Dem Strom zuschauen

13. August 2010, 17:01
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Mit ihrem schmelzenden Lampenschirm "Ikarus" schufen Aylin Kayser und Christian Metzner ein spannendes Statement, angesiedelt zwischen Design und Kunst. Von Ingo Petz

Regen platscht auf die Straße. Menschen versuchen mit eingezogenem Kopf und zusammengezogenen Schultern den Tropfen irgendwie zu entkommen, hasten von Haustür zu Haustür oder drücken sich die Hauswände entlang. Selbst die frischen Farben der renovierten Bürgerhäuser hier am Prenzlauer Berg wirken aschfahl und trist wie Fassaden aus einem Film noir. Berlin im Sommer. Am liebsten würde man flüchten. Nur die backsteinrote Farbe des Umspannwerkes Humboldt hebt sich an diesem Tag von der grauen Suppe ab.

Der architektonische Bolide ist heute eine Art kulturelle Energiezentrale, es sind allerlei Kulturprojekte hier untergebracht. Bis 1993 wurde hier der Strom, der mit 30 Kilovolt ankam, auf sechs Kilovolt heruntergedrosselt, bevor er in die Haushalte des Prenzlauer Bergs geschickt wurde. Es ist sinnig, an diesem Ort zwei junge deutsche Designer zu treffen, die sich mit Strom beschäftigt haben. Christian Metzner, 27 Jahre, ein Schlaks mit gepflegten blonden Haaren, empfängt im Café Kohlenkeller. Später kommt Aylin Kayser dazu, 28 Jahre alt, eine Frau mit leuchtenden Augen und einem herzlichen Lachen. Die beiden wohnen zusammen in einer WG, und beide studieren Produktdesign an der Fachhochschule in Potsdam.

Amöbengleicher Klumpen

Metzner und Kayser haben eine ungewöhnliche Lampe erdacht, eine Lampe in Form eines konischen Schirms. Der Clou: Der Lampenschirm besteht aus weißem Wachs, in das eine Konstruktion aus Stahlseilen und Edelstahl eingegossen wurde. Das Wachs schmilzt während des Gebrauchs, es zerfließt zusehends und verändert so sukzessive seine Form zu einem amorphen unikalen Etwas. Bei konstanter Verwendung kann dieser Prozess bis zu einem Monat dauern. Die Schwerkraft zieht Fäden, Tränen und Tropfen aus dem warmen Wachs und lässt sie auf den Boden regnen, wo sie schließlich als amöbengleicher Klumpen enden. So wiederum entsteht nicht nur ein Wachsfleck, sondern eine neue Skulptur, ein Unikat, wenn man so will, das freilich nicht jeder auf seinem Wohnzimmerboden haben will. "Ja, ja", sagt Metzner lächelnd. "Deswegen haben wir schon häufig Kritik bekommen." Und Kayser fügt hinzu: "Die Lampe ist nur bedingt ein Gebrauchsgegenstand. Sie eignet sich mehr als Objekt für Museen, für Messeaussteller oder Galerien." Allerdings haben sich auch schon Hotels und Unternehmen für die Lampe interessiert, die Metzner und Kayser in Handarbeit herstellen.

Visualisierter Strom

Die sublim-melancholische Idee hinter dem originellen Stück, das während einer Semesterarbeit für einen Wettbewerb entstand und in der Szene, zum Beispiel beim Design-Festival Berlin bereits große Beachtung fand, ist unschwer zu erkennen. "Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht", erklärt Kayser, "Strom zu visualisieren." Durch die metaphorische Materialisierung elektrischer Energie könne dem Betrachter die Problematik des Stromverbrauchs vor Augen geführt werden. Strom sei etwas Endliches, setzt Metzner nach. Strom sei außerdem etwas Alltägliches, Unsichtbares und Kostbares. "Im Zeitalter der Globalisierung, des Klimawandels und einhergehender Klimakatastrophen ändert sich langsam das Bewusstsein, und nahezu jeder wird sich seiner Abhängigkeit von Elektrizität und deren Endlichkeit bewusst." Die Lampe erhielt den Namen "Ikarus" - wie der unvorsichtige und wagemutige Himmelsstürmer aus der griechischen Mythologie. Der Sage nach war Ikarus der Sonne mit seinen Flügeln aus Wachs und Federn zu nahe gekommen und stürzte ab.

Erstaunlich an dieser Wachslampe sind vor allem ihre poetische Verspieltheit, ihre gehaltvolle Tiefe und ihre klare Antifunktionalität. Man könnte das gute Stück ruhigen Gewissens Kunst nennen. Solche Objekte, die zwischen Kunst und Design hin und her wandern, kommen üblicherweise aus London, Belgien oder New York, aber eben nicht aus Deutschland, das bekanntlich eine starke Tradition im klassischeren Produktdesign hat. Dass sich auch die junge deutsche Designszene bewegt, hatte im vergangenen Jahr eine Ausstellung in Frank Gehrys Kunst- und Designmuseum MARTa in Herford gezeigt. Diese hatte vor allem Designer präsentiert, die sich dem deutschen Designfunktionalismus bewusst verweigern und dabei auf Experimente setzen. Auch die Wachslampe war dort ausgestellt.

Viel Input und billiger Wohnraum

Berlin als Tummelplatz der Freigeister, Kreativen und Lebenskünstler spielt für die Öffnung und Veränderung der deutschen Szene gewiss eine bedeutende Rolle. "In Berlin ist man einfach sehr vielen Einflüssen ausgesetzt. Es gibt viel Input, billigen Wohnraum. Und da sind sehr viele durch die Geschichte bedingte Narben und Brüche. Das findet man sonst nirgendwo in Deutschland", meint Metzner, der über die Beschäftigung mit der Fotografie und der Architektur zum Produktdesign kam. "In Berlin gibt es zwar eine Menge Ideen", sagt Metzner, "leider hat Berlin aber kein Geld." Denn nur mit dem nötigen Kapital könnte auch für wagemutige Designer ein Markt entstehen wie beispielsweise in der englischen Hauptstadt, wo Designer Installationen für Museen, zivilgesellschaftliche Organisationen oder Unternehmen entwerfen.

Metzner und Kayser müssen ihr Studium noch beenden. Ein gemeinsames Studio zu eröffnen, daran haben beide schon gedacht. "Wir harmonieren und ergänzen uns in der Arbeit sehr gut", sagt Kayser. "Ich komme häufig mit großen Ideen, und Christian ist derjenige, der versucht, die Ideen umzusetzen." Metzner hat unter anderem Armreifen, Taschen, Schals oder Gläser entworfen, und bei all seinen Stücken fällt auf, dass er versucht, traditionelle Handwerkskunst mit neuen Formideen zu verknüpfen. Während man seine Objekte begutachtet, nippt Metzner an seinem Kaffee und lehnt sich zurück auf die samtweiche Bank. Das große Fenster hinter ihm offenbart den Blick auf die Berliner Regensuppe, die inzwischen noch dicker geworden ist. Es wird Zeit, die Lampen einzuschalten.(Ingo Petz/DER STANDARD/rondo/13/08/2010)

  • Lauter Unikate: Erstaunlich an der Wachslampe sind vor allem ihre poetische Verspieltheit und ihre klare Antifunktionalität.
    foto: christian metzner

    Lauter Unikate: Erstaunlich an der Wachslampe sind vor allem ihre poetische Verspieltheit und ihre klare Antifunktionalität.

  • Aylin Kayser (28) und Christian Metzner (27), beide studieren Produktdesign in Potsdam und möchten mit ihrem Entwurf den Stromverbrauch sichtbar machen. www.christian-metzner.com
    foto: christian metzner

    Aylin Kayser (28) und Christian Metzner (27), beide studieren Produktdesign in Potsdam und möchten mit ihrem Entwurf den Stromverbrauch sichtbar machen. www.christian-metzner.com

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