interpol, Chocolate Genius Inc, Mavis Staples, The Budos Band, The Vaselines - und das Gesamtwerk von Minisex
INTERPOL
(Universal)
Mattschwarz wie das Booklet ist auch die Stimmung, die die New Yorker Band Interpol kreiert. Stilsicher wird im Designerhemd bei den unterkühlten 1980ern Inspiration bezogen, der Psychedelic-Furs-Orden erster Klasse ist diesbezüglich längst dankbar empfangen. Auf ihrem vierten Album ist nichts anderes zu hören als auf den bisherigen. So ökonomischer wie elegischer Rock ohne Bombast oder Firlefanz, der trotz aller Anleihen originär, zeitlos und tief empfunden wirkt. Am 18. November gastieren Interpol im Wiener Gasometer. Muss man hin.
MINISEX
Maximum
(Monkey/Hoanzl)
New Wave schlug sich in deutschsprachigen Ländern bekanntlich als Neue Deutsche Welle nieder. Die Wiener Formation Minisex surfte unter den österreichischen Vertretern erfolgreich auf nämlicher. Die Sammlung Minisex Maximum bietet das Gesamtwerk der Band um Rudi Nemeczek, die sich mit Du kleiner Spion, Ich fahre mit dem Auto, vor allem aber mit Rudi gib acht oder Eismeer ins Gedächtnis einer Generation eingeschrieben hat. Charmiert das Frühwerk noch mit zackigen Melodien und virilem Zwei-Finger-Keyboard, macht sich beim Mittel- und Spätwerk produktionstechnisch der Morbus Kolonovits bemerkbar: Kaum Bass, dafür Synthie-Orgien, Phil-Collins-Drums und Hall. Ein Zeitdokument.
CHOCOLATE GENIUS INCORPORATED
Swansong
(One Little Indian / Hoanzl)
Hinter dem Namen Chocolate Genius, Inc. verbirgt sich der New Yorker Marc Anthony Thompson, der diese Band als offenes System seit den 1990ern betreibt. Der Titel Swansong lässt auf ein Ende schließen, was schade wäre. Denn Thompson ist so etwas wie der schwarze Joe Henry. Er produziert Atmosphäre-schwangere Balladen, die mittels verwischt-patinierter Produktion betören. Lichtscheu, so introvertiert wie raffiniert schafft Thompson ein weiteres intimes Meisterwerk. Trotzdem verdient der in Panama geborene Musiker eher mit Soundtrackarbeiten oder als Mietmusiker seine Brötchen, was angesichts dieses Albums eigentlich ein Skandal ist. flu
MAVIS STAPLES
You Are Not Alone
(Anti/Edel)
Gänsehaut! Mavis Staples, 71, und seit den 1960ern mit den Staples Singers (I'll Take You There, Respect Yourself ...) eine immer mit einem Bein im Gospel stehende Soulsängerin, veröffentlicht mit You Are Not Alone einen grandiosen Nachfolger von We'll Never Turn Back. Dieses hatte 2007 Ry Cooder produziert, nun legte Jeff Tweedy von Wilco Hand an, was sich in prächtigen, sich in Richtung Zeitlupe bewegenden Instrumentierungen äußert, in die Staples ihren lebenserfahrenen Gesang bettet. Ihre Schattierung reicht vom bebenden Gospel über sanften Deep Soul bis zum rohen Blues. Niederschwelliger Country? Kein Problem. 13 Songs sind hier versammelt, ein schlechter ist nicht darunter. Mavis, du Gottvolle - keep on keeping on! Ab 10. 9.
THE BUDOS BAND III
(Daptone)
Eine zeitgenössische Band, die in ihrem Tun den Budos das Wasser reichen kann, muss erst erfunden werden. Dieses vielköpfige Ensemble, das auf dem Daptone-Label (Sharons Jones & The Dap-Kings ...) veröffentlicht, spielt Instrumental-Funk, der Richtung Afro-Jazz ebenso abbiegt wie zum Deep-Funk. Auf solipsistische Eitelkeiten wird weitgehend verzichtet, man vertraut auf die Überzeugungskraft des Kollektivs. Und daran - James Brown ist mein Zeuge! - gibt es nicht den geringsten Zweifel. Bistdudeppert!
THE VASELINES
Sex With An X
(Sub Pop / Trost)
Die legendäre schottische Band The Vaselines, deren berühmtester Fan Kurt Cobain war, veröffentlicht nach der letztjährigen Kompilation Enter The Vaselines erstmals seit hundert Jahren wieder ein Album mit neuen Songs. Kann ein Album, das mit der Zeile "Smack crack, Fleetwood Mac" beginnt, schlecht sein? Es kann nicht. Diese charmanten Meister des rohen wie melodieseligen Schrammel-Punkrock haben mit ihrer Musik einen ewiggültigen Blueprint geschaffen. Go for it! (flu, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 3. September 2010)