Im Dirndl durch die Getreidegasse

29. August 2010, 16:10
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Soll man sich im Urlaub den Gewohnheiten der Eingeborenen anpassen?

Die Frage, ob man sich im Urlaub modemäßig an die Bräuche der Gastgeber angleichen sollte, scheidet die Geister. Zum Beispiel vergangene Woche in Salzburg: Im Frühstücksraum vom Hotel Stein saß ein Mittzwanziger mit Hornbrille. Zur Krachledernen trug er ein kariertes Hemd und dazu Stutzen mit Mascherln. Als er den Mund aufmachte, entpuppte er sich als Wiener. Döbling oder Währing, so genau war das nicht zu sagen. Hätte er sich als Mitglied des Vereins der Fidelen Wiener Salzburg-Freunde ausgegeben, man hätte sich nicht gewundert.

Offensichtlich wollte der Mann Salzburg seine Reverenz erweisen. Diesen Wunsch haben viele. Die Freude, die man in sich spürt, dass der Regen an der Salzach vertikal (und nicht wie im windigen Wien diagonal) fällt, kann beträchtlich sein. Zudem vermindert ein Dirndl oder eine Lederhose die Kluft, die man zwischen sich und den Eingeborenen spürt. Während die Einheimischen die Frittatensuppe um Euro 7,90 mit Gleichmut ertragen, bleibt dem Zugereisten die Palatschinke im Halse stecken. In der Tracht kann man zumindest so tun, als ob man selbst zum Klub der Schlitzohren gehört.

Das dachten sich wohl auch die Betreiber von Madame Tussauds in Berlin. Anlässlich von Angela Merkels Urlaub in Südtirol steckten die Betreiber des Wachsfigurenkabinetts die Kanzlerin vor einigen Wochen in ein Dirndl. Genützt hat es wenig: Vor Ort zeigte sich Merkel der lokalen Tracht wenig aufgeschlossen. Schade. Ein Wiener würde sich diese Gelegenheit zur modischen Verbrüderung nicht entgehen lassen. (Stephan Hilpold/DER STANDARD/rondo/27/08/2010)

  • Frau Merkel nähert sich an die Eingeborenen an.
    foto: frankonia

    Frau Merkel nähert sich an die Eingeborenen an.

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