Die Flusskrebsgelage im Royal Yacht Club sind nur ein Grund für einen sommerlichen Ausflug nach Helsinki. Ein Designrundgang mit Sud
Es gibt ja viele Gründe, im Sommer nach Helsinki zu kommen: Finnen-Design 2.0 etwa, das auch Jahrzehnte nach Aalto kein bisschen alt aussieht. Marimekkos stets ein wenig gedopt wirkende Seventies-Blümchenmuster im natürlichen Shopping-Habitat der lichtgefluteten Pohjoise Esplanade blühen zu sehen - auch das macht Lust auf diese Stadt. Viel Elementares ließe sich pro Helsinki erwähnen: die fast schon die Gesundheit gefährdende Überdosis an Frischluft, die Helsinkis Straßen echt cool macht - just dann, wenn Hitzewellen andernorts verschwitzte Pomadescheitel ziehen. Und vielleicht lohnt der Trip ja sogar wegen des Essens. Auch wenn das im Moment eher nach daumendick geschnittener Wurst aussieht und blassweiße Käsekügelchen vom Butterpaper auf den Edelstahltresen rollen, dem warmen Porilainen-Wecken davon. Dazu muss man wissen: Porilainen ist Finnlands Antwort auf den Hamburger. Ordert man ihn gegen drei Uhr früh, und an der sanft Richtung Felsendom ansteigenden Dagmarinkatu, geht man dabei auf Imbiss-Nummer sicher.
Das hier gelegene Jaskan grilli ist ein stiller Star unter Helsinkis Grilli kioski, wie die finnische Subspezies des Imbissbuden-Panoptikums heißt. Schläfrige Taxifahrer quietschen sich um diese Uhrzeit vor der berühmten Finlandia-Halle ein, verziehen sich nach kurzer, stummer Wartezeit feierlich kauend auf ihre Lada- und Saab-Sitze. Ehepaare im Stile der Simpsons werfen stoisch Makkaraperunat ein, den wie mit der Nagelschere zurechtgeschnipselten Wurst-, Kartoffel-, Gemüse-Häufchen-Snack. In weichen Wodka-Dunstwellen spült es die verquollenen Wochenend-Nomaden des schon recht lang gewordenen Abends am Kioski vorbei: Finnen in diversen Stadien der tendenziell melancholisch gefärbten Selbstverflüssigung, gegen die nur noch Lihapiirakkamakkara ankämpfen kann - Fleischpirogge gewordener Rettungsanker. Gelegentlich treibt die kurze, helle Nacht versprengte Touristen vor sich her, denen das Jaskan grilli als krönender Abschluss des gerade brav absolvierten Kaurismäki-Drink-Trails empfohlen wurde. Auch der so ein Lokal-Klassiker, und gerade ein paar Minuten weit entfernt. Drei Lokale insgesamt, in denen gelegentlich der Kultregisseur selbst herumhängt, und Aki Kaurismäkis legendärer Lieblingsschauspieler Matti Pellonpää gleich jeden Abend - allerdings nur als Porträtbild. Billard im "Corona", vielleicht ein Gig in der darunterliegenden Keller-Lounge des "Dubrovnik". Und drei Häuser weiter, im "Mos-kwa", ein paar Wodka, den die Kellnerinnen genau so servieren, wie ihn vielleicht Breschnew am liebsten genossen hatte: schnell und im Abgang mit rotem Stern. So sieht die cineastische Lokalrunde durchs lebhafte Kampen-Viertel aus.
Helsinki hat Nährwert, davon handelt diese Geschichte. Und mitunter isst hier ja nicht bloß die Seele, sondern auch das Auge ganz gewaltig mit. Besonders klassisch am zentralen Glaspalast, dem Lasipalatsi, jenem Wohnzimmer der Stadt, das Fans der Wiener Aida-Kette zunächst durch den Hintereingang betreten sollten: der tadellos konservierten Café-Einrichtung aus den Fünfzigern wegen, die sich im ersten Stock perfekt fortsetzt - mit Kugelleuchten und Preiselbeerkompott zum Rentiergulasch. Aber auch mit Panoramablicken über die angrenzenden Gastgärten der neueren Ära: Die mit DJ-Beschallung ausgestattete Ombar, oder das Café des ambitionierten Kiasma-Museums sind perfekte Beispiele dafür.
Finnlands Hauptstadt kennt mehrere solcher Locations, die Sightseeing-Etappen definieren: Das "Strindberg" an der zentralen Esplanade etwa, ein tadellos inszeniertes Drama von einem Café, allein der Preise wegen, aber auch weil es aufgrund der privilegierten Lage längst zum Schnösel-Balkon verkommen musste. Einige Schritte weiter, jenseits der zentral verlaufenden Mannerheimint-Straße, hat sich das Prinzip Strindberg in eine studentische Variante verwandelt, die "Café Ekberg" heißt und immerhin mit geruhsamen Brunch auffahren kann.
An dieser Stelle scheiden sich die Geister - aber auch die Geschmäcker. Tiefer in den Design District rund um die Uudenmaankatu hinein? Einem Viertel, das mit 170 einschlägigen Shops und Galerien auch Gusto auf Kreativszene macht? Dann kann man nach zehn Minuten Punavuori entdecken, Helsinkis neues Soho, das mit der Hietalahti-Markthalle Skandinaviens charmantesten Flohmarkt bereithält. Oder doch wieder zurück zum Kauppatori-Hafen? Wo das Havis Restaurant an lokale Seafood-Traditionen erinnert, und wo all den kurzfristig vom Kreuzfahrtschiff Entlassenen, die Helsinki zurzeit einen kleinen Cruise-Tourismus-Boom bescheren, die übliche Abspeisung droht? Die fettigen Strömlinge und in breiten Pfannen frittierten Sprotten übernehmen diesen Part. Wohl auch die bunten Etiketten, die beim Bummel durch die neu renovierte Jugendstil-Markthalle Kraftreserve aus der Konserve versprechen: Getrocknete Rentier-Chips, Elch-Streichwurst, Bärengulasch aus der Dose zählen hier zu den Takeaway-Rennern.
Mehr Zeit, und im Idealfall ein Spesenkonto und eine leichte, aber warme Jacke, weil die Witterung während der kurzen Bootsfahrt umschlagen kann oder man sich bei der Rechnung stark verkühlt - das wäre die ideale Grundausstattung zur vielleicht verlockendsten kulinarischen Fährte, die das sommerliche Helsinki legt, französisch-finnisch inspirierten Michelin-Sterne-Restaurants wie dem "Chez Dominique" zum Trotz.
Es geht um das krebsrote Leuchten, das sich auf der nur wenige Möwenflügelschläge entfernten, für Flusskrebs-Gelage berühmten Holzvilla des NYK Royal Yacht Clubs neben dem Tellerrand und in Form ewig langgezogener Abendröte fortsetzt. Die Restaurantinsel, die einen eigenen Fährdienst unterhält, was Zechpreller zum Kraulen zwingt, ist der perfekte Rahmen, um an die bürgerlichen Wurzeln der skandinavischen Krebsessen-Tradition zu erinnern: knarrende Holzdielen, Porzellan wie von Pippi, weiße Leinentücher, Dillkronen, Schnaps, die Wimpelchen befreundeter Yachtclubs, wippende Segelboote hinter der Gardine, das aufgekratzte Stakkato der Möwen, lange Schatten - alles das. Die kalt genossenen Edelkrebse, denen draußen, an den tausenden Seen, mit Reusen nachgestellt wird und die im Gegensatz zum Nachbarland Schweden erst ansatzweise von türkischen Bergseen importiert werden müssen, sowieso. Und das heißt: Sud saugen, Krebsbutter per Daumennagel aus der Rückenplatte kratzen, Scheren knacken. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Printausgabe/03./04.07.2010)