Die Erbse als Droge

26. August 2010, 17:01
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Die Finnen saufen nicht, sie tanzen. Dazu trinken sie Kaffee und essen Wurst und Erbsen. Eine Ode an ein besonderes Land

Der Finne und die Finnin sind die leidenschaftlichsten Tänzer der Welt, wenn sie nicht tanzen würden, wären sie längst ausgestorben, sie sind zu ungeschickt, sich zum Zwecke des Beiwohnens und der Fortpflanzung anders näherzukommen.

Gut, dieser Sommer war so heiß, dass im Wasser die Fische schwitzten, aber das ist nicht die Regel hier in Finnland, wo die Sommer normalerweise so sind, wie sie sein sollen: kommod, also warm, aber nicht heiß, und hell ist es sowieso, immer, und wenn es mal regnet, ersetzt Helligkeit Wärme.

Finnland ist das schönste Land, das der liebe Gott in das Antlitz dieser kaputten Erde gepappt hat, wer etwas anderes behauptet, und das sind nicht wenige, war einfach noch nicht hier und füttert sein krummes Bild mit ewig durchdeklinierten Fabeln und Vorurteilen, die so zahlreich sind wie die Mücken, von denen die Unkenner glauben, sie machten das Konzept Finnland so beschwerlich - und so wie die Sprache schwer ist, und die Finnen so betrunken, wie sie maulfaul sind. Das stimmt alles nicht, um Christi Willen!

Die Sprache ist sogar sehr einfach, es gibt beispielsweise nur 20 reguläre Gebrauchsbuchstaben, B, C, D, F, Q, W, X, das ganze sinnlose und weiche Zeug haben sie einfach abgeschafft, aus dem Alphabet verbannt, weil sie sowieso alles weich aussprechen, wie Kinder mit dem Mund voller Brei ein Gedicht von Kurt Schwitters: Kuha, Kana, Kala, Liha, Lohi, Kuu, Puu, Loma, Lava (Zander, Huhn, Fisch, Fleisch, Lachs, Mond, Holz, Ferien, Bühne), alles wird so ausgesprochen, wie es dasteht. Und mit dem Ungarischen hat das Finnische gar nichts zu tun, auch so eine etymologische Schnapsidee (es gibt gerade mal drei gemeinsame Wörter, allesamt Flüssigkeiten, Veri, Vesi, Mesi = Blut, Wasser, Honig), das war's auch schon.

Und die Gelsen, hm, wenn man, sagen wir, zehnmal angeknabbert wurde, ein bisschen gekratzt hat, Jucken, Kratzen, Jucken - eins bedingt das Nächste, wenn man also diese Kette einfach mal infrage stellt, ignoriert, dann neutralisieren sich die Stiche gegenseitig, man kommt ja sowieso nicht nach mit dem Kratzen, also kann man es gleich bleiben lassen, und dann hört auch das Jucken auf, also was soll das mädchenhafte Wehklagen? Letztlich entsteht, wie alles, auch das Jucken im Kopf. Und überhaupt, wir fressen die Meere, die ganze Erde leer, töten, verwursten, kochen jedes Tier, da darf sich doch zur Abwechslung mal eins von ihnen als Stellvertreter ein bisschen an uns laben. Seien wir doch bitte alle ein bisschen großzügig und entspannter.

Wie ist Finnland denn dann das richtige, und warum ist es das schönste Land, was macht es so einzigartig, so anders?

Finnland besteht farblich aus einer Schicht Blau (Wasser), Grün (Wald) und noch mal Blau (Himmel), der Finne wohnt im Wald, in seiner Mökki (Hütte), alle Hütten stehen am See, die Mücke liebt den See nicht, weil der Wind sie auf den See weht, und da ertrinken sie unrettbar, der Finne kommt dann und wann in die überall in die Wälder gebauten schauerlichen Ortschaften, um einzukaufen, Pizza zu essen und zu tanzen. Der Finne und die Finnin sind die leidenschaftlichsten Tänzer der Welt, wenn sie nicht tanzen würden, wären sie längst ausgestorben, sie sind zu ungeschickt, sich zum Zwecke des Beiwohnens und der Fortpflanzung anders näherzukommen.

Tänzer trinken nicht, und wenn, dann nur Unmengen Kaffee, der Sommer will wach durchtanzt werden, dazu essen sie eine Art Wurst, Makkara genannt, in eine Pergamenthaut gefüllter Brei, der hauptsächlich aus Mehl und mit Fleischaromen versetztem Wasser besteht, dieser Brei wird aus der Haut gleichsam gesaugt, ohne Brot, allenfalls mit rohen Erbsen verzehrt, das Volk hat vielleicht den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Erbsen, überall liegen leere Schoten herum, jeder führt stets ein kleines Säckchen Erbsen mit sich, wie die Bolivianer ihre Kokablätter, die Erbse bringt sie durch die Nacht, sie hält sie wach, selbst Hunden gibt man Erbsen, natürlich gibt es allsommerlich eine Erbsenweitwurf-WM, und als die Fußball-WM in Südafrika war, hat das hier absolut niemanden interessiert, keine Hysterie, kein Public Viewing, als dann aber im Schlammfußball im nordkarelischen Hyrynsalmi Finnland Spanien besiegte und Weltmeister wurde, war das in den Nachrichten logischerweise eine Topmeldung wert.

Wieder im Wald, in ihrer Hütte (nur ein ein Kilometer entfernter Nachbar ist ein guter Nachbar), wird dann Kraft getankt für den Winter und den nächsten Tanz - man angelt. Dazu braucht man keine Rute, eine Schnur reicht, im Wald muss man Würmer graben, und das ist problematisch, weil man sofort von einer Wolke Mücken umgeben ist, so als würden sie die Würmer bewachen und verteidigen wollen, und sie haben ja recht, gibt es etwas Karmazersetzenderes, als einen Wurm auf einen Haken zu spießen, oder ein erschütternderes Schauspiel, als wenn der Wurm noch im Boot oder am Steg mit dem Haken im Rumpf wegzulaufen trachtet? Und in diesem Fall spendet man den Wächtern der Würmer auch gerne Blut.

Wenn man dann nach anderthalb Minuten einen Haukki (Hecht) oder Kuha (Zander) gefangen hat, denn in ungefähr diesem Takt beißen sie, sollte man ihn sofort aufschneiden und aus ihm den Wurm bergen, von dannen ziehen lassen oder weiterverwenden, damit man sein eigenes Karma einigermaßen in Ordnung bringt.

Um das Leid der ungerechten Welt, an das man bei diesen barbarischen Operationen stellvertretend immer wieder erinnert wird, zu vergessen, trinkt man ein Dünnbier der Marke Karhu (Bär), weil man Bier sowieso nur im Wald trinken kann, im urbanen Gefüge schmeckt es einfach grauenvoll, aber im Wald geht's komischerweise, betrunken kann man von finnischem Bier nicht werden.

Wer sich betrinken will, trinkt Salmiakwodka der Marke Koskenkorva, also ein Schnaps, mit dem man auch das Klo putzen kann, in das man gerade gekotzt hat. Oder Fisu, ein Wodkacocktail mit Fisherman's-Friend-Pastillen, um sich das abendliche Zähneputzen zu ersparen.

Weil Finnland so ein globaler Außenseiter ist, ballen sich die Absonderlichkeiten, die das Land in sich so homogen, so besonders machen, ihm seine ganz spezielle wunderbare Identität verleihen.

Wenn in Spanien ein Hotel brennt, würde jeder Gast, egal welchen Volks, individuell die Flucht ergreifen, die Finnen sammeln sich erstmal und gehen dann geschlossen aus dem brennenden Haus. Aber was soll man schon in Spanien? Man bleibt im Land und tanzt, isst Erbsen und genießt einen Sommer, den man sonst nirgendwo auf der Erde bekommen kann. (Tex Rubinowitz/DER STANDARD/Rondo/27.08.2010)

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