In Topform

26. August 2010, 17:17
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Die Designerinnen von "Dottings", Sofia Podreka und Katrin Radanitsch, haben Emailletöpfe entworfen - einfache Meisterstücke mit dem Zeug zum Klassiker, die nun endlich erhältlich sind

Es könnte so gewesen sein. Der Dichter Gottfried Keller schwebte als guter Geist durch das offene Fenster eines Design-Studios im 9. Bezirk. Dort saßen die unter dem Namen "Dottings" firmierenden Gestalterinnen Katrin Radanitsch sowie Sofia Podreka und grübelten über eine Idee. Es galt, auszubaldowern, was man der Firma Riess, einem der ältesten Familienunternehmen Österreichs, auf deren Einladung hin, präsentieren könnte. Gottfried Keller, sozusagen als Muse angereist, flüsterte den beiden ins Ohr: "Alles Große und Edle ist einfacher Art." Sogleich machten sich die beiden jungen Frauen ans Werk, ganz eingedenk der Worte des Dichters.

Gut zwei Jahre später, das Fenster des Studios ist wieder weit geöffnet, steht fein arrangiert eine Familie von farbenfrohen Emaillegefäßen auf einem langen Tisch in den Räumlichkeiten der Designerinnen. Es ist hell und aufgeräumt im Studio. Es ist auch ruhig bei Dottings, die neben anderen Frauen-Duos wie Polka, Lucy.D oder Danklhampel längst fix in der heimischen Designszene gebucht sind. An einer Wand steht ein altes, graues Ledersofa. Daneben ein Prototyp für eine Straßenlaterne, auf dem Boden ein alter Safe, daneben ein Reißbrett, noch ein Tisch mit großen Computerbildschirmen und ein Regal mit kleinen Modellen und Farbkarten. Auf einem anderen Tisch gibt's jede Menge Bürsten zu sehen - vom Staubwedel bis zur Klobürste. Aber das ist ein anderer Auftrag, eine andere Geschichte.

Drapierte Kekse und richtiger Schaum

Würde man einen Spielfilm über zwei junge Designerinnen drehen, die Location wäre schon gemietet. Der Kaffee trägt das richtige Schäumchen, die Kekse wirken wie drapiert, die Wasserkaraffe, auch die passt ins Setting. Würde man hier tatsächlich einen Film über zwei junge Designerinnen drehen, dann stünden dort auf dem großen Tisch aber bestimmt nicht neun Emailletöpfe, drei Dunsteinsätze bzw. Nudelsiebe und vier Vorratsdosen mit Holzdeckel. Im Kino ginge es um einen heißen Sportwagen, ein Future-Handy oder den Laufschuh des dritten Jahrtausends. Wie schön, dass hier kein Film gedreht wird. Wie gut, dass sich Podreka und Radanitsch, die schon seit ihren Studienzeiten an der Wiener Angewandten zusammenarbeiten und seit 2006 das gemeinsame Studio betreiben, dem Topf und seinem Deckel angenommen haben.

Beäugt man ihre Topffamilie namens Aromapots, legt man Hand an sie an, überkommt einen ein Anflug von Begeisterung, auch ohne den Töpfen noch selbst Feuer unterm Emaille gemacht zu haben. Denn - es ist nicht alltäglich, dass einen gerade eine kleine Topffamilie daran erinnert, was gutes Design ist: etwas, das funktioniert, das ästhetisch in Topform daherkommt, oder viel besser gesagt, etwas, das man einfach nicht mehr hergeben möchte. Bisher haben circa 5000 Aromapots die Riess-Fabrik im niederösterreichischen Ybbsitz verlassen, wo unter anderem auch für den britischen Topdesigner Tom Dixon oder die Kolleginnen von Polka produziert wird.

Retro-Klischee

Die Formensprache dieser Objekte zu buchstabieren fällt auf den ersten Blick leicht. Da ist nichts zu viel, nichts zu wenig. Hier wird nicht das Retro-Klischee des Materials bedient, die Formgebung sagt einfach nur: "Ich bin ein fescher Topf. Und etwas Neues". Auch in Sachen Farbgebung schaffen es Dottings, die emaillierten Kochgefäße vor dem vorschnellen Urteil zu bewahren, hier handle es sich um Eintopf-Pötte aus Großmamas Zeiten. "Dark Aubergine" heißt der eine Topf, in dem man vor dem geistigen Auge schon die Erbsensuppe vor sich hin köcheln sieht. "Slow Green" nennt sich ein anderer, unaufdringlicher Farbton - als würde sich diese Farbe nicht trauen, wirklich Grün zu sein.

Hebt man den Deckel der Aromapots, gibt es aber noch weit mehr zu diesen Alltagsgeschichten zu sagen. Vor allem seitens ihrer Entwerferinnen: "Emaille, kurz gesagt ein silikatisches Glas, das bei 840 Grad auf Eisen aufgeschmolzen wird, ist ein sehr stures Material", erzählt Katrin Radanitsch (29). "Man kann nichts eckig machen, die richtigen Radien zu finden ist eine Endlostüftelei. Das gilt auch für die Farbmischungen. 35 Arbeitsschritte sind für ein so einfach anmutendes Objekt nötig. Überhaupt ist das ganze eine Wissenschaft. Ohne das Know-how der Firma Riess, deren Wurzeln mehr als 500 Jahre zurückreichen, wäre dieses Projekt unmöglich gewesen. Da wird Wissen von einer Arbeitergeneration auf die nächste weitergeben. Haben Sie schon einmal eine Stellenanzeige eines Emaille-Technikers gelesen?", fragt sie.

Sparsames Kochen

Sofia Podreka (31) löst sie ab. "Diese Art Kochgeschirr funktioniert für jeden Herd, die Wärmeleitung ist optimal, im Gegensatz zu einem normalen Edelstahltopf wird der Inhalt von allen Seiten, nicht nur von unten erhitzt. Das Material ist für Nickelallergiker ebenso wie für die Fünf-Elemente-Küche geeignet. Durch die leicht konische Form sind sie endlos stapelbar. Man spart nicht nur Energie beim Kochen, sondern auch Wasser, denn diese Töpfe machen auch in der Schüsselfunktion gute Figur. Und das Wichtigste: Das Essen schmeckt einfach besser - vor allem Artischocken, Zucchini oder Spinat.

Ältere Semester, die der Kochkunst mächtig sind, wissen das. Und Suppe, Sauce und Co sehen in unseren Töpfen auch viel besser aus", schließt Podreka ihre Lobpreisung ab. Nicht aber ohne zu erwähnen, dass Topf und Deckel auch auf Rollenspielchen stehen: Die Deckel lassen sich tadellos als Schalen oder Untersetzer für die Töpfe verwenden. Und komplett einschmelzbar und dadurch wiederverwertbar sind sie obendrein. Aber wer sollte das wollen? Schließlich haben die Pötte eindeutig das Zeug zum Erbstück. (Michael Hausenblas/DER STANDARD/rondo/27/08/2010)

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