Die westafrikanischen Inseln São Tomé und Principe liegen genau am Äquator. Robert Haidinger besuchte das Kakao-Paradies.
Körpertäuschung, ein schneller Schritt, schon ist der Knirps in der gegnerischen Hemisphäre. Übersteiger am vierzigsten Breitengrad, Ball abgelegt, Tor. Das Match ist aus, Nordhalbkugel gegen Südhalbkugel endet 7:10. Vielleicht gibt es am Abend noch eine Revanche. Vielleicht auch nicht. Denn wenige Minuten später kann man die Kinder der Ilhéu Rolas bereits weiter unten sehen: auf groben Holzbrettern, die sie wie Surfbretter in die Brandung schieben.
Wir sind am Mittelpunkt der Erde angelangt und bei der dreikommafünften Äquatorüberquerung an diesem Morgen. Denn im Moment stehe ich mit einem Bein in der südlichen, mit dem anderen in der nördlichen Hemisphäre. Den Äquator selbst hätte ich mir allerdings anders vorgestellt, irgendwie eleganter. Hier ist er ein schwarzer Fliesenstreifen, so breit und abgewetzt wie ein abgetragener, altmodischer Herrengürtel, der die üppige Natur kaum im Zaum halten kann. Verwelkte Blätter und Erdkrumen bläst die frische Brise auf die Aussichtsplattform.
Bodenmosaike bilden hier Kontinente ab, der Äquator die Mittellinie für den spontanen Nachmittags-Kick.
Hemisphären-Hopping ist auf der Ilhéu Rolas eine Art Pflichttermin. Immerhin liegt die Miniinsel genau am Äquator und als Teil des zweitkleinsten afrikanischen Staats São Tomé & Principe näher als jedes andere Land am Greenwich-Nullmeridian - was den im Golf von Guinea versteckten Zwergstaat zum Mittelpunkt der Erde macht.
Zentrum des lokalen Badetourismus ist Rolas überdies. Die portugiesische Pestana-Hotelkette hat sich schon vor Jahren hier eingekauft, knüpft nun mit Bungalows an die Geschichte einer alten Handelsstation an, die die Portugiesen, die São Tomé 1470 in ihre große koloniale Tasche steckten, auch hier angelegt hatten. Seit Badetourismus Kakaobutter ersetzt, leuchten die alten Gebäude in frischen Farben: Der kleinen, feinen Kapelle wurde ein gelber Anstrich verpasst, die roten Erdwege ausgebessert. Doch der Hauch von Verfall, der sich seit dem Erliegen der kolonialen Plantagenwirtschaft einstellte, umweht auch die Musterinsel: An der Praia Café rostet ein altes Schiffswrack auf weißem Sand, Salzwasser hat den Steg bis aufs Skelett abgenagt. Ein immerhin unaufgeregtes Bild, das sich zwei Strände weiter ganz kitschig fortsetzt. Hier haben Hotelangestellte mit nackten Zehen verschlungene Herzen in den weichen Sand geritzt.
Die Ilhéu Rolas liegt zwei Bootsstunden von La Ciudad, wie São Tomé Hauptstadt genannt wird, entfernt - eine netter Cruise, der an einigen der schönsten Strände der bergigen Hauptinsel entlangführt: Ribeira Peixe, Praia Setre Ondas, Praia de Micondó - allesamt aus ockerfarbenem Sand und dichtem Urwaldbewuchs komponiert. Spannender ist trotzdem der Landweg zum Bootsanleger Ponte Baleia. Água Izé, die größte Kaffee-Coop des Landes liegt da am Weg. Und wenige Kurven später ein Grüppchen Halbstarker auf selbstgeschnitzten Holz-Motorrädern, die von São Tomés Mangel-Ökonomie und Afrikas künstlerischem Talent zeugen.
Zauberhut von einem Berg
Dann taucht hinter Angolares, einst Nukleus von São Tomés Freiheitskampf, der verrückteste Berg der Insel auf: Cão Grande, ein 664 Meter hoher Basaltfinger, über dessen Kuppe die längste Zeit weiße Nebelschwaden streichen, aber auch Falken, Milane, Reiher. Erst 2001 schafften vier Italiener die Erstbesteigung.
Aber Angolares hat mehr zu bieten als einen Zauberhut von einem Berg und Exkursionen in dichte Bergwälder, mit hoher Dichte an endemischer Spezies. Das beweist der Besuch der gleich am Ortseingang gelegenen Roca São João. Eisenvögel hocken da in den Ecken des alten Plantagenhauses, mit Körpern, die sich auf den zweiten Blick als von Rost zerlöcherte Mopedtanks entpuppen, auf denen sich lange Auspuffhälse neugierig nach vorne recken.
Die Sperrmüll-Skulpturen kommen freilich nicht allein. Aquarelle, auf denen die Marktfrauen zu bunten Farbklecksen gerinnen und die so ähnlich aussehen, wie eben noch durch die angelaufenen Scheiben des Nissan 4WD betrachtet, hat der Besitzer über die Wände der Roca verteilt, seinen Angestellten blumige Kostüme verpasst. Berühmt sind aber auch die Kunstwerke, die João Carlos Silva eigenhändig auf die Keramikteller pinselt: Tomaten mit Chorizo-Scheibchen, Marlin-Carpachio mit Mango-Marinade - so sehen die kulinarischen Kreationen aus, die ihn zum einem bekannten Fernsehkoch Westafrikas machen.
Bunt zusammengewürfelt wirken freilich auch die Gäste, die vor dem Herz seiner Küche, einem mit Holz befeuertem Ofenungetüm, und auf den langen Holztischen der überdachten Terrasse soeben zum Lunch zusammentreffen: ein Grüppchen deutscher Wanderurlauber, die von Wasserfällen und Dschungeltrekking schwärmen und nun zu Kokoskuchen und Kaffee Makros des aufgespürten Nashornkäfers aufs Display zoomen; ein spanischer Surfista, der von Flussmündungen voller Haie schwärmt; Entwicklungshelferin Paula aus Oporto, die gleich die nächsten acht Monate in der Künstler-Roca wohnen und Angolares Fischer-Community betreuen will, auch den Alten mit dem Armstummel - schöne Grüße von den Mündungshaien.
Paula erzählt von der internen Konkurrenz an Hilfsprojekten. São Tomé, das Land mit dem schwächsten Bruttonationalprodukt der Welt, ist gemeinsam mit den Kapverden Anwärter auf die höchste Pro-Kopf-Entwicklungshilfe aller afrikanischer Staaten. Präsident Fradique de Menezes - weiche Backen, guter Neunter im Rahmen des Ibrahim Index für afrikanische Governance, seit reichen Ölfunden im Niger-Delta-Becken im Visier der ChevronTexaco- und ExxonMobil-Geier - macht für westafrikanische Verhältnisse relativ gute Korruptions-Figur. Und das trotz der vielen Schokolade, die über fünfhundert Jahre der wahre Treibstoff des Landes war. Die neunzig Prozent der kultivierten Fläche in Kakao-Wüste verwandelte, und São Tomé eine eigene Spielart vom Fluch der Ressourcen verpasste: den Cacao Curse.
Wie es jetzt weitergeht? Keine Ahnung. Die Jungen vor La Ciudads portugiesischem Fort, die soeben wie sportive Spinnen an rostigen Eisenstangen hängen, die früher zum Verladen der Kakaosäcke dienten, wissen es nicht. Die portugiesischen Statuen mit den versteinerten Marmormienen glotzen ohnehin in eine längst versunkene Welt: Der älteste Kirchenbau der Subsahara kommt darin vor, später Afrikas erster Sklavenaufstand, die erste Kakaoplantage des schwarzen Kontinents. Claudio Corallos Gourmet-Schokolade hingegen nicht. Dabei sind die exklusiv vertriebenen Ingwer- und Orange-Schoko-Riegel des Italieners, der auf seiner Nova Moca Plantage mit alten Kakaosorten experimentiert, längst die besten Botschafter des kleinen Landes geworden: Öko-Plantagen, Wertschöpfung trotz Preisverfalls des Rohstoffs Kakao, Touristen, die es eigens deswegen nach São Tomé verschlägt. Vielleicht ist das auch der Geschmack eines neuen Beginns. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Rondo/02.07.2010)