Wo die Götter mit Sand spielten

20. Juli 2010, 16:33
  • Die Piazza von Pizzo, hoch auf dem Klippen: Der Platz ist Wohnzimmer, Laufsteg und Bühne zugleich. 
 
    foto: sandro bedessi/enit

    Die Piazza von Pizzo, hoch auf dem Klippen: Der Platz ist Wohnzimmer, Laufsteg und Bühne zugleich.

     

  • Anreise: Ganzjährig gehen täglich Linienflüge (zum Beispiel Alitalia) über Rom oder Mailand zu den Flughäfen Lamezia Terme 
(nördlich von Pizzo) und Reggio Calabria. In Sommermonaten gibt es auch 
Direktflüge, entweder per Charterflug oder mit Billigfluglinien. Fly 
Niki fliegt zwischen Mai und Oktober in Kooperation  
mit Air Berlin einmal in der Woche von Wien, 
Innsbruck und Salzburg nach Lamezia Terme. Vom Flughafen aus gibt es 
Busverbindungen nach Tropea. Reizvoll sind auch die Bahnstrecken entlang
 der Küste. Infos unter www.trenitalia.com.
    foto: sandro bedessi/enit

    Anreise: Ganzjährig gehen täglich Linienflüge (zum Beispiel Alitalia) über Rom oder Mailand zu den Flughäfen Lamezia Terme (nördlich von Pizzo) und Reggio Calabria. In Sommermonaten gibt es auch Direktflüge, entweder per Charterflug oder mit Billigfluglinien. Fly Niki fliegt zwischen Mai und Oktober in Kooperation mit Air Berlin einmal in der Woche von Wien, Innsbruck und Salzburg nach Lamezia Terme. Vom Flughafen aus gibt es Busverbindungen nach Tropea. Reizvoll sind auch die Bahnstrecken entlang der Küste. Infos unter www.trenitalia.com.

  • Im Hinterland erhebt sich von den Oliven-, Orangen- und 
Bergamottenhainen das Bergmassiv Aspromonte in bis zu knapp 2000 Meter 
Höhe.
    foto: salli/wikipedia.org

    Im Hinterland erhebt sich von den Oliven-, Orangen- und Bergamottenhainen das Bergmassiv Aspromonte in bis zu knapp 2000 Meter Höhe.

  • Die "cucina calabrese" 
ist äußerst vielfältig: In den Bergen kommt deftige Hausmannskost auf 
den Tisch, an der Küste feine, leichte Mittelmeerküche. Nicht fehlen 
dürfen scharfe "peperoncini", rote Zwiebeln aus Tropea und Fisch, vor 
allem Tun- und Schwertfisch. Einen Eindruck von der Gebirgsküche bekommt
 man im Ristorante Le Macine in Sant'Eufemia D'Aspromonte. Die ganze Bandbreite an Köstlichkeiten in 
toller Lage bietet das Locanda Toscano in Pizzo (Via B. Musolino 14/16),
 ausgiebig wird auch im Ristorante da Cecè in der Altstadt von Tropea 
gespeist (Largo Toraldo Grimaldi).
    foto: ristorante le macine

    Die "cucina calabrese" ist äußerst vielfältig: In den Bergen kommt deftige Hausmannskost auf den Tisch, an der Küste feine, leichte Mittelmeerküche. Nicht fehlen dürfen scharfe "peperoncini", rote Zwiebeln aus Tropea und Fisch, vor allem Tun- und Schwertfisch. Einen Eindruck von der Gebirgsküche bekommt man im Ristorante Le Macine in Sant'Eufemia D'Aspromonte. Die ganze Bandbreite an Köstlichkeiten in toller Lage bietet das Locanda Toscano in Pizzo (Via B. Musolino 14/16), ausgiebig wird auch im Ristorante da Cecè in der Altstadt von Tropea gespeist (Largo Toraldo Grimaldi).

Wie wild hingewürfelt liegt Kalabrien zwischen zwei Meeren. Die Küsten sind roh, die Sinne fein. Und über allem liegt ein schön morbider Charme

Rossella braucht nicht einmal die Augen zuzukneifen. Sie macht den Stromboli aus, wo der Rest des Reisebusses nichts als den gleichförmig mittagshellen Horizont und ein paar Wölkchen erkennt. Rossella braucht im Prinzip auch keinen Kalender: Anhand der Stelle, wo die Sonne untergeht, liest sie das Datum am Horizont ab. "Der Sonnenuntergang ist jeden Tag anders", sagt sie. Zweimal im Jahr, Mitte April und Mitte August, verschluckt der Krater des Stromboli die Sonne.

Vielleicht rührt Rossellas orakelhaftes Gespür daher, dass die Reiseführerin am Capo Vaticano, dem Kap der Prophezeiungen, lebt. Der zerklüftete Küstenabschnitt am Rist des italienischen Stiefels hat jedenfalls nichts mit dem Vatikan zu tun. Die bildhübsche 36-Jährige ist eine der wenigen, die nach dem Studium in Norditalien und Deutschland wieder in ihre Heimat zurückkehrten, zu den "terroni", den Hinterwäldlern im Süden, wie die "polentoni", die Polentafresser im Norden, sagen. Vielleicht liegt der Grund für Rossellas Adleraugen ja auch gerade darin, dass die Kalabresen gerne in die Ferne blicken.

Nicht nur Richtung Norden, wohin nach wie vor ein stetiger Exodus arbeitsuchender Süditaliener strömt und Geisterdörfer zurücklässt. Auch nach Sizilien und auf die vorgelagerten Äolischen Inseln, zu denen Stromboli gehört. Fast übermächtig liegt Sizilien vor Reggio Calabria, mit knapp 190.000 Einwohnern die größte Stadt Kalabriens. Nur getrennt durch die Straße von Messina tippt die Stiefelspitze hier förmlich an die Nachbarinsel. Aus der Transparenz der Luft über der Meerenge, aus der Art, wie klar sich die gegenüberliegende Küste aus den Wolken schält, die den Ätna meist einhüllen, schließt Rossella auf das Wetter, den Wind, die Strömungen. Manchmal, wenn der Scirocco Ruhe gibt, nähert sich Messina in Form einer gespiegelten Reflexion über dem Meer, gleich einer Fatamorgana.

Für immer halbfertig

Von Messina her kam auch der Tsunami, der Reggio Calabria in Kombination mit einem heftigen Erdbeben 1908 nahezu vollständig zerstörte. Unbeschadet blieben die mehrere hundert Jahre alten Baumriesen, die den "lungomare", die schnurgerade Promenade, säumen. Am verwaisten Strand zerbröckeln einst vornehme Badehäuser, Graffiti zieren wie Fresken die Mauern des leerstehenden Segelklubs. Oberhalb, in den schachbrettförmig angelegten Gassen, die sich in Stufen den Hang hinaufhanteln, ruhen die renovierten Palazzi in der stehenden Hitze, bewacht von ausladenden Oleanderbäumen. Dort steht auch das Haus des verstorbenen Modeschöpfers Gianni Versace, das vollkommen unscheinbar jeglicher touristischer Ausbeutung trotzt. Dafür gibt es eine Freiluft-Rolltreppe, die im Schneckentempo die oberen Teile der Stadt erklimmt.

Der Autor Pier Paolo Pasolini brachte es in den 50er-Jahren auf den Punkt: "Trotz einiger prächtiger Ecken und Straßenzüge, eines Barocks, der aus Fleisch gemacht scheint, trotz der Kathedralen von unerhörter, beinahe überladener Üppigkeit, sind es keine schönen Städte: Sie scheinen stets gerade wieder aufgebaut worden zu sein, nach einem Erdbeben, alles ist provisorisch, baufällig, schäbig, unfertig", schrieb Pasolini über "Städte wie Reggio" in seinem Reisebericht Die lange Straße aus Sand.

Halbfertig bleibt auch die Autostrada del Sole, die den Norden Italiens mit dem Mezzogiorno verbindet und in Reggio endet. Seit Jahrzehnten ist sie eine Baustelle. Politische Scharmützel und der Einfluss der im Bau-gewerbe übermäßig engagierten Mafiaorganisation 'Ndrangheta sorgen regelmäßig für Staus und scheinbar willkürliche Straßensperren. Auch die höchst umstrittenen Pläne Berlusconis, eine Brücke vom kalabrischen Scilla nach Sizilien zu spannen, sind bisher versandet.

Zum Glück, denn Scilla ist das Venedig Kalabriens, wie Rossella betont. "Im ersten Stock wohnt das Meer, im zweiten erst wohnen die Leute." Das gläserne Wasser scheint tatsächlich in die buckeligen Häuser hineinzuschwappen, die sich hinter dem hocherhobenen Kastell zusammendrängen. Es ist Schwertfischsaison. Draußen in der Meerenge hocken die Fischer auf ihren Aussichtsplattformen hoch oben am Mast, um die bis zu zwei Meter langen Schwertfische im klaren Wasser auszumachen. Genau hier war Homer zufolge Odysseus am Mast seines Schiffes festgebunden, um dem Gesang der Sirenen widerstehen zu können. Am Ufer prangern Transparente die Vernachlässigung durch die Regierung an.

Im Hinterland erhebt sich von den Oliven-, Orangen- und Bergamottenhainen das Bergmassiv Aspromonte in bis zu knapp 2000 Meter Höhe. Eine Legende besagt, dass die Götter mit Sand spielten und dabei dieser Landstreifen zwischen dem Tyrrhenischen und dem Ionischen Meer entstand, wie wild hingewürfelt, zusammenjongliert aus verschiedensten Vegetationszonen. Im Winter schneit es auf die dichten Kastanien- und Eichenwälder des Aspromonte, es gibt sogar ein Skigebiet. Die schwer erreichbaren Bergdörfer dienen auch der 'Ndrangheta, dem profitabelsten Konzern und größten Arbeitgeber der Region, als Rückzugsorte. Die Organisation sei ein Staat im Staat, sagt Rossella, den Jungen werde keine Chance für einen ehrlichen Verdienst gegeben.

Klippen und Tartufo

Trotzdem: Man kann verstehen, warum Rossella wieder heimkehrte, zurück ans Capo Vaticano. Dort eröffnet sich die vollendete Pracht der tyrrhenischen Küste. Ein grünes Hochplateau bricht in einer Steilküste zum Meer hinab. Zwischen den Klippen blinken weiße Sandbuchten auf, Ohrwaschel-kakteen treiben lampengroße gelbe Blüten. Ein Leuchtturm, der noch händisch bedient wird von der Familie, die darin wohnt. Zur Zeit der Griechen hat in den Höhlen im Fels ein Orakel gehaust, das Seefahrern Tipps für eine sichere Fahrt durch die gefährliche Straße von Messina gegeben hat, erzählt Rossella. Noch heute pilgern Ratsuchende hierher - und bekommen vom Wind eine Antwort geflüstert, ist sie überzeugt.

Weiter nördlich an der Küste thront Tropea, touristisches Zentrum und (zu Recht) Juwel der Region. Es flirrt nur so in den Straßen der Altstadt und an den Stränden. Und doch hat sich das stolze Städtchen eine erdig-warme Ursprünglichkeit bewahrt. Einen Hauch mondäner gibt sich Pizzo, bekannt für Tunfisch und Tartufo, eine herrlich schokoladige Eis-praline. Ein weitläufiger Platz über dem Meer dient als Wohnzimmer, Bühne und Laufsteg zugleich. Die Kirche beschallt mit ihrem verstärkten Orgelsound die halbe Stadt, und in der Burg stellen verkleidete Schaufensterpuppen das Schicksal des französischen Marschalls Joachim Murat nach. Der Schwager Napoleons wurde hier 1815 erschossen, womit die französische Fremdherrschaft über Süditalien endete.

"Keine Eile", sagt die Kellnerin des Cafés auf der Piazza, als wir um die Rechnung bitten. "Es ist immer Zeit zum Zahlen und zum Sterben." Man könnte sich an diese gar nicht zynische Liebe zum Morbiden gewöhnen. Denn die macht ja einen Teil des rohen Charmes Kalabriens aus. Und siehe da: Nach einiger Zeit sieht man plötzlich auch den Stromboli am Horizont. (Karin Krichmayr/DER STANDARD/Printausgabe/17.07.2010)

Ich war im Mai am Cap Vaticano - und war enttäuscht!

Ja, die Küste und das Meer sind wunderschön. Aber -
die kalabresischen Dörfer und Städte sind vom Verfall gezeichnet. Überall vermüllte Straßen und Plätze, Häuser, die verfallen und aus deren halbfertigen Stockwerken rostige Stahlträger ragen. Selbst an Aussichtspunkten in Städten wie Tropea und Pizzo fanden sich Schmutz und Verfall.
Am schlimmsten aber fand ich die mangelnde Gastfreundschaft der ortsansässigen Hoteliersfamilie.
Unfreundlich, abweisend, ignorant war das Verhalten dieser Kalabresen. Auch sonst schienen mir die Menschen dort seltsam abweisend und verschlossen.
Von 13 - 17 Uhr fand konnte man allenfalls ein Eis in einer Gelateria essen, alles andere war geschlossen.

Und über allem thront die 'Ndrangheta...

*schmacht*
einfach nur verführerisch!!

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