Das britische Duo Hurts und sein junger alter Synthie-Pop: das Debütalbum "Happiness"
,,Remember that piano
So delightful unusual
That classic sensation
Sentimental confusion
Used to say
I like Chopin
Love me now and again ..."
Sänger Theo Hutchcraft und der musikalische Direktor Adam Anderson alias Hurts waren wohl noch nicht geboren, als 1983 Gazebo ihren Hit I Like Chopin veröffentlichten, eine Euro-Disco-Ballade, die den grellen Plastikpop jener Tage mit Eleganz und Pathos veredeln wollte. Heute dient sie dem britischen Duo als Quelle der "Inspiration". Neben anderem historischen Euro-Trash wie Puttin' On The Ritz und weitaus erträglicherem britischem Synthie- und Hochglanz-Pop von Tears For Fears, Black, Eurythmics oder Spandau Ballet böllert das junge, mit schneidig-geschmalzenen Seitenscheiteln und hochgeschlossener Kleidung ausgestattete Duo zwar oft gefährlich nahe an Dieter Bohlens Modern Talking heran. Allerdings kommt man aus Großbritannien. Dort übt man sich möglicherweise aus genetischen Gründen in natürlicherer Distanz zu Großraumdiscos im Vokuhila-Stil, als wir es hierzulande kennen.
Obwohl auch Hurts sehr wahrscheinlich Goldketten, Ohrringe und Autoschlüssel von Golf-Cabrios lieben, erinnern die Songs ihres Debütalbums Happiness doch recht fesch daran, dass Pop vor 30 Jahren vielleicht ein letztes Mal nach den Sternen griff. Tief im Hallraum mitreißend angetäuschter Gefühle und breiiger Synthesizer-Flächen tänzelte man, immer besorgt auf die Frisur achtend, zu hochdramatischen Wummerbeats aus damals hochmodernen Drumcomputern und Musikmaschinen aus dem Hause Korg oder Fairlight. Die Pet Shop Boys sorgten für intellektuelle Beruhigung auch bei der Pop-Intelligenz. Depeche Mode vereinten Massentauglichkeit mit avantgardistischen Samples der Einstürzenden Neubauten. In den Almhütten wüteten eben Gazebo und Taco. Und für Leute, die sich schon damals vor zu viel Extravaganz fürchteten, gab es dann auch noch Alphaville und ihre Hits Big In Japan und Forever Young.
Das alles stellen Hurts nun reißbrettartig nach. Sie sind sehr gut darin. Warum das bei aller Sympathie für manchen Song wie etwa Wonderful Life oder Stay sein muss, wird ein Rätsel bleiben. (schach, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 3. September 2010)