Die britischen Synthie-Pop-Pioniere OMD haben sich reformiert und besingen die Geschichte der Moderne
Als Orchestral Manoeuvres In The Dark zählten Andy McCluskey und Paul Humphreys zeitgleich mit The Human League oder Cabaret Voltaire und noch vor Acts wie Depeche Mode zu den großen Vorreitern des Synthie-Pop. Das Duo aus Liverpool setzte dabei nicht unbedingt auf Originalität.
Auf frühen Singles und Alben wie Electricity und Organisation bezogen sich Orchestral Manoeuvres In The Dark schon bezüglich der Titel auf die Düsseldorfer Pioniere Kraftwerk. Electricity war ein ruppige Paraphrase des Kraftwerk'schen Lieds Radioaktivität. Organisation nannte sich die Bandvorstufe von Kraftwerk, als sie noch herkömmliche Instrumente verwendeten.
Die Kunststudenten McCluskey und Humphreys stellten dies mit voller Inbrunst und jugendlichem Überschwang auf billigem elektronischen Equipment nach. Sie fügten der kühlen, bald emotionslos produzierten Musik Kraftwerks aber jede Menge Pathos und Melancholie bei, bauten die Avantgarde also zurück in den Mainstream und hatten damit 1980 mit der Single Enola Gay, einen Song über den Atombombenabwurf in Hiroshima, Erfolg. Mit Joan Of Arc und Maid Of Orleans und Alben wie Architecture & Morality, ihrer überzeugendsten Arbeit zwischen Pop-Mainstream und kühner Klangforschung, die auch nicht vor Musique Concrète zurückschreckte, hatten Orchestral Manoeuvres In The Dark zumindest künstlerisch ihre beste Zeit.
Mitte der 1980er-Jahre stellte sich mit If You Leave, einem Song für den Hollywood-Film Pretty In Pink, noch schnell der Erfolg in den USA ein. Anders als Depeche Mode, die dort bald groß abräumen sollten, konnte und wollte man aber keine für den US-Erfolg unbedingt notwendigen Zugeständnisse an die Rockmusik zu machen.
1986 stieg Humphreys aus. McCluskey machte weiter und produzierte bis in die 1990er-Jahre immer wieder hübsche Singles wie Sailing on The Seven Seas oder Walking On The Milky Way. Anschließend stellte er die Girl-Band Atomic Kitten zusammen, ein zumindest in Großbritannien erheblich erfolgreiches Trio junger Damen, die allerdings von Kraftwerk und konkreter Musik nur wenig wissen wollten.
Nach einer Tournee in Originalbesetzung gelingt den mittlerweile 50-Jährigen unter dem Kürzel OMD mit einem ersten gemeinsamen Album seit einem knappen Vierteljahrhundert nun eine Rückkehr in allen Ehren. Wie man History Of Modern anhört, sind die großen Zeiten und der weltumarmende Überschwang, mit dem sich McCluskey in die Weltmeere umgreifenden hymnischen Melodien der Refrains legt, zwar eindeutig vorbei. Die Single If You Want It ist jetzt, wie man heute wohl sagt, nicht so der Hammer. Und auch produktionstechnisch hat man auf die dünner gewordene Stimme von McCluskey Rücksicht genommen und ist etwas kuscheliger geworden. Allerdings schreiten OMD würdevoll und in allen Ehren durch die eigene Geschichte. Sie überprüfen etwa in New Babes, New Toys, ob sich der Elan und die Wildheit der frühen Jahre auch heute noch nachstellen lassen. Manche Musik kann man ja auch liebhaben, weil sie so gut zum eigenen Leben weit jenseits der großen Jugenddramen passt. Insofern ein sympathisches Comeback. (Christian Schachinger, RONDO/DER STANDARD - Printausgabe, 3. September 2010)
OMD - History Of Modern (Blue Noise/Edel)
Ab 17. 9. im Handel