WM-Finale verweigern

  • Fußballschauen, erst recht per Public Viewing, ist so, wie mit einer 
Grippe zum Höhepunkt der Grippezeit siech darnieder zu liegen.
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    Fußballschauen, erst recht per Public Viewing, ist so, wie mit einer Grippe zum Höhepunkt der Grippezeit siech darnieder zu liegen.

Pro: "Abseits-Abstauber" von Thomas Rottenberg - Contra: "Kleine Sehnsucht" von Ljubisa Tosic

+++Pro
Von Thomas Rottenberg

Fußballschauen, erst recht per Public Viewing, ist so, wie mit einer Grippe zum Höhepunkt der Grippezeit siech darnieder zu liegen: Die Vorstellung, dass es noch eine Welt gibt, in der in diesem Augenblick Fieber, Schüttelfrost und Gliederschmerzen aber so was von keine Rolle spielen, mutet nachgerade absurd an: Wo doch in allen Nachrichtensendungen ... auf allen Internetseiten ... überhaupt überall ...

Doch selbst im Fieber denkt man oft (kurz) klar: Wieso laufen Wasser, Strom und Internet, wenn die ganze Welt krank ist? Wenn es sie also gibt, weil es sie geben muss: Wie sieht diese Welt jenseits der eigenen Fieberkurve aus?

Fußballschauen ist ähnlich. WM-Finalegucken sowieso. Wer sich da mitten im Public-Viewing-Getöse kurz umdreht, entdeckt sie vielleicht, diese andere Welt: Menschen, die fröhlich nicht auf die Wuchtelleinwand schauen - und die, weil ihre Freunde im Bann des Balles gut versorgt sind, auf die Frage, ob es anderswo etwa ein anderes Finale geben könnte, laut und fröhlich: "Klar! Gemma!" lachen.

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Contra---
Von Ljubisa Tosic

Nachdem's keine Rückkehr ins gefährliche Neandertal der Vorfahren gibt, haben wir ein Problem. Zwar ist es als Fortschritt zu werten, dass wir jene ungemütlichen Entscheidungssituationen nicht mehr erleben müssen, in welche die Erfinder des aufrechten Ganges gerieten, sobald sie von den Bäumen sprangen: Im Match mit der tierischen Umwelt kamen sie bei Sieg mit dem Leben und vollem Magen davon; bei Niederlage wurden sie zur Mahlzeit. Gut, dass uns der Stress erspart bleibt.

Und doch! Irgendwo in uns ist da eine kleine Sehnsucht nach dieser alten Spannung, nach Momenten des Seins oder Nichtseins, ist da ein Phantomschmerz, den nur der Fußball - diese schöne Simulation des Archaischen - stillen kann. Also muss das zumindest alle vier Jahre sein: Aus der Position des Voyeurs identifiziert man sich mit 22 Balltretern, die stellvertretend für uns, einen finalen Überlebenskampf ausfechten. Und ob Sieg oder Niederlage, wir überleben, werden nicht zur Mahlzeit, und die Spieler - in der Regel - auch nicht. (Der Standard/rondo/09/07/2010)

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