Role-Model mit Sitz

22. August 2010, 17:04
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Seit mehr als 20 Jahren sorgt der Design-Galerist Hans-Peter Jochum dafür, dass die Deutschen ein wenig Italianità in ihr Leben bringen können. Ein Porträt von Ingo Petz

Zwischen Italien und Moskau liegt in Berlin nur eine zwanzigminütige S-Bahn-Fahrt. Man kommt aus dem Osten mit seiner sozialistischen Architektur und gelangt in den Westen, und damit direkt ins italienische Lebensgefühl. In der Charlottenburger Bleibtreustraße gibt es gleich mehrere italienische Restaurants und Cafés. Männer mit schweren goldenen Ringen, Halstüchern und braungebrannter Haut sitzen in der Mittagssonne, bei Pasta, Chianti und Espresso, und lassen das Leben Leben sein.

Die Gegend hier sei so was wie das Wohnzimmer des Westens, sagt Hans-Peter Jochum. "Sehr angenehm. Ich mag das." Auch der schlanke Mann mit dem Dreitagebart hat eine Schwäche für Italien, genauer: für italienisches Design. Jochum, das kann man so sagen, liebt italienische Möbel. Das merkt man, wenn er über Sessel von Mario Bellini oder Spiegel von Lorenzo Burchiellaro erzählt. "Innovativ, wild, abenteuerlich, verspielt, glamourös, experimentierfreudig", beschreibt er das italienische Nachkriegsdesign. "So was findet man in Deutschland nicht. Viel zu streng, mutlos, traurig, blutleer."

Jochum kennt sich aus. Der 58-Jährige ist einer der bekanntesten Design-Galeristen Deutschlands. Seit Anfang der Achtziger betreibt er in der deutschen Hauptstadt eine Galerie, die sich vor allem auf Möbel der Fünfziger und Sechziger spezialisiert hat. Wie beschreibt er selbst seine Arbeit? Jochum überlegt keine Sekunde. "Aus dem weltweiten Design-OEuvre an Möbeln, Lampen oder Textilien suche ich die Dinge, die ich selbst spannend finde und die ich auf dem deutschen Markt verkaufen kann. Dann stelle ich die Sachen in meinen beiden Räumen aus, arrangiere sie so, dass eine neue Lebendigkeit entsteht, eine neue Spannung, mit einem Sinn für Eklektizismus."

Spielplatz der Farben und Formen

Für seine ästhetisch anspruchsvoll und kreativ erdachten Verkaufsausstellungen ist der gebürtige Saarländer bekannt. In seinen zwei Räumen in der Bleibtreustraße zeigt er "Historical Design Objects of the 20th Century", Schränke, Tische, Teppiche. Die Räume wirken warm wie ein Wohnzimmer, mit einem ölig leuchtenden Parkettboden. Nicht weit entfernt, in der Knesebeckstraße in Nachbarschaft markanter Büro- und Verwaltungsgebäude, hat sich Jochum einen weiteren, ganz anderen Raum zugelegt. Er ist modernistisch, luftig, puristisch, weiß. Hier bekommt der Besucher einen Frank-Gehry-Stuhl aus Wellpappe zu sehen, einen Armlehnstuhl von Gae Aulenti oder einen abenteuerlich-aufregenden Armlehnstuhl der Gruppo Archizoom, alles sorgsam und kunstvoll arrangiert zu einem Spielplatz der Farben und Formen.

"Radical Design" heißt diese Ausstellung. "Mit diesem Raum kann ich etwas experimentierfreudiger sein und freier umgehen als mit dem Raum in der Bleibtreustraße", erklärt Jochum. Er möge vor allem die Möbel der Fünfziger und Sechziger, weil sie dynamischer und skulpturaler seien als beispielsweise die Stahlrohr-Freischwinger aus den Zwanzigern. Zeitgenössisches Design interessiere ihn zwar persönlich, aber nicht für seine Galerie. "Zudem sind mir die Sachen häufig einfach zu nahe an der Kunst konstruiert. Ich bevorzuge Möbel, die es in die Produktion geschafft haben. Dabei finde ich ja gerade den Prozess zwischen Designer, Techniker und Produzent hochspannend."

Stücke mit Geschichte

Die Stücke, die er kauft, sucht Jochum nach verschiedenen Kriterien aus: "Erstmal müssen sie mir persönlich etwas sagen. Sie müssen mich ästhetisch ansprechen, die Art der Produktion und Herstellung, die Technik müssen mich interessieren, der Wille, etwas Neues schaffen zu wollen, sollte erkennbar sein. Insgesamt muss das Stück eine Geschichte erzählen, Spannung erzeugen. Es muss mit mir kommunizieren. Denn nur so kann ich es an potenzielle Kunden bringen." Zudem achte er natürlich darauf, in welcher Auflage ein Stück produziert wurde, was seinen Kunden gefallen könnte und was sie bezahlen können. "Es macht ja keinen Sinn, ein exorbitant teures Stück zu kaufen, wenn ich es nicht verkaufen kann."

Jochum hat Möbel zwischen 650 Euro (ein Stapelstuhl aus den Dreißigern) und 18.000 Euro (ein Tisch von Osvaldo Borsano) im Angebot. Es gebe sicher auch Sammler unter seinen Kunden, sagt er. Aber die meisten wollen ein außergewöhnliches Stück, das in ihre Wohnung passe und das ihnen eine Geschichte erzähle. Menschen eben, die sich darüber Gedanken machten, wie sie leben möchten. "Ich bin da so was wie der Vermittler. Ich finde Stücke und deren Geschichte. Das Kommunizieren habe ich immer schon geliebt."(Ingo Petz/DER STANDARD/rondo/20/08/2010)

  • Der 58-jährige Hans-Peter Jochum ist einer der bekanntesten Design-Galeristen Deutschlands. Seit Anfang der Achtziger betreibt er in der deutschen Hauptstadt Berlin eine Galerie.
    foto: benjamin pritzkuleit

    Der 58-jährige Hans-Peter Jochum ist einer der bekanntesten Design-Galeristen Deutschlands. Seit Anfang der Achtziger betreibt er in der deutschen Hauptstadt Berlin eine Galerie.

  •  "Radical Design" heißt die aktuelle Ausstellung in der Knesebeckstraße in Berlin. Noch bis 7.9..
    foto: www.hpjochum.de

    "Radical Design" heißt die aktuelle Ausstellung in der Knesebeckstraße in Berlin. Noch bis 7.9..

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